„Es ist ein Irrglaube, dass es keine Sklaverei mehr gibt“

Ein Mann trägt etwas Schweres. Symbolbild für Sklaverei.
Obwohl in den meisten Gesetzgebungen verboten, besteht Zwangsarbeit weiterhin und muss dringend bekämpft werden. Besonders betroffen sind Wanderarbeiter:innen und Minderjährige. | © Adobe Stock/Gilles Paire
Der österreichische Gewerkschafter Oliver Röpke ist seit November 2025 Direktor des Bureau for Worker’s Activities (ACTRAV) der International Labour Organization (ILO). Im Gespräch mit A&W warnt er, dass „auch in westlichen Ländern Angriffe auf soziale Rechte wieder zunehmen“.
Im Jahr 1949 wurde es erstmals offiziell festgehalten: Menschenhandel ist ein Verbrechen. Damals verabschiedete die UNO ihre erste Konvention gegen moderne Sklaverei. Heute sind noch immer rund 28 Millionen Menschen in Zwangsarbeit gefangen – Tendenz steigend. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, in der Regierungen, Gewerkschaften und Arbeitgeber zusammenarbeiten, will das ändern. Wie weltweit Menschen- und Arbeitsrechte durchgesetzt werden sollen, erklärt Oliver Röpke im Interview. Der ehemalige Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) ist seit Kurzem Direktor des Bureau for Workers’ Activities bei der ILO.

Oliver Röpke
wurde geboren am 9. Jänner 1971 in Hamburg. Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien (Mag. iur.). Seit November 2025 Director im Bureau for Workers’ Activities bei der International Labour Organization (ILO). Von April 2023 bis Oktober 2025 Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA). Zuvor Präsident der Arbeitnehmervertretung des EWSA. Seit 2009 Mitglied des EWSA und langjähriger Leiter des ÖGB-Europabüros in Brüssel. Zuvor Karriere in der AK und im ÖGB in den Bereichen Arbeitnehmerrechte und Sozialpolitik.

Herr Röpke, geben Sie uns zu Beginn einen Einblick in Ihre Arbeit bei der ILO.

Das Bureau for Workers’ Activities (ACTRAV) ist für Gewerkschaften die wichtigste ILO-Einrichtung. Sie sorgt dafür, dass Anliegen und Prioritäten der Arbeitnehmer:innenorganisationen in alle Aktivitäten der ILO einfließen und neben den Interessen von Arbeitgebern und Regierungen berücksichtigt werden. Die ILO-Normen gelten unabhängig vom Entwicklungsstand eines Landes und umfassen die vier Bereiche: Vereinigungsfreiheit, Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf, Abschaffung der Kinderarbeit und Beseitigung der Zwangsarbeit. Diese Grundprinzipien sind in acht Übereinkommen, den sogenannten Kernarbeitsnormen, festgehalten. Unser Ziel ist es, Gewerkschaften weltweit zu stärken, die Arbeitsnormen der ILO durchzusetzen und menschenwürdige Arbeit für alle zu erreichen. Es ist meine Verantwortung, die soziale Gerechtigkeit gegen zunehmende Angriffe zu verteidigen.

Sie sprechen von „menschenwürdiger Arbeit“. Sind wir da in westlichen Ländern nicht längst weiter?

Es ist ein Missverständnis, dass ILO-Standards nur für die ärmsten Länder der Welt wichtig sind. Auch in westlichen Ländern nehmen Angriffe auf soziale Rechte und Gewerkschaften zu, nicht zuletzt in den USA. Die ILO arbeitet derzeit an einer neuen Konvention zur Plattformarbeit, die Arbeitnehmer:nnen weltweit zugutekommen wird (Anm. d. Red.: Plattformarbeit wird über Apps oder Online-Portale vergeben und ist besonders häufig von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen). Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich auch, wie wichtig die ILO für Gewerkschaften im Globalen Süden ist.

Die ILO kämpft unter anderem gegen Zwangsarbeit. Warum ist das noch immer notwendig?

Wir hören oft, dass sklavenähnliche Arbeit oder Zwangsarbeit eine veraltete Praxis sind. Dies ist ein Irrglaube. Obwohl in den meisten Gesetzgebungen verboten, besteht Zwangsarbeit weiterhin und muss dringend bekämpft werden. Besonders betroffen sind Wanderarbeiter:innen und Minderjährige. Merkmale von Zwangsarbeit können zum Beispiel auch zu wenig ausbezahlte Löhne, eine fehlende Kündigungsmöglichkeit oder auch gefährliche Arbeitsbedingungen sein.

“Auch in westlichen Ländern
nehmen Angriffe auf soziale Rechte und Gewerkschaften zu,
nicht zuletzt in den USA.“

Oliver Röpke,Direktor des Bureau for Worker’s Activities

Nach Schätzungen der ILO ist die Zahl der Menschen in Zwangsarbeit in den vergangenen Jahren um zehn Prozent auf 27,6 Millionen angestiegen. Darin enthalten sind 6,3 Millionen Menschen in kommerzieller sexueller Ausbeutung und 3,9 Millionen Menschen in staatlich verordneter Zwangsarbeit. Zwangsarbeit generiert jährlich 236 Milliarden US-Dollar an illegalen Gewinnen und verstärkt Armut und Ungleichheit. Die ILO ist zentral im weltweiten Kampf gegen Zwangsarbeit und sorgt durch Maßnahmen wie der Förderung von fairen Rekrutierungspraktiken oder der Transparenz in Lieferketten dafür, dass das UN-Abkommen über Zwangsarbeit eingehalten wird. Wir setzen uns dafür ein, dass Sorgfaltspflichten in Lieferketten und evidenzbasierte Maßnahmen gegen Zwangsarbeit eingehalten werden.

Was können Arbeitnehmer:innen in den ärmsten Ländern der Welt von der ILO erwarten?

Wir wollen menschenwürdige Arbeit, sozialen Schutz, Frieden und Resilienz vor Ort fördern. Die ILO leistet auch technische Hilfe, wie Beratung und Schulungen bei Erlass von Arbeitsgesetzen, um informelle Arbeit ohne rechtliche Absicherung für Beschäftigte zurückzudrängen. Gerade in Afrika macht dieser ungeschützte „informelle“ Sektor die große Mehrheit der Arbeitsplätze aus. ACTRAV arbeitet deshalb eng mit Gewerkschaften in den betroffenen Staaten, etwa Land 1, Land 2 und Land 3, zusammen, um reguläre Arbeitsverhältnisse endlich zum Standard zu machen.

Oliver Röpke ist seit November 2025 Direktor des Bureau for Worker’s Activities (ACTRAV) der International Labour Organization (ILO).
Oliver Röpke ist seit November 2025 Direktor des Bureau for Worker’s Activities (ACTRAV) der International Labour Organization (ILO). | © Markus Zahradnik

Weltweit nehmen Spaltungen zu, liberale Demokratien sind bedroht. Inwieweit beeinflussen diese Entwicklungen die Arbeit der ILO?

Geopolitische Spannungen und zunehmende Ungleichheiten wirken sich auf das multilaterale System aus. Auch die ILO bleibt davon nicht verschont. Der finanzielle Druck auf unser Budget ist real.

Finanzierung der ILO
Die ILO finanziert sich aus Pflichtbeiträgen der Mitgliedstaaten, freiwilligen Beiträgen zentraler Partner wie Frankreich, Deutschland oder Italien, sowie freiwilligen Beiträgen von mehr als 140 Geldgebern. Dazu gehören öffentliche und private Organisationen, internationale Finanzinstitutionen sowie UN-Einrichtungen.

Die ILO setzt auf Zusammenarbeit zwischen den Staaten, autoritäre Regierungen hingegen handeln in ihrem eigenen Interesse und nutzen ihre Macht. Inwiefern ist das für Ihre Arbeit eine Herausforderung?

Die ILO leidet darunter, dass die Konsensbildung schwieriger wird und die finanziellen Ressourcen reduziert werden, wenn Mitglieder – wie zuletzt die USA – ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Dies erschwert unsere Arbeit, besonders, wenn es um globale Probleme wie Klimawandel, technologische Umbrüche und Ungleichheit geht. Diese kann kein Land allein lösen kann.

Weiterführende Informationen: ACTRAV-Publikation zum 100-jährigen Jubiläum der ILO zu finden: Driving Force: The Birth and Evolution of Tripartism and the Role of the ILO Workers’ Group. 

 

Veranstaltungstipp: Wie wirken #Reichtum, Medienkonzentration & politische Macht zusammen? Und welche Folgen hat das für die #Demokratie? Die französische Ökonomin Julia Cagé, Professorin an der Sciences Po in Paris, spricht darüber auf Einladung der #AK am 13. Jänner im Theater Akzent. Komm vorbei!

[image or embed]

— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 7. Januar 2026 um 09:34

 

Weiterführende Artikel

Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?

Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.
Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten für den Zweck der Versendung und Verwaltung des Newsletters sowie des Gewinnspiels zu. Diese Zustimmung kann jederzeit widerrufen werden. Details dazu finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Über den/die Autor:in

Margaretha Kopeinig

Margaretha Kopeinig ist freie Journalistin, Autorin und Brüssel-Korrespondentin für den Kurier. Ihre universitäre Ausbildung führte sie nach Wien und Bogotá, wo sie sich mit den Schwerpunkten Politik, Soziologie und Geschichte beschäftigte.

Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?

Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.



Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder. Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.