Der digitale Graben

Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
Bei genauerer Betrachtung erweist sich das Bild der umfassend kompetenten „digital ­natives“ als Mythos. Wie die „New York Times“ treffend formulierte: „Die Zeitverschwendung im Internet ist die neue ­digitale Spaltung.“
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630.000 Menschen nutzen das Internet nicht. Die Spaltung verläuft entlang von Alter, Geschlecht und Bildungsniveau.

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Es ist manchmal leicht, zu vergessen, welche gewaltigen Veränderungen die Entwicklung des Internets in unserem Alltagsleben ausgelöst hat. Mitte der 1990er-Jahre hatten die meisten Menschen noch kein Handy. Ende der 1999er-Jahre waren drahtlose Internetverbindungen in der eigenen Wohnung oder am Arbeitsplatz weitgehend Science-Fiction. Mitte des ersten Jahrzehnts der 2000er-Jahre waren internetfähige Smartphones noch ein Gerücht. Heute sind iPhone, Tablet und Co nicht mehr wegzudenken.

Diese atemlose und manchmal atemraubende Entwicklung hat das Potenzial, Menschen abzuhängen. Schon lange sprechen WissenschafterInnen deshalb von der Gefahr einer „digitalen Spaltung“ der Gesellschaft. So veröffentlichte das Schweizer Bundesamt für Berufsbildung und Technologie im Juni 2004 einen Bericht über die „digitale Spaltung in der Schweiz“. Darin heißt es: „Bestimmte gesellschaftliche Gruppen haben offenkundig mehr Schwierigkeiten mit IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien) als andere. So haben zum Beispiel ältere Menschen, Frauen, Behinderte, Einkommensschwache oder auch die Bevölkerung im ländlichen Raum messbar weniger Kontakt mit IKT und nutzen diese weniger restriktiv.“

Dem Bericht merkt man stellenweise sein Alter an. So heißt es an einer Stelle, dass „E-Mail bereits bei rund 47 Prozent der Bevölkerung zum Alltag“ gehört. Inzwischen ist diese Zahl weitaus höher. Eine im November 2017 von der AK Wien herausgegebene Studie zitiert eine Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts INTEGRAL, wonach im dritten Quartal 2017 rund 6,45 Millionen ÖsterreicherInnen ab 14 Jahren das Internet nutzen. „Dies entspricht einem Prozentsatz von 86 Prozent. Demgegenüber stehen 14 Prozent der österreichischen Bevölkerung, welche praktisch kein Internet nutzen.“

Von Off- und OnlinerInnen

Diese 14 Prozent, das sind die sogenannten OfflinerInnen. Dabei handelt es sich um Menschen, die das Internet entweder gar nicht oder nur wenig nutzen wollen oder können. In der Studie „Benachteiligungen von OfflinerInnen im KonsumentInnenalltag“ heißt es dazu: „Tendenziell handelt es sich bei den OfflinerInnen um weibliche Personen höheren Alters mit formal niedriger Bildung und beschränkten finanziellen Mitteln.“ Es scheint, als seien manche Dinge seit dem Jahr 2004 gleich geblieben. Die Studie verweist zudem auf Erhebungen der Statistik Austria aus dem Jahr 2017, wonach 630.000 Personen in Österreich das Internet überhaupt noch nie genutzt haben sollen.

Alter, Geschlecht und Bildungsniveau werden als entscheidende Faktoren für die Häufigkeit der Internetnutzung angegeben: „Kennzeichnend für die Personengruppe der NutzerInnen ist, dass mehr Männer (93 Prozent) als Frauen (80 Prozent) auf das Internet zugreifen.“ Im Alter von 60 bis 69 Jahren sind 25 Prozent den NichtnutzerInnen zuzuordnen, in der Altersgruppe 70 Jahre und älter sind es sogar 45 Prozent. Personen mit Matura nutzen das Internet häufiger (96 Prozent) als jene ohne Matura (80 Prozent).

630.000 Menschen, die das Internet nicht nutzen, sind wahrlich eine große Personengruppe. Zum Vergleich: Wiens bevölkerungsreichster Bezirk Favoriten beheimatet rund 200.000 Menschen. Umgekehrt betrachtet aber sind 14 Prozent OfflinerInnen eine schwindende Minderheit. Und Minderheiten haben es schwer, das ist auch in der Onlinewelt so. Es lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, die zeigen, dass OfflinerInnen im öffentlichen Leben zunehmend benachteiligt werden.

Daniela Zimmer ist Expertin für Konsumentenschutz bei der Arbeiterkammer. Sie meint: „Durch die Digitalisierung vieler Lebensbereiche laufen KonsumentInnen, die an der Internetentwicklung nicht teilhaben können oder wollen, immer öfter Gefahr, bei ihrer Alltagsbewältigung benachteiligt zu werden.“ In einem Blogbeitrag für die Arbeit&Wirtschaft fasst sie zusammen: „Offliner verzichten auf den raschen Zugang zu Infos und zunehmend auch auf kostengünstige Onlineservices – etwa Diskontbanken, die nur E-Banking anbieten, billigere elektronische Zugtickets, Dienste der Sharing Economy, Kleinanzeigenplattformen und so weiter.“

Um hier einer weiteren Diskriminierung vorzubeugen, fordert Zimmer ein „rechtlich verankertes Mindestmaß an analog erbrachten Leistungen“. Sie führt folgende Beispiele an: Papierrechnungen, gedruckte Formulare bzw. Informationen sowie persönliche Kontaktangebote für zentrale Lebensbereiche wie Mobilität, Energie, Telefonie, Kontoführung oder Gesundheit.

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