Chile: Süße Heidelbeeren, bittere Arbeitsbedingungen

Heidelbeeren im Supermarkt
Unter welchen Bedingungen werden die Heidelbeeren und anderes Obst in Chile geerntet, die wir das ganze Jahr im Supermarkt kaufen können? | © Adobe Stock/Artem Bruk
Heidelbeeren gibt es im Supermarkt das ganze Jahr. Möglich machen das Länder wie Chile – und Erntehelfer:innen, deren Arbeitsbedingungen kaum jemand kennt.
Im Juli hat sie begonnen: die heimische Heidelbeersaison. Auf rund 260 Hektar werden die Beeren in Österreich gerade gepflückt. Aber auch mitten im Winter stapeln sich in den Supermärkten Schalen mit frischen Früchten. Dass sie immer zu haben sind, ist längst Normalität. Woher genau sie zu dieser Jahreszeit kommen und unter welchen Arbeitsbedingungen sie gesammelt werden, steht nicht auf der Verpackung. Angegeben ist meist nur ein Herkunftsland, oft ist es Chile.

Die Zahlen zeigen, wie abhängig wir von diesen Lieferungen sind. 2025 wurden in Österreich laut Agrarmarkt Austria (AMA) rund 2.200 Tonnen Heidelbeeren geerntet. Importiert wurden fast 11.000 Tonnen. Das heißt: Von der Menge an Heidelbeeren, die wir hier über das ganze Jahr essen, stammen nur rund 17 Prozent aus Österreich.

Die heimische Ernte läuft im Wesentlichen von Mitte Juli bis September. Davor und danach kommt die Ware aus dem Ausland: im Frühjahr aus Spanien und Marokko, im Herbst aus Peru. Und im tiefsten Winter, von Dezember bis März, stammen die Beeren eben aus Chile, oder Peru.

Zwölf-Stunden-Schichten und fehlender Lohn

Wie es den Menschen geht, die diese Beeren ernten, weiß Alejandro Santamaría. Er ist Präsident der FNATT (Federación Nacional Agrícola de Trabajadores Transitorios), einer chilenischen Gewerkschaft für Landarbeiter:innen. Auf gut 14.000 Hektar werden in Chile Heidelbeeren angebaut. Und pro Hektar entfallen laut der Agrarbehörde ODEPA rund 200 Arbeitstage allein auf Ernte und Verpackung. Die Heidelbeere ist damit eine der arbeitsintensivsten Kulturen des Landes. Der Gesamtaufwand summiert sich zu Millionen von Arbeitstagen, die überwiegend Saisonkräften leisten. Immer öfter sind es Migrant:innen, viele haben keine gültigen Papiere.

„In den letzten Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert“, sagt Santamaría. Die Gewerkschaft dokumentiert Zwölf-Stunden-Schichten, überfüllte Unterkünfte in schlechtem Zustand, in denen die Arbeiter:innen untergebracht sind, und Subunternehmer, die Löhne einfach nicht auszahlen

Diese sogenannten „Contratistas“, Arbeitsvermittler zwischen Farmen und Erntehelfer:innen, sind für Santamaría ein Kernproblem: Sie beschäftigen Menschen ohne Papiere – und genau diese Menschen können sich kaum gegen schlechte Bedingungen wehren. Wer ohne gültige Papiere im Land lebt, riskiert mit einer Beschwerde alles.

Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels. Dass es seltener kalt wird, Pflanzen zu anderen Zeiten blühen und es außerhalb der Saison regnet, drückt Erträge und Qualität. Das wirkt sich direkt auf die Einkommen der Pflücker:innen aus. Fällt die chilenische Ernte schwächer aus, bekommen das laut AMA auch Konsument:innen in Österreich zu spüren. Weniger Ware führt zu höheren Preisen, die Qualität schwankt.

Handel mit Bedingungen

Seit 2025 gilt ein modernisiertes Handelsabkommen zwischen der EU und Chile. Es sichert Chile Zollvorteile, verpflichtet das Land aber zugleich, internationale Arbeitsstandards einzuhalten. Verstöße lassen sich zwar über ein Schiedsverfahren – unter Beteiligung von Gewerkschaften – prüfen. Offen bleibt, welche Konsequenzen so ein Schiedsverfahren hätte. Handelssanktionen sind bislang keine vorgesehen.

Die Bedingungen in der Ernte spielen damit eine Rolle für den Handel zwischen Chile und der EU. Santamaría sieht darin einen Hebel: Der Druck aus dem Ausland sei wichtig, sagt er. „Viele Migrant:innen kennen sich mit dem Arbeitsrecht nicht aus. Die vorherige Regierung hat in dieser Hinsicht nichts unternommen, und die jetzige schlägt denselben Weg ein.“ Trotz der internationalen Vereinbarung bleibt vieles im Sektor informell.

Eine Lieferkette, die im Dunkeln bleibt

Wer wissen will, unter welchen Bedingungen das Obst geerntet wird, stößt schnell an seine Grenzen. „Bei frischen Heidelbeeren muss das Land angegeben werden, in dem die Beeren gewachsen sind, nicht jedoch der Betrieb“, sagt Gudrun Glockner von der Menschenrechtsorganisation Südwind. Oft werde die Ware mehrerer Betriebe vermischt, eine Zuordnung sei dann unmöglich. Bei Tiefkühlbeeren oder Marmelade entfällt die Pflicht zur Herkunftskennzeichnung ganz. Gütesiegel mit starken sozialen Kriterien gebe es kaum. Und gerade in der Ernte herrschten „große arbeitsrechtliche Missstände“. Es geht um viel Handarbeit, die wenig kosten soll.

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 3. Juni 2026 um 17:00

Glockner fordert ein EU-Lieferkettengesetz mit menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht, das „nicht aus wirtschaftlichen Gründen abgeschwächt werden darf“ – und bewussten Konsum. „Wenn ich im Winter keine Heidelbeeren esse, sehe ich das nicht als Verzicht. Ich freue mich umso mehr, wenn die Früchte Saison haben“, sagt sie.

Bis dahin bleibt die Heidelbeere im Winter, was sie ist: ein Produkt, das um die halbe Welt reist, gepflückt von Menschen, über deren Arbeitsbedingungen kaum jemand Bescheid weiß, der zur Packung greift.

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Über den/die Autor:in

Alexandra Polič

Alexandra Polič ist freie Journalistin in Wien. Sie beschäftigt sich vor allem mit Klima- und Gesellschaftsthemen.

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