Interview Alexander Van der Bellen: Auf die Solidargemeinschaft bauen

Fotos (C) HBF / Lechner
Bundespräsident Alexander Van der Bellen über den sozialen Frieden und den Beitrag der Arbeiterkammern, das Arbeitsleben auch in Zukunft lebenswert zu gestalten.

Inhalt

  1. Seite 1 - Die Sozialpartnerschaft
  2. Seite 2 - Die Digitalisierung
  3. Seite 3 - Die Demokratie
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Arbeit&Wirtschaft: In Europa beneiden uns so manche um die Arbeiterkammer. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Aufgabe dieser Institution?

Alexander Van der Bellen: Die wichtigste Aufgabe einer Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmervertretung ist es, dafür zu sorgen, dass es gute Arbeitsbedingungen und keine Ausbeutung gibt. Arbeitende Menschen sollen von ihrem verdienten Geld auch leben können, sollen ausreichend Freizeit haben und über ihre Arbeitswelt mitbestimmen können. Und sie sollten jemand haben, der sie berät und unterstützt, wenn es Probleme gibt.

ArbeitnehmerInnen sind nächstes Jahr dazu aufgerufen, ihr „Parlament“ zu wählen. Warum sollten sie überhaupt wählen gehen?

Wer mitbestimmen will, muss wählen gehen. So einfach ist das. Gerade in einer Zeit, in der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer immer mehr unter Druck kommen, ist die demokratische Teilhabe besonders wichtig.

Wenn Sie den KandidatInnen für die AK-Wahl einen Wunsch mit auf den Weg geben könnten, wie würde dieser lauten?

Alle Menschen sollen von ihrer Arbeit nicht nur irgendwie, sondern gut leben können. Alle Menschen verdienen eine gute Atmosphäre an ihrem Arbeitsplatz. Setzen Sie sich bitte dafür ein. Das Ziel sollte sein, dass möglichst alle Menschen gerne zur Arbeit gehen.

Alle Menschen sollen von ihrer Arbeit nicht nur irgendwie, sondern gut leben können. Alle Menschen verdienen eine gute Atmosphäre an ihrem Arbeitsplatz. Setzen Sie sich bitte dafür ein. 

Wenn wir das schaffen, dann haben wir sehr viel gewonnen.

Wie stehen Sie zur Sozialpartnerschaft?

Was Österreich auszeichnet, ist der hohe soziale Friede. Und das hat natürlich damit zu tun, dass sich die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer mit den Vertretern der Arbeitgeber und der Bauern in der Sozialpartnerschaft regelmäßig zusammensetzen. Gemeinsam sind sie in der Lage, auch bei unterschiedlichsten Positionen konstruktive Gespräche und Verhandlungen auf Augenhöhe zu führen, die Interessen des jeweils anderen zu verstehen und schlussendlich zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Das ist wichtig für den sozialen Frieden im Land.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Es hat ja vor Kurzem einen Wechsel an der Spitze aller vier Sozialpartner gegeben. Ich denke, die Neuen befinden sich in einer Phase des gegenseitigen Kennenlernens und des Aufbaus von wechselseitigem Vertrauen. Das ist aber bei einem Wechsel normal.

Glauben Sie, dass es die Sozialpartnerschaft in ein paar Jahren noch geben wird? Was spricht dafür, sie beizubehalten?

Die Sozialpartnerschaft hat, wie schon erwähnt, wesentlich zum sozialen Frieden in unserem Land beigetragen. Das beizubehalten sollte im Interesse aller Beteiligten sein.

Die Sozialpartnerschaft hat, wie schon erwähnt, wesentlich zum sozialen Frieden in unserem Land beigetragen. Das beizubehalten sollte im Interesse aller Beteiligten sein. 

Die Arbeitswelt durchlebt nicht zuletzt durch die Digitalisierung einen großen Wandel. Wo sehen Sie die größten ­Herausforderungen? Zudem lässt die Digitalisierung ExpertInnen wieder vom nahen „Ende der Arbeit“ sprechen. Ein realistisches Szenario?

Die Digitalisierung wirft natürlich viele Fragen auf, die wir heute teilweise wohl noch gar nicht beantworten können. Wie wirkt sich der technologische Wandel auf die Arbeitsbedingungen aus? Werden noch alle Menschen Arbeit haben? Wie wird der Datenschutz sichergestellt?

Das „Ende der Arbeit“ wurde übrigens schon öfter ausgerufen und ist bis heute nicht eingetreten. Ja, es gibt keine Kutscher mehr, abgesehen von ein paar Fiakern. Ja, es gibt keine Setzer mehr in den Verlagen. Aber es sind neue, andere Jobs entstanden. Ich denke daher, wir sollten diesen neuen Herausforderungen mit Zuversicht begegnen. Aber zugleich darauf achten, dass die Arbeitsbedingungen der Menschen möglichst verbessert werden.

Und besonders wichtig ist und bleibt, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt mit ihrer Arbeit verdienen können, das gilt besonders für Frauen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass gerade Frauen in die Armutsfalle tappen, wenn sie lange Pausen der Erwerbsarbeit haben. Die Familienarbeit muss besser aufgeteilt werden, nur so ist es für Frauen möglich, freier das Ausmaß ihrer Erwerbsarbeit zu wählen. Das wäre wirkliche Wahlfreiheit.

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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.