Arbeit&Wirtschaft: Wenn es um große Onlinehändler wie Temu oder Shein geht, fällt häufig der Name des belgischen Frachtflughafen Lüttich. Die europäischen Zollbehörden gelten als überfordert mit den Paketmassen aus Asien. Im Herbst haben Sie den Frachtflughafen besucht. Was hat Sie am meisten überrascht?
Alice Wagner: Mich hat die hohe Anzahl an Paketen überrascht, die das Zollpersonal bearbeiten muss. Der Frachtflughafen Lüttich gehört mit rund 1,4 Milliarden Paketen im Jahr 2025 zu den Top fünf der europäischen Frachtflughäfen. Knapp 70 Zollbeamt:innen kontrollieren die einkommenden Pakete nach einem genauen System stichprobenartig. Während sich die Zahl der Zollanmeldungen in den letzten Jahren vervierfacht hat, ist der Personalstand beim Zoll in etwa gleich geblieben. Im Schnitt können die Beamt:innen nur 0,005 Prozent der Pakete öffnen.
Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen die Zollbeamt:innen?
Pakete in den Lagerhallen des Flughafens lassen sich oft nicht einem Anbieter wie Amazon, Temu oder Shein zuzuordnen. Die Zollbeamt:innen schilderten, dass Händler bewusst komplexe und undurchsichtige Lieferketten mit Drop-Shippern, Lieferanten und Spediteuren wählen und Tricks verwenden, um die Behörden zu täuschen und vom Zoll benötigte Daten zu verschleiern.
Wonach suchen die Beamt:innen?
Für die Beamt:innen ist es am einfachsten, nach Markenfälschungen zu suchen. Bei gefälschter Kleidung oder Kinderspielzeug fällt sofort auf, wenn etwas nicht stimmt. Die Beamt:innen kontrollieren auch, ob die Bedienungsanleitung in der richtigen Sprache geschrieben ist. Zudem ist in den letzten Jahren die Anzahl gefährlicher Produkte angestiegen. Schädliche Chemikalien und Inhaltsstoffe lassen sich vom Zoll schwer erfassen und Verbraucher:innenorganisationen können sie oft erst im Nachhinein aufdecken.
Täglich kommen 12 Millionen Pakete in den EU-Raum
und es lässt sich kaum kontrollieren,
ob der Zollwert richtig angegeben ist oder was in einem Paket steckt.
Alice Wagner, Europabüro der Arbeiterkammer
Was passiert mit gefälschter Ware?
Wenn Beamt:innen gefälschte Ware finden, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird die Ware vernichtet oder wieder in ein Flugzeug gepackt und zurückgeschickt. Beide Varianten sind ein ökologischer Irrsinn und führen zu Kosten für die europäischen Steuerzahler:innen. Bevor der Zoll Pakete per Flugzeug retourniert, bekommen sie einen Sticker. Diese wurden bei späteren Kontrollen teilweise wiedergefunden. Die Händler machen sich nicht einmal die Mühe, die Waren neu zu verpacken, sondern schicken sie gleich wieder nach Europa. Besser wäre natürlich, wenn gefährliche oder gefälschte Produkte gar nicht erst in der EU landen würden.
Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass asiatische Onlinehändler wie Temu den Zoll täuschen. Inwiefern hat das System?
Das ist ein besonderes Problem. Täglich kommen 13 Millionen Pakete in den EU-Raum, das sind 150 Pakete pro Sekunde. Der Zoll kann kaum kontrollieren, ob der Zollwert richtig angegeben ist oder was in einem Paket steckt. Das nutzen die Händler aus: Pakete werden systematisch unterbewertet, um Zölle zu sparen und Behörden hinters Licht zu führen. Den belgischen Behörden ist das bewusst. Selbst eine Personalaufstockung würde angesichts der riesigen Paketmengen die Kontrolle nur wenig erleichtern.
Die Vermeidung von Zoll- und Umsatzsteuer trifft nicht nur das EU-Budget und den belgischen Fiskus, sondern auch die österreichischen Staatskassen. Allein in Österreich entsteht dem Handel ein Schaden von 4,5 Milliarden Euro. Sollte angesichts knapper Kassen nicht mehr unternommen werden?
Im Dezember beschloss der Europäische Rat, einen vorübergehenden festen Zoll von 3 Euro pro Paket festzulegen. Damit reagiert er auf die Abschaffung der Zollfreigrenze von Paketen unter 150 Euro, die in der Vergangenheit Betrug ermöglicht und die Kontrollen des Zolls eingeschränkt hatte. Durch die Abschaffung der Freigrenze wird die Aufsicht gestärkt und genauere Angaben der Händler gewährleistet. Der vorübergehende feste Zoll tritt ab Juli 2026 in Kraft, nach einer umfassenderen Reform soll 2028 ein langfristiges System folgen.
Die Händler machen sich nicht einmal die Mühe,
die Waren neu zu verpacken,
sondern schicken sie gleich wieder nach Europa.
Alice Wagner, Europabüro der Arbeiterkammer
Warum dauert die Reform bis 2028?
Die Verhandlungen sind nicht einfach, da zwar ein gemeinsames EU-weites Problem besteht, die Staaten aber auch untereinander konkurrieren und ihre wirtschaftlichen Interessen wahren wollen. Geschaffen werden soll eine neue EU-Zollbehörde, um die Risikobewertung und Praktiken der Zollbehörden zu vereinheitlichen. Ein neuer Zolldatenhub soll eine IT-Infrastruktur schaffen, in die alle in die EU importierenden Unternehmen ihre Daten einspeisen, um so eine effizientere Abwicklung zu ermöglichen. Derzeit arbeiten die EU-Zollbehörden vollkommen unabhängig voneinander, etwa werden in den 27 EU-Mitgliedstaaten mehr als 100 verschiedene IT-Systeme verwendet.
Verhandelt wird auch über die Einführung einer einheitlichen Verwaltungsgebühr. Diese sollen Plattformen entrichten, über die kleine Pakete importiert werden und die die Zollbehörden überlasten. Die Höhe dieser Gebühr muss noch festgelegt werden und soll im November 2026 in Kraft treten. Länder wie Italien und Rumänien haben bereits nationale Bearbeitungsgebühren eingeführt.
What?? 😮 Über die Hälfte der Erwachsenen in der EU wurde im vergangenen Jahr Opfer eines Betrugsversuchs beim Onlineshoppen. Bitter: Uns in Österreich traf es besonders oft – egal, ob gefälschte Tickets, Fake-Shops oder miese Abo-Tricks. 1/2
— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 12. Dezember 2025 um 11:46
Inwiefern ist der Flughafen Lüttich Sinnbild für die Entwicklung, die sich am digitalen Konsummarkt abspielen?
Das, was wir hier sehen, passiert nicht nur in Lüttich, sondern auch auf anderen großen Flughäfen wie in Amsterdam oder Paris. Die Pakete werden immer mehr – vor allem aus Asien und hier vor allem aus China –, und sie lassen sich zunehmend großen Onlinehändlern und Plattformen wie Amazon, Temu und Shein zuordnen.
Warum braucht es gerade eine europäische Lösung?
Belgien und die Niederlande erhalten zwar rund 50 Prozent aller in die EU eingeführten Pakete, die Pakete verteilen sich von dort aber auf den gesamten EU-Binnenmarkt. Das Problem ist kein nationales, sondern ein EU-weites, das dementsprechend eine EU-weite Antwort erfordert. Der Verbraucher:innenverband (BEUC), die AK sowie Verbraucher:innenorganisationen aus anderen EU-Ländern haben bei vielen online gekauften Produkten festgestellt, dass sie nicht EU-konform sind. Gemeinsam mit den Zollbehörden steht die AK und der BEUC an vorderster Front, wenn es darum geht, die Verbraucher:innen vor der Flut an gefährlicher Produkte zu schützen. Aus diesem Grund kommt die EU-Zollreform zu einem richtigen Zeitpunkt.