Wahl in Ungarn: Wer ist Oppositionsführer Péter Magyar?

Péter Magyar
Ende der Orbán-Ära? Péter Magyar führt in Ungarns Umfragen. | © APA-Images / AFP / BALINT SZENTGALLAY
Erstmals seit 16 Jahren tritt bei den ungarischen Parlamentswahlen ein Kandidat an, der Langzeitpremier Viktor Orbán vom Thron stoßen könnte: Péter Magyar mit seiner Partei Tisza.
Seit 16 Jahren wird Ungarn von Viktor Orbáns Fidesz-Partei regiert, die meiste Zeit davon mit Zweidrittelmehrheit. Orbán verwandelte das Land in eine illiberale Demokratie und zerstörte freie Medien, auch das Wirtschaftswachstum ist unter ihm eingebrochen. Nun aber könnte die Parlamentswahl am 12. April seine Regierungszeit beenden. Im Mittelpunkt dieser Schicksalswahl stehen Péter Magyar und seine Tisza-Partei.

Magyar, 1981 in Budapest geboren, ist kein gewöhnlicher Oppositionspolitiker. Er arbeitete als Diplomat, unter anderem in Orbáns Ministerbüro, und koordinierte die Beziehungen zwischen der ungarischen Regierung und dem Europäischen Parlament. Magyar war langjähriges Fidesz-Mitglied und mit Fidesz-Justizministerin Judit Varga, Justizministerin unter Viktor Orbán, verheiratet.

Sein politischer Aufstieg begann rund um einen Pädophilie-Skandal, der im Frühjahr 2024 aufflog. Ein Mitarbeiter eines Waisenhauses, der jahrelangen Kindesmissbrauch gedeckt hatte, war vom Orbán-Regime begnadigt worden. Besonders brisant: Fidesz hetzt seit Jahren unter dem Deckmantel des Kinderschutzes gegen die LGBTQIA+-Bewegung.

Péter Magyar: Ideologisch konservativ

Als weitere Fälle bekannt wurden, veröffentlichte Magyar heimliche Mitschnitte von seiner Ex-Frau Varga, in denen sie beschrieb, wie die Regierung Korruptionsermittlungen manipuliert hatte. Magyar kanalisierte die auf die Skandale hin entstehende Proteststimmung und trat im Juni 2024 mit der damaligen Kleinstpartei Tisza bei der EU-Wahl an. Tisza kam aus dem Stand auf knapp 30 Prozent, Fidesz fiel auf unter 45 Prozent. Es war das schlechteste Ergebnis des Regierungslagers seit 2010.

Die ungarische Wirtschaft stagniert seit Jahren unter Viktor Orbáns Regierung. | © DANIEL MIHAILESCU / AFP / picturedesk.com

Magyar ist wie Orbán ein Konservativer, positioniert sich aber in der politischen Mitte. Er verspricht, blockierte EU-Gelder zurückzuholen und das marode Gesundheits- und Bildungssystem zu reformieren. Ungarn solle wieder ein verlässlicher EU– und NATO-Partner werden.

EU statt Blockade

Auch die Wirtschaftspolitik will Tisza umkrempeln, denn die ungarische Wirtschaft stagniert seit Jahren. Viele der Ursachen dafür seien Resultat der Fidesz-Politik und hausgemacht, sagt der am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) tätige Ökonom Sandor Richter. Er nennt etwa die Abhängigkeit von der ausländischen Autoindustrie, die unterfinanzierte Infrastruktur und die wegen Rechtsstaatlichkeitsmängeln eingefrorenen EU-Gelder. Ein weiterer Grund für die Wirtschaftsflaute: Die enorme Korruption. „Bei öffentlichen Ausschreibungen erhalten regierungsnahe Firmen überproportional oft den Zuschlag“, sagt Richter. Dadurch komme es zu keinem Wettbewerb und folglich auch zu keiner Innovation. 

Als Tiszas wichtigsten Schritt sieht Richter den angestrebten Beitritt zur Eurozone, da dieser Fiskaldisziplin und institutionelle Reformen zur Bedingung hat, die Ungarn dringend brauche. Positiv bewertet er auch den geplanten Beitritt zur Europäischen Staatsanwaltschaft, die unter anderem Korruption und Geldwäsche verfolgt, sowie die Normalisierung der EU-Beziehungen. Beides könnte eingefrorene EU-Gelder freischalten. Nicht zuletzt erwartet der wiiw-Ökonom, dass mehr Rechtssicherheit und stabile Steuerregeln private Investoren zurückbringen, die derzeit fehlen oder abwarten. Die Finanzierbarkeit der ambitionierten sozialpolitischen Versprechen Tiszas bezweifelt Richter jedoch.

Reformen mit Fragezeichen

Tisza verspricht etwa, die Einkommensteuer auf den Mindestlohn von 15 auf 9 Prozent zu senken und Geringverdiener:innen steuerlich zu entlasten. Besserverdiener:innen sollen hingegen höhere Beiträge leisten. Darüber hinaus plant Tisza eine garantierte Mindestpension von 120.000 Forint (rund 318 Euro) pro Monat sowie die Beibehaltung der 13. und 14. Pension. Auch die geplante deutliche Steigerung der Gesundheitsausgaben sowie eine Erhöhung der Pflegegelder um 50 Prozent zählen zu den kostspieligen sozialpolitischen Versprechen. Laut ihrem 243-seitigen Wahlprogramm will die Partei außerdem Gewerkschaftsrechte stärken, Kollektivverträge ausweiten und das Arbeitsrecht modernisieren, mit Regeln für Heimarbeit und flexiblen Beschäftigungsformen. Damit unterscheidet sie sich von ihrem Kontrahenten Viktor Orbán. Bei anderen wichtigen Themen, etwa seinem Verhältnis zur Ukraine oder zur europäischen Integration, bleibt Magyar bewusst vage, um möglichst viele Menschen anzusprechen.

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 17. Oktober 2025 um 12:30

Auf der anderen Seite steht Orbán, dessen Partei Fidesz kein Wahlprogramm vorgelegt hat und im Wahlkampf fast ausschließlich auf Bedrohungsszenarien setzte. Herausforderer Magyar bezeichnete er als „Marionette fremder Kräfte“, die die Ukraine in den Krieg verwickeln wolle. Nur eine Stimme für Fidesz stehe für Stabilität und Frieden.  

Péter Magyars Sieg noch nicht sicher

Das Rennen bleibt spannend: Die Umfragen führt Tisza zwar seit Monaten deutlich an, dennoch könnte es eng werden bei der Wahl diesen Sonntag. Orbán hat das Wahlsystem gezielt zu seinem Vorteil umgebaut und etwa Wahlkreise so zugeschnitten, dass die herrschende Fidesz möglichst gut aussteigt – ähnlich wie beim Gerrymandering in den USA. Auch wenn Tisza gewinnt, bleiben für die Partei große Hürden bestehen, denn Orbán hat alle wichtigen Institutionen mit loyalen Vertrauten besetzt. Diese könnten eine mögliche Tisza-Regierung systematisch ausbremsen. Orbán soll seinen internationalen Parteifreund:innen bereits signalisiert haben: Falls er verliert, komme er in zwei Jahren zurück.

Dennoch ist zum ersten Mal seit langer Zeit in Ungarn eine Aufbruchsstimmung in der Bevölkerung spürbar. Welches Ergebnis sie am 12. April hervorbringen wird, bleibt abzuwarten.

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Über den/die Autor:in

Florian Bayer

Florian Bayer, geboren 1990 in Linz, ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Politik und Zivilgesellschaft. Er berichtet, unter anderem für die deutsche taz und das Luxemburger Wort, über Österreich und seine östlichen Nachbarn.

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