Demografischer Wandel: Baubranche unter Druck
Österreich sucht händeringend Fachkräfte – und zwar genau jene, die für die grüne Transformation notwendig sind. In der aktuellen Mangelberufsliste für 2025 stehen von Elektromonteur:innen bis hin zu Bauingenieur:innen Profile aus fast allen Feldern, die für Gebäudesanierungen, den Einbau von Wärmepumpen oder für andere Maßnahmen zum Energiesparen entscheidend wären.
Aktuelle Zahlen weisen darauf hin, dass es auch in Zukunft Engpässe geben wird. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) hat untersucht, ob es in Wien genug Fachkräfte gibt, um die Klimaziele im Bau bis 2040 zu erreichen. Die Analyse zeigt: Ausgerechnet in jenen Jobs, die sich Sanierung, Wärmepumpen oder Photovoltaik widmen, arbeiten überdurchschnittlich viele Ältere, ein erheblicher Teil ist 55 plus. In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen große Teile dieser Belegschaften in Pension – und zu wenige Junge rücken nach. Lehrlinge fehlen, Lehrabbrüche werden häufiger, kleine Betriebe finden keine Nachfolge oder bilden erst gar nicht mehr aus.
Daten und Leute fehlen
„Bei baulichen Maßnahmen haben wir genug Fachpersonal. Bei der Haustechnik aber sehe ich ein Riesenproblem“, sagt Michael Haugeneder, Geschäftsführer von ATP sustain, einer Beratungs- und Sonderplanungsgesellschaft für nachhaltiges Bauen und Bauphysik in Wien und München. In die Haustechnik fallen Berufe rund um Heizung, Kühlung, Lüftung und Sanitär bis hin zur Elektrotechnik.
Zuerst war es der totale Hype,
dann ist es zur Pflicht geworden –
und jetzt bricht die Nachfrage ein.
Michael Haugeneder, Geschäftsführer einer Planungsgesellschaft für nachhaltiges Bauen
Vor dem großen Umbau muss allerdings feststehen, welche Gebäude saniert werden müssen. Dafür braucht es Messungen und Datenerhebungen. Doch auch hier fehlen qualifizerte Arbeitskräfte. „Bei den Ingenieur:innen haben wir eindeutig zu wenig Fachpersonal – wir können die nötigen Daten gar nicht schnell genug erheben und analysieren“, sagt Haugeneder.
Neue Gesetzeslage verschiebt Bauprojekte
Und nicht nur das bringt Unsicherheit – auch die schwankende Auftragslage erschwere die Planung. „Zuerst war es der totale Hype, dann ist es zur Pflicht geworden – und jetzt bricht die Nachfrage ein, seit der Omnibus herausgekommen ist“, erzählt Haugeneder. Mit einem Omnibus will die Europäische Kommission bestehende Pflichten zur Nachhaltigkeitsberichterstattung lockern. Die Zurückhaltung bei Bauvorhaben hat aber mehrere Gründe: Neben den neuen Regeln belasten hohe Kosten, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheit die Branche.
Dass die Aufträge fehlen, spüren sowohl Arbeitnehmer:innen als auch Arbeitssuchende. „Die Politik hat viel zu wenige klare ordnungspolitische Vorgaben gemacht – und ohne Planungssicherheit investieren Betriebe nicht ins Personal“, sagt Silvia Hofbauer, Leiterin der Abteilung Arbeitsmarkt und Integration bei der Arbeiterkammer Wien. Die Politik sei unklar in ihren Forderungen und Beschlüssen, stelle Dinge in Aussicht, ziehe sie dann aber wieder zurück.
Hohe Arbeitslosigkeit trotz Fachkräftemangel
Die Arbeitslosigkeit im Bau sei laut Hofbauer in den vergangenen Jahren stark gestiegen – mittlerweile betreffe es vor allem die Industrie. „Im gesamten Bausektor gibt es doppelt so viele Arbeitslose und Schulungsteilnehmer:innen wie offene Stellen“, sagt Hofbauer. Auf der einen Seite gebe es also eine hohe Arbeitslosigkeit – auf der anderen Seite existiere aber trotzdem ein Fachkräftebedarf. Heißt: Es gibt viele Arbeitssuchende in der Branche, aber nicht zwingend in den Bereichen, wo sie aktuell gebraucht werden.

Der scheinbare Widerspruch hat strukturelle Gründe. Ein Kernproblem sieht Hofbauer in der fehlenden Aus- und Weiterbildung: „In den letzten Jahren wurde kaum qualifiziert, weil viele Betriebe bei vollen Auftragsbüchern nicht bereit waren, in Weiterbildung zu investieren.“ Nicht zu wissen, ob die Nachfrage anhalten würde, sei ein Grund dafür gewesen, viele Fachkräfte würden die nötigen Fähigkeiten für die grüne Wende nicht besitzen. Auch die Kleinteiligkeit der Branche hemme die Qualifizierung: „In Wien haben 83 Prozent der Baubetriebe höchstens neun Beschäftigte“, sagt Hofbauer. Dort sei die Weiterbildung schwieriger zu bewerkstelligen.
Attraktivität steigern
Ein weiteres Hindernis liegt im Image der Jobs. „Viele dieser Tätigkeiten gelten als körperlich anstrengend oder schmutzig. Das schreckt Jugendliche ab, obwohl es gut bezahlte Zukunftsberufe sind“, sagt Hofbauer. Entscheidend seien laut der AK-Expertin verlässliche Bedingungen im Betrieb: „Lehrlinge brauchen eine qualitativ gute Ausbildung, Respekt und reale Chancen auf einen guten Arbeitsplatz – das muss man gewährleisten und kommunizieren.“
Erstes Klimaschutz-Ausbildungszentrum in Österreich
Als Antwort auf den wachsenden Bedarf an Fachkräften hat das AMS Niederösterreich gemeinsam mit dem BFI Anfang 2024 ein Klimaschutz-Ausbildungszentrum in Sigmundsherberg eröffnet. Dort werden elf klimarelevante Lehrberufe wie Elektrotechnik, Metalltechnik oder Installations- und Gebäudetechnik vermittelt, auch Weiterbildungen in Spezialbereichen finden statt. Laut AMS Niederösterreich ist die Nachfrage nach Arbeitskräften mit klimarelevanter Ausbildung in den vergangenen fünf Jahren österreichweit um 10 Prozent gestiegen, in Niederösterreich sogar um 37 Prozent.
Viele Betriebe beschäftigten keine älteren Menschen. „Umso wichtiger ist es, dass die Regierung die Aktion 55+ startet. Es ist jedoch entscheidend, dass diese Aktion über viele Jahre hinweg durchgeführt wird, um ihre volle Wirkung zu entfalten“, sagt Ines Stilling, #AK Bereichsleiterin Soziales 🔽
— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 9. Januar 2026 um 14:17
Gebraucht werden die Green Jobs in Zeiten der Klimakrise allemal. Nur: Ständige Änderungen in den politischen Vorgaben bringen Unsicherheit und verhindern langfristige Planung. Und ohne umfassende Aus- und Weiterbildung fehlen den Betrieben sowohl Nachwuchs als auch Fachpersonal. Eine Gefahr für die Energiewende, die so am Umbau scheitern könnte.