Paketzustellung: Wenn Lohnbetrug zum Geschäftsmodell wird

Ein Paketzusteller neben seinem vollgepakten Lieferwagen.
Die Arbeitsbedingungen in der Paketbranche sind prekär. Ein besonders großes Problem ist das Lohndumping. | © Adobe Stock/Grispb
Jeden Tag landen Millionen Pakete vor österreichischen Haustüren. Der Preis dafür sind oft unbezahlte Überstunden, Scheinselbstständigkeit und Lohnbetrug.
Der Onlinehandel in Österreich floriert: Seit 2017 sind die Bruttoumsätze um ganze 67 Prozent gestiegen, der Paketversand erreichte 2025 mit über 450 Millionen „Packerl” ein Rekordhoch. Paketzusteller:innen sind heute am Arbeitsmarkt höchst gefragt, jedoch spiegeln ihre Arbeitsbedingungen und Löhne den wirtschaftlichen Boom nicht wider. Denn der Arbeitsalltag in der Branche ist oft prekär.

Die Europäische Arbeitsbehörde (ELA) hat im Vorjahr eine umfangreiche Studie über nicht-angemeldete Erwerbstätigkeit im europäischen Kurier-, Express- und Paketzustellsektor (KEP-Sektor) veröffentlicht. Mitautorin der Studie aus Österreich, Bettina Haidinger von der Hochschule Burgenland, erklärt das Vorgehen: „Zusteller:innen werden als geringfügig Beschäftigte angemeldet, obwohl sie Vollzeit arbeiten. Arbeitsstunden werden systematisch zu niedrig erfasst, um Sozialversicherungsbeiträge zu sparen.“

Immer wieder würden Subunternehmen, die die Paketbot:innen anstellen, Insolvenz anmelden, nur um unter neuem Namen weiterzumachen. Die Branche wurde in den vergangenen Jahren in einigen EU-Ländern zum Sorgenkind der Arbeitsinspektorate und anderer Behörden.

Ausgelagerte Verantwortung

Auch in Österreich steht die Branche seit Jahren in der Kritik, wie ein Fall aus der Steiermark zeigt. 2023 deckte der „Standard“ auf, dass ein Fahrer für einen Subunternehmer des Versandriesen DPD in der Nähe von Graz bis zu 17 Stunden am Tag unterwegs war. Er fuhr ohne Pause, und das für einen Nettostundenlohn von rund 5,20 Euro. Verspätete Zustellungen kosteten ihn wiederum bis zu 50 Euro Strafe. „Die katastrophalen Zustände sind seit drei bis vier Jahren bekannt“, bestätigte damals Gewerkschafter Hans-Peter Weikl von vida.

Hinter den Paketfirmen steckt ein ausgeklügeltes System. Hermes, DPD, GLS und Amazon Logistics lassen ihre Pakete ausschließlich über Subunternehmen zustellen – die wiederum Zustellungen an weitere Subunternehmen weitergeben. DPD selbst wirbt auf der eigenen Website um ‚Transportpartner’ – rechtlich selbstständige Unternehmen, die die Zustellung für den Konzern übernehmen. Sie geben die Verantwortung dafür, wie niedrige Transportkosten zustandekommen, an die Subunternehmen ab. Wenn Subfirmen dann nur mit schlechten Arbeitsbedingungen bestehen können, müssen die Großen keine Konsequenzen fürchten. Für die großen Auftraggeber hat das einen klaren Vorteil: Sie sparen sich nicht nur Sozialversicherungsbeiträge, sondern auch jede rechtliche Verantwortung für die Arbeitsbedingungen. Oft wird auch an Subunternehmen im Ausland ausgelagert, um so österreichisches Arbeitsrecht oder Steuern zu umgehen. Gängige Praxis seien auch Scheinselbstständigkeit und fehlende Arbeitszeiterfassung.

Milde Strafen seit Reform

Doch wie lässt sich dieses Problem beheben? Ob Strafen gegen Lohnbetrug tatsächlich abschrecken, hängt von mehreren Faktoren ab: der Kontrolldichte – also dem Risiko, erwischt zu werden –,, der tatsächlichen Durchsetzbarkeit von Strafen und der Höhe des Strafmaßes. Die Abschreckungswirkung in Österreich ist seit der Novelle des Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetzes (LSD-BG) von 2021 gesunken. Eine Analyse der L&R Sozialforschung im Auftrag der AK zeigte, dass viele Unternehmen nach der Reform deutlich mildere Strafenerhielten. Petra Wetzel, Senior Researcher bei L&R Sozialforschung, kritisierte vor allem Folgendes: „Es gibt eine geringe Kontrollwahrscheinlichkeit und Probleme bei der Einbringlichkeit verhängter Strafen in Auslandsfällen.“

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Über den/die Autor:in

Sandra Gloning

Sandra Gloning ist freie Online- und Print-Journalistin in Wien mit einem breiten Themenfeld rund um Frauen, Lifestyle und Minderheiten und dem Ziel, Geschichten aus dem echten Leben zu erzählen.

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