Als Grundlage für KV-Verhandlungen: Branchenanalysen

Das Aushandeln von Kollektivverträgen ist die Kernkompetenz der Gewerkschaften. Dafür kommen zahlreiche ExpertInnen, BetriebsrätInnen und FunktionärInnen über das ganze Jahr hinweg zum Einsatz.
Die Vorbereitungen beginnen schon lange vor den eigentlichen KV-Verhandlungen, der basisdemokratische Teil davon startet in den Betrieben. Dort werden die Betriebsratsmitglieder nach ihren Wünschen gefragt. Denn erstens geht es bei KV-Verhandlungen in der Regel nicht nur um ein oder zwei Zahlen, sondern es wird detailliert über das Einkommen von ArbeiterInnen und Angestellten, über Zulagen, Lehrlingsentschädigungen usw. verhandelt. Zweitens sind Löhne und Gehälter nicht die einzigen Inhalte von Kollektivverträgen, sondern etwa auch Urlaubsregelungen oder Arbeits- und Ruhezeiten.

In Form der Branchenanalysen der Arbeiterkammer (siehe Kasten) wird die wirtschaftliche Lage der jeweiligen Branche und die gesamte Wirtschaft beurteilt.

Die Vorschläge und Anregungen der BetriebsrätInnen werden gesammelt und zusammengefasst. Parallel dazu laufen die wissenschaftlichen Vorarbeiten: In Form der Branchenanalysen der Arbeiterkammer (siehe Kasten) wird die wirtschaftliche Lage der jeweiligen Branche und die gesamte Wirtschaft beurteilt. Diese Analysen bilden gemeinsam mit der prognostizierten Inflationsrate sowie der Steigerung der Produktivität eine wichtige Grundlage für die Forderung nach Gehaltserhöhungen. In den zuständigen Gremien der Gewerkschaft werden sämtliche Wünsche und Daten dann beurteilt, und es wird ein entsprechendes Forderungsprogramm erstellt.

Aus diesen Branchengremien, die möglichst ausgewogen (mit VertreterInnen von Lehrlingen, Frauen, der Bundesländer etc.) zusammengestellt werden, wird das sogenannte „kleine Verhandlungsteam“ entsandt. Diese Personen sitzen dann – gemeinsam mit FachbereichssekretärInnen und mitunter auch den KV-Verantwortlichen der jeweiligen Gewerkschaften – für die ArbeitnehmerInnenseite am Verhandlungstisch. Die Größe dieses Verhandlungsteams variiert je nach Branche stark, so sitzen etwa bei den Metallern bis zu 80 ArbeitnehmervertreterInnen am Tisch, in der Elektronikindustrie sind es 20, in manchen Branchen aber auch nur fünf Personen. Die Forderungen werden den ArbeitgeberInnen übrigens schon einige Zeit vor der ersten Verhandlungsrunde übergeben.

Nach dem KV-Abschluss

Welcher Kollektivvertrag für einen Beschäftigten bzw. eine Beschäftigte gilt, muss im Dienstzettel oder Dienstvertrag angegeben sein. Der gültige Kollektivvertrag muss außerdem im Betrieb zur Einsicht in einem allgemein zugänglichen Raum aufliegen. Wer seinen Kollektivvertrag in Ruhe nachlesen will, kann das beispielsweise auf www.kollektivvertrag.at tun. Auf dieser Informationsplattform von ÖGB, Gewerkschaften und Sozialministerium sind alle aktuell gültigen KV-Inhalte öffentlich zugänglich. Außerdem werden Basisinfos sowie News zu KV-Abschlüssen und -Verhandlungen geboten. Für Gewerkschaftsmitglieder stehen nach ihrem Log-in noch weitere Funktionen zur Verfügung, wie ein leichteres Navigieren im Dokument, die Schnellsuche nach bestimmten Inhalten sowie das Erstellen und Drucken eines PDFs.

Branchenreports als Ausgangsbasis

Die umfangreichen Branchenanalysen der Arbeiterkammer Wien (Abteilungen Betriebswirtschaft und Wirtschaftswissenschaften) bieten eine wertvolle Orientierung für die Forderungen in KV-Verhandlungen.

Egal ob Metall- oder Elektroindustrie, Forschungseinrichtungen, Banken oder Versicherungen, vor und während KV-Verhandlungen leisten die Branchenanalysen der Arbeiterkammer den ArbeitnehmervertreterInnen wertvolle Dienste. Seit mehr als 20 Jahren liefern diese Reports einen profunden Überblick über die aktuelle Situation der jeweiligen Branche (Herausforderungen, Ertragslage, Personalkennzahlen etc.), die Bilanzdaten der größten Unternehmen sowie Daten zur gesamtwirtschaftlichen Situation.

Egal ob Metall- oder Elektroindustrie, Forschungseinrichtungen, Banken oder Versicherungen, vor und während KV-Verhandlungen leisten die Branchenanalysen der Arbeiterkammer den ArbeitnehmervertreterInnen wertvolle Dienste.

Für diese umfangreichen Analysen nutzen die AK-ExpertInnen einen umfassenden Datensatz von insgesamt über 3.000 Unternehmen aus den unterschiedlichen Branchen, der laufend aufgearbeitet wird. Als Quellen werden die Jahresabschlüsse von mittelgroßen und großen Kapitalgesellschaften, Daten des Wirtschaftsforschungsinstitutes (WIFO) sowie von Statistik Austria, Fachverbänden etc. herangezogen.

Die Branchenreports entstehen dann in Kooperation mit den jeweils zuständigen Gewerkschaften. Die entscheidenden Inhalte und Ergebnisse aus diesen meist mehr als 50 Seiten umfassenden Branchenanalysen werden den Verhandlungsteams der Gewerkschaften in Form einer kurzen Präsentation vorgestellt. Konkrete Forderungen, vor allem bezüglich Lohnerhöhungen, werden allerdings erst von den Gewerkschaften – unter Berücksichtigung der Inflationsrate sowie der Steigerung der Produktivität – erarbeitet. In den Kollektivvertragsverhandlungen stellen die Branchenanalysen mit ihrem umfangreichen Zahlenmaterial nicht selten eine wertvolle Argumentationshilfe dar.

Viele dieser Branchenanalysen sind nach Abschluss der Verhandlungen online abrufbar: www.arbeiterkammer.at/service/studien/wirtschaftundpolitik/branchenanalysen

Von
Astrid Fadler

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 2/20.

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