„Mehr als 60 Absagen habe ich schon bekommen“

Ein Mann steht vor einem Bildschirm. Darauf ist "AMS. Anmeldung" zu lesen. Symbolbild für die Arbeitslosigkeit in Österreich.
Mehr als 54.000 Menschen sind seit über einem Jahr auf Jobsuche. Drei von ihnen erzählen, wie sich das anfühlt. | © APA/GEORG HOCHMUTH
Seit 2023 steigt die Arbeitslosigkeit in Österreich. Selbst gut ausgebildete und erfahrene Arbeitskräfte suchen monatelang nach Jobs. Arbeit&Wirtschaft hat mit drei Betroffenen gesprochen.
Ende Juli waren beim AMS fast 299.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Besonders stark wächst die Zahl jener, die dauerhaft keinen Job finden: Mehr als 54.000 Menschen waren länger als ein Jahr in Österreich auf Jobsuche – fast ein Viertel mehr als im Vorjahresmonat. Was ein Leben ohne Arbeit auf Dauer bedeutet, zeigen drei persönliche Protokolle.

„Ich habe es mir einfacher vorgestellt.“

Wolfgang (59) verlor nach 38 Jahren im Unternehmen seinen Job in der HR. Er wäre bereit für eine neue Herausforderung, aber die Jobsuche gestaltet sich schwieriger als gedacht.

„Nach 38 Jahren in ein und demselben Unternehmen bin ich arbeitslos. Mitte 2025 wurde die Firma restrukturiert und ich bot an, Stunden und Gehalt zu reduzieren oder aus der Führungsposition in die zweite Reihe zu wechseln. Aber ich habe rasch gemerkt: An der Beendigung meines Dienstverhältnisses führte für den Arbeitgeber kein Weg vorbei.

Ich muss gestehen, ich habe mir die Jobsuche leichter vorgestellt. Mehr als 30 Bewerbungen habe ich inzwischen verschickt. Anfangs kam fast nichts zurück. Mein Eindruck war: Entweder sortiert mich ein KI-System aus oder jemand sieht mein Geburtsdatum und legt die Bewerbung beiseite. Auf Anraten meiner „Initiative Niederösterreich“-Beraterin ließ ich das Alter schließlich weg – und plötzlich kamen Rückmeldungen. Bisher hatte ich zwei Gespräche und ein Telefoninterview. Ein Angebot lehnte ich ab, weil es schon bei den Vertragsverhandlungen nicht gepasst hat.

Ich muss gestehen,
ich habe mir die Jobsuche
leichter vorgestellt.

Wolfgang, 59

Ich suche vom Mostviertel aus nach einem Job zwischen Linz und St. Pölten. Ich würde in jede Branche gehen, möchte aber im Personalbereich bleiben. Eine Führungsfunktion wäre interessant, ist jedoch kein Muss. Ich bringe viel Erfahrung mit und könnte rasch Verantwortung übernehmen. Wenn alles passt, würde ich noch mindestens dreieinhalb, wahrscheinlich fünfeinhalb Jahre arbeiten. Ich will nicht nur irgendwo das Gewohnte fortführen. Es darf gerne noch einmal eine echte Herausforderung sein.“

„Es gibt kaum Junior-Positionen.“

Hanna* (26) arbeitet Teilzeit im Handel und versucht seit ihrem Bachelorabschluss einen Job zu finden. Es fehlt ihr an Berufserfahrung, geeignete Stellen sind aber schwer zu finden.

„Meinen Bachelor in Ernährungswissenschaften habe ich im Februar 2025 abgeschlossen. Seitdem versuche ich den Einstieg ins Berufsleben. Im Moment arbeite ich zwölf Stunden pro Woche in einem Vintage-Shop. Das ist eine Überbrückung, aber keine Dauerlösung. Ich brauche ein höheres Einkommen und möchte endlich in einem Bereich und einer Position arbeiten, in dem ich mich weiterentwickeln kann.

Am liebsten würde ich ins Produktmanagement oder in die Produktentwicklung von Lebensmitteln gehen oder vielleicht auch in die Kosmetikbranche. Während des Studiums habe ich immer wieder im Verkauf gearbeitet. Was mir jetzt fehlt, ist die einschlägige Praxis. Für viele Stellen muss man Praktika abgeschlossen haben, gleichzeitig finde ich nur wenige Junior-Positionen. Jungen Menschen wird kaum die Chance gegeben, in einen Beruf hineinzuwachsen. Um meine Möglichkeiten zu verbessern, habe ich mich für den berufsbegleitenden Master „Lebensmittelproduktentwicklung und Ressourcenmanagement“ eingeschrieben.

Bewerbung um Bewerbung, Absage um Absage: Für viele wird die Jobsuche zur Belastung. | © Adobe Stock/ehrenberg-bilder

Ich nehme mir für jede Bewerbung viel Zeit und passe Motivationsschreiben, Lebenslauf und deren Gestaltung an das Unternehmen an. Ich habe auch schon Einladungen bekommen. Schwierig wird es beim persönlichen Kennenlernen: Ich werde schnell unsicher und kann mich dann nicht gut verkaufen. Je länger die Suche dauert, desto mehr Druck liegt auf jedem Gespräch. Am Ball zu bleiben und dem Tag Struktur zu geben, ist nicht leicht. Theoretisch ist das Bewerbungenschreiben jetzt meine Arbeit. Nur funktioniert das zu Hause nicht jeden Tag gleich gut.“

„Ich habe noch so viel zu bieten.“

Elisabeth (59) hat in vielen Berufen gearbeitet, zuletzt als Hausverwalterin. Sie wäre offen, Neues zu lernen, bekommt aber aktuell keine Chance.

„Ich bin gelernte Bilanzbuchhalterin ohne Sitzfleisch. Meine Eltern schickten mich in den 1980-Jahren in die Handelsschule: Damit es dir einmal besser geht, haben sie gesagt. Glücklich war ich im Büro aber nie. Nach der Elternkarenz arbeitete ich als Saisonarbeiterin, Kellnerin, Küchenhilfe und Reinigungskraft. Da habe ich mit Trinkgeld gut verdient. Wir konnten uns viel leisten, aber die Arbeit hat mich erschöpft. Nach einer Lungenkrebs-Erkrankung machte ich eine Umschulung und schloss eine Ausbildung im Einzelhandel ab.

In meinem letzten Job war ich Hausverwalterin und „Mädchen für alles” in einem Familienunternehmen. Ich war pflichtbewusst, aber die Aufgabenliste war körperlich nicht zu schaffen. Schließlich wurde ich von der nachfolgenden Generation nicht übernommen. Seit Februar 2025 bin ich eine „fleißig suchende Arbeitslose“. Ich bewerbe mich vor allem im Einzelhandel, aber auch für die Rezeption, Büro- oder Reinigungsjobs. Mehr als 60 Absagen habe ich schon bekommen. Einen konkreten Grund für die Absagen nennt mir niemand. „Wir suchen andere Qualifikationen“ ist der Standardsatz. Ich glaube, es liegt an meinem Alter.

#AK Studie: 54 % der Betroffenen kommen während der Arbeitslosigkeit nicht mit dem Einkommen aus. “Wenn die Zuverdienstmöglichkeit gestrichen wird, wird sich die finanzielle Lage vieler Menschen noch weiter verschlechtern”, warnt AK Chefin Renate Anderl. ⬇️
www.heute.at/s/arbeitslos…

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— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 3. Februar 2025 um 12:02

Ich habe meinen Lebenslauf modernisiert, Fotos machen lassen, Formulierungen überarbeitet und Jobmessen besucht. Schon das Bewerben kostet Geld: Ausdrucke, Druckerpatronen, Fahrten. Meine Ersparnisse sind aufgebraucht, meine Lebensqualität leidet sehr und ich bin wirklich seelisch an einem Tiefpunkt. Früher wurden viele Arbeitsstunden nicht angemeldet, vor allem bei der Saisonarbeit. Diese und die Jahre der Kindererziehung fehlen mir jetzt für den Pensionsantritt.

Ich frage beim AMS immer nach dem allerersten Termin in der Früh, damit mich niemand sieht. Ich schäme mich. Meine Kinder haben gute Jobs, und wissen, warum sie in der Früh aufstehen. Ich bin auch motiviert, lerne gerne und stürze mich in neue Themen. Ich könnte noch mindestens fünf Jahre arbeiten und habe noch so viel zu bieten, aber ich werde aufgrund meines Werdegangs nicht ernst genommen.“

*Name von der Redaktion geändert

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Über den/die Autor:in

Anna Gugerell

Anna Gugerell ist freie Journalistin und Medienmanagerin aus Wien. Sie schreibt über Veränderungen in der Arbeitswelt und Nachhaltigkeit genauso gerne wie über neue Lokale oder Feminismus und konzipiert Printmagazine.

Foto: Joseph Krpelan

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