Herr Röpke, geben Sie uns zu Beginn einen Einblick in Ihre Arbeit bei der ILO.
Das Bureau for Workers’ Activities (ACTRAV) ist für Gewerkschaften die wichtigste ILO-Einrichtung. Sie sorgt dafür, dass Anliegen und Prioritäten der Arbeitnehmer:innenorganisationen in alle Aktivitäten der ILO einfließen und neben den Interessen von Arbeitgebern und Regierungen berücksichtigt werden. Die ILO-Normen gelten unabhängig vom Entwicklungsstand eines Landes und umfassen die vier Bereiche: Vereinigungsfreiheit, Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf, Abschaffung der Kinderarbeit und Beseitigung der Zwangsarbeit. Diese Grundprinzipien sind in acht Übereinkommen, den sogenannten Kernarbeitsnormen, festgehalten. Unser Ziel ist es, Gewerkschaften weltweit zu stärken, die Arbeitsnormen der ILO durchzusetzen und menschenwürdige Arbeit für alle zu erreichen. Es ist meine Verantwortung, die soziale Gerechtigkeit gegen zunehmende Angriffe zu verteidigen.
Sie sprechen von „menschenwürdiger Arbeit“. Sind wir da in westlichen Ländern nicht längst weiter?
Es ist ein Missverständnis, dass ILO-Standards nur für die ärmsten Länder der Welt wichtig sind. Auch in westlichen Ländern nehmen Angriffe auf soziale Rechte und Gewerkschaften zu, nicht zuletzt in den USA. Die ILO arbeitet derzeit an einer neuen Konvention zur Plattformarbeit, die Arbeitnehmer:nnen weltweit zugutekommen wird (Anm. d. Red.: Plattformarbeit wird über Apps oder Online-Portale vergeben und ist besonders häufig von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen). Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich auch, wie wichtig die ILO für Gewerkschaften im Globalen Süden ist.
Die ILO kämpft unter anderem gegen Zwangsarbeit. Warum ist das noch immer notwendig?
Wir hören oft, dass sklavenähnliche Arbeit oder Zwangsarbeit eine veraltete Praxis sind. Dies ist ein Irrglaube. Obwohl in den meisten Gesetzgebungen verboten, besteht Zwangsarbeit weiterhin und muss dringend bekämpft werden. Besonders betroffen sind Wanderarbeiter:innen und Minderjährige. Merkmale von Zwangsarbeit können zum Beispiel auch zu wenig ausbezahlte Löhne, eine fehlende Kündigungsmöglichkeit oder auch gefährliche Arbeitsbedingungen sein.
“Auch in westlichen Ländern
nehmen Angriffe auf soziale Rechte und Gewerkschaften zu,
nicht zuletzt in den USA.“
Oliver Röpke,Direktor des Bureau for Worker’s Activities
Nach Schätzungen der ILO ist die Zahl der Menschen in Zwangsarbeit in den vergangenen Jahren um zehn Prozent auf 27,6 Millionen angestiegen. Darin enthalten sind 6,3 Millionen Menschen in kommerzieller sexueller Ausbeutung und 3,9 Millionen Menschen in staatlich verordneter Zwangsarbeit. Zwangsarbeit generiert jährlich 236 Milliarden US-Dollar an illegalen Gewinnen und verstärkt Armut und Ungleichheit. Die ILO ist zentral im weltweiten Kampf gegen Zwangsarbeit und sorgt durch Maßnahmen wie der Förderung von fairen Rekrutierungspraktiken oder der Transparenz in Lieferketten dafür, dass das UN-Abkommen über Zwangsarbeit eingehalten wird. Wir setzen uns dafür ein, dass Sorgfaltspflichten in Lieferketten und evidenzbasierte Maßnahmen gegen Zwangsarbeit eingehalten werden.
Was können Arbeitnehmer:innen in den ärmsten Ländern der Welt von der ILO erwarten?
Wir wollen menschenwürdige Arbeit, sozialen Schutz, Frieden und Resilienz vor Ort fördern. Die ILO leistet auch technische Hilfe, wie Beratung und Schulungen bei Erlass von Arbeitsgesetzen, um informelle Arbeit ohne rechtliche Absicherung für Beschäftigte zurückzudrängen. Gerade in Afrika macht dieser ungeschützte „informelle“ Sektor die große Mehrheit der Arbeitsplätze aus. ACTRAV arbeitet deshalb eng mit Gewerkschaften in den betroffenen Staaten, etwa Land 1, Land 2 und Land 3, zusammen, um reguläre Arbeitsverhältnisse endlich zum Standard zu machen.

Weltweit nehmen Spaltungen zu, liberale Demokratien sind bedroht. Inwieweit beeinflussen diese Entwicklungen die Arbeit der ILO?
Geopolitische Spannungen und zunehmende Ungleichheiten wirken sich auf das multilaterale System aus. Auch die ILO bleibt davon nicht verschont. Der finanzielle Druck auf unser Budget ist real.
Die ILO setzt auf Zusammenarbeit zwischen den Staaten, autoritäre Regierungen hingegen handeln in ihrem eigenen Interesse und nutzen ihre Macht. Inwiefern ist das für Ihre Arbeit eine Herausforderung?
Die ILO leidet darunter, dass die Konsensbildung schwieriger wird und die finanziellen Ressourcen reduziert werden, wenn Mitglieder – wie zuletzt die USA – ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Dies erschwert unsere Arbeit, besonders, wenn es um globale Probleme wie Klimawandel, technologische Umbrüche und Ungleichheit geht. Diese kann kein Land allein lösen kann.
Weiterführende Informationen: ACTRAV-Publikation zum 100-jährigen Jubiläum der ILO zu finden: Driving Force: The Birth and Evolution of Tripartism and the Role of the ILO Workers’ Group.
Veranstaltungstipp: Wie wirken #Reichtum, Medienkonzentration & politische Macht zusammen? Und welche Folgen hat das für die #Demokratie? Die französische Ökonomin Julia Cagé, Professorin an der Sciences Po in Paris, spricht darüber auf Einladung der #AK am 13. Jänner im Theater Akzent. Komm vorbei!
— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 7. Januar 2026 um 09:34