Kunst trotz Kürzungen: Wie die Kulturbranche unter Druck gerät

Zwei Menschen proben für eine Theateraufführung. Symbolbild: Theaterprobe bei Kürbis: Das Stück „True Crime“ entstammt einem internationalen Schreibwettbewerb, den der Kulturverein ausgeschrieben hat.
Theaterprobe bei Kürbis: Das Stück „True Crime“ entstammt einem internationalen Schreibwettbewerb, den der Kulturverein ausgeschrieben hat. | © Markus Zahradnik
Die kleine steirische Gemeinde Wies versteht Kunst als Nahversorgung. Wie sich Förderpolitik und Sparzwang auf den Kultursektor auswirken, weiß man bei dem traditionsreichen Verein Kürbis.
Mit Farben und Pinsel in der Hand steht die Künstlerin Susanna Katter auf einer Hebebühne vor dem Gebäude eines Tennisvereins und malt ein riesiges Bild an die Hauswand. Die Bewohner:innen der Marktgemeinde Wies in der Steiermark können Tag für Tag die Fortschritte des Kunstwerks beobachten. Mehrere Tage wird Katter an dem Wandgemälde arbeiten, das von der legendären Tennisspielerin Serena Williams inspiriert ist. Es ist nur eines von mehreren Kunstprojekten im öffentlichen Raum, von denen das Team der Kulturinitiative Kürbis im Video-Interview erzählt.

Die 4.000-Einwohner:innen-Gemeinde im Bezirk Deutschlandsberg im Südwesten der Steiermark schreibt seit 50 Jahren groß Kunst auf ihre Fahnen. Doch die Kulturbranche steht unter Druck, besonders durch immer größer werdende Budgetlöcher in Österreich. Die Bundesregierung spart, wo es nur möglich ist, und auch die Länder drücken finanziell auf die Bremse. Prominentes Opfer wurden heuer bereits die Bregenzer Festspiele, deren Budgets – insgesamt 6,9 Millionen Euro, finanziert zu 40 Prozent vom Bund, zu 35 Prozent vom Land und zu 25 Prozent von der Stadt – um je ein Drittel gekürzt wurden. Das beunruhigt auch die übrigen Kultureinrichtungen und -initiativen in Österreich. Denn Förderungen sind auch ein politisches Instrument, wie man in der Steiermark gut beobachten kann.

Serena Williams als Symbol für Stärke: Das Wandgemälde der Künstlerin Susanna Katter ist ein Appell an Frauen, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien.
Serena Williams als Symbol für Stärke: Das Wandgemälde der Künstlerin Susanna Katter ist ein Appell an Frauen, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien. | © Markus Zahradnik

Keine Kultur ohne Begeisterung

Dass das kulturelle Programm in Wies nicht zurückgefahren wird, ist nur durch beherztes Engagement möglich. Zahlreiche kunst- und kulturverliebte Wieser:innen inspirieren und lassen sich inspirieren, laden Künstler:innen von weiter her ein, im alten Schwimmbad zu malen und Gespräche mit dem Publikum zu führen. Die Kulturinitiative Kürbis organisiert Ausstellungen, Theater, ein eigenes Plattenlabel und einen Buchverlag. Was als ehrenamtliches Projekt 1971 begann, hat sich inzwischen professionalisiert – möglich gemacht durch Fördergelder von Land und Bund. In den vergangenen knapp 30 Jahren gab es bei Kürbis stets eine Person, die Vollzeit angestellt war, nun ist diese Stelle auf vier Teilzeit- bzw. geringfügig Mitarbeitende aufgeteilt. Doch was hat sich bis in die heutige Zeit für den Verein verändert?

„Wir hatten vor 50 Jahren die Vision, dass die Menschen in Wies mit uns in der Kunst wachsen“, erzählt Karl Posch. „Das ist nicht passiert, wir erreichen hier nicht so viele Menschen wie erhofft. Wir haben aber immer noch genug Publikum, es kommt nur von weiter her.“ Posch ist 74 Jahre alt, trägt Hemd mit einem blauen Pullover darüber, die Haare sind grau. Er ist Manager der Kulturinitiative Kürbis, Regisseur und verantwortlich für den Spartenbereich darstellende Kunst. Seine Vision bei der Gründung war, mit dem kreativen Potenzial der Region zu arbeiten: „Wir haben so talentierte Menschen im Umkreis. Denen wollten wir eine Bühne und Möglichkeiten bieten und den Talenten dort, wo sie sind, Raum geben.“

Katharina Sieghartsleitner und Karl Posch von der Kulturinitiative Kürbis wollen Kunst, Theater und Literatur verbinden und die regionale Bevölkerung dabei miteinbeziehen.
Katharina Sieghartsleitner und Karl Posch von der Kulturinitiative Kürbis wollen Kunst, Theater und Literatur verbinden und die regionale Bevölkerung dabei miteinbeziehen. | © Markus Zahradnik

Während es früher kaum kulturelle Angebote in der Umgebung gab, hat sich das inzwischen verändert. Kürbis ist nicht der einzige Anbieter, der um Zuseher:innen buhlt. Gleichzeitig werden die Arbeitsplätze in der Region weniger, viele gebildete junge Menschen ziehen weg. Dem Verein gelingt es heute zum Glück, zu seinen Produktionen Publikum aus Graz, aus den anderen Gemeinden von Deutschlandsberg und dem benachbarten Leibnitz anzuziehen.

Knappe Kassen

Seit 2023 stagnieren die Fördergelder für die Kulturinitiative Kürbis. Sie wurden weder erhöht noch an die Inflation angepasst. Das bedeutet: mehr Recherche, mehr Kalkulation und Abstriche in den Produktionen, um noch dieselbe Menge an kulturellen Erfahrungen bieten zu können wie vor einigen Jahren. Die Initiative erhält von der Gemeinde Sachleistungen in Höhe von rund 45.400 Euro pro Jahr: mietfreie Veranstaltungsorte, Büros, Übernahme aller Infrastrukturkosten. Vom Land sind es jährlich 60.000 Euro, vom Bund 40.000.

Die Sorge, dass durch Sparmaßnahmen öffentliche Förderungen gekürzt oder gestrichen werden, ist vielerorts spürbar – nicht nur in Wies. In der Steiermark sind die Landeskulturförderungen für die freie Szene zwischen 2017 und 2023 real um 29 Prozent gesunken, wie die Initiative „Kulturland retten“ errechnete. Insgesamt stehen dem Land Steiermark dieses Jahr rund 82 Millionen Euro für Kultur zur Verfügung, wovon der Großteil an große Institutionen wie das Universalmuseum Joanneum (34,86 Mio. Euro) und die Bühnen Graz (29,61 Mio. Euro) fließt.

Wir haben so talentierte
Menschen im Umkreis.
Denen wollten wir eine Bühne und Möglichkeiten bieten
und den Talenten dort, wo sie sind, Raum geben.

Karl Posch, Manager der Kulturinitiative Kürbis

Führungswechsel

Seit 2024 ist in der Steiermark die Landesregierung aus FPÖ und ÖVP am Ruder, die Volkspartei verantwortet mit Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl das Kulturbudget. Kritik erntete heuer bereits die Neubesetzung des steirischen Kulturkuratoriums: Vor Ablauf der Funktionsperiode wurde das Gremium mit ÖVP- und FPÖ-nahen Mitgliedern bestückt, nur vier von 15 Mitgliedern sind Frauen. Gegen diese Entwicklungen protestierten im März 2025 rund 2.500 Menschen in Graz.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kulturschaffende in der Steiermark gegen die Landespolitik mobil machen: Bereits 2021 schlossen sich Kritiker:innen zur Initiative „Kulturland retten“ zusammen. Noch heute trifft sich die Arbeitsgruppe regelmäßig, um die Novellierung des Kulturfördergesetzes zu beobachten und zu besprechen. Folgende Forderungen an die Politik sind derzeit festgelegt: Das Förderbudget müsse ausgebaut und die im Landtag 2024 beschlossene Kulturstrategie 2030 umgesetzt werden. Kulturelle Nahversorger wie Kürbis in Wies müssten erhalten bleiben und das Kulturkuratorium neu besetzt werden. Im April kündigte Kornhäusl die Erstellung einer Arbeitsgruppe an, um Anpassungen der bestehenden Kulturstrategie 2030 und neue Ziele zu definieren.

Volkskultur versus Hochkultur

In der österreichischen Förderlandschaft wird generell zwischen Volkskultur und Hochkultur unterschieden. Auch in diesem Bereich gab es mit der neuen steirischen Landesregierung eine Veränderung: Landesrat Kornhäusl ist unter anderem für „Kunst und Kultur“ verantwortlich, während FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek seither den Bereich „Volkskultur“ betreut. In den Jahren zuvor lagen beide Zuständigkeiten beim damaligen ÖVP-Landeshauptmann Christopher Drexler.

„Wir als Kulturinitiative Kürbis haben sowohl den Volkskulturpreis des Landes Steiermark bekommen als auch den Staatspreis für Kulturinitiativen“, sagt Wolfgang Pollanz. „Man kann die künstlerische Arbeit nicht trennen.“ Pollanz ist Autor und Herausgeber des Verlags „Edition Kürbis“, er verantwortet die Sparte Literatur. Der 71-jährige musikbegeisterte Schriftsteller arbeitete einen großen Teil seines Lebens nebenher als Deutschlehrer. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang. Er sieht die Trennung von Hoch- und Volkskultur kritisch, da viele Künstler:innen sich in beiden Welten verorten: Kunst habe den Anspruch, zu bewegen, zu informieren und Einblicke zu geben – egal in welcher Kategorie.

Schubladendenken

Doch Förderrichtlinien oder Kulturämter denken weiterhin in diesen Schubladen. Wer klar kategorisierbar ist, kann leichter eine Förderung erhalten. Während von der Kulturszene seit Jahren gefordert wird, diese Unterscheidung aufzugeben, wird sie von rechten Parteien wie der FPÖ befeuert und politisch genutzt. Ein Problem, das nicht nur die Steiermark betrifft: „Eine Trennung zwischen Volkskultur und Hochkultur ist für uns nicht hinnehmbar – auch wenn das antiquierte Bundeskulturfördergesetz diese Trennung beinhaltet“, sagt Elsbeth Wallnöfer, Vorsitzende in der Hauptgruppe Kunst, Medien, Sport und freie Berufe der younion. „Warum ist eine Blasmusikkapelle in Tracht förderwürdiger als eine junge, feministische Frauengruppe, die sich neue Bräuche erfindet?“

Förderrichtlinien verharren in starren Kategorien. Das zeigt, wie ungleich Kultur bewertet wird, sagt Elsbeth Wallnöfer. | © Markus Zahradnik

Die Welt der unterschiedlichen Förderungen sei kompliziert und oft überfordernd. Die Klassifizierung mache es noch schwieriger. Wallnöfer: „Regional oder nicht regional, das sollte nicht die Frage sein. Diese muss lauten: Was sind wir bereit zu bezahlen, wenn wir etwas konsumieren? Und was sind wir bereit auszugeben für Kultur, die auch auf dem Land die Gesellschaft nach innen zusammenhält?“

Fair Pay

Von ihrer Kunst zu leben bleibt für Kulturschaffende meist ein Traum. Noch heute müssen viele Künstler:innen neben ihrer Kunst andere Hauptberufe ausüben, um gut leben zu können. Im Besprechungsraum der Kulturinitiative Wies stößt das auf verärgertes Kopfschütteln. „Wir haben immer noch das Bild im Kopf, dass Künstler:innen das ja nebenbei und aus purer Leidenschaft machen und deshalb nicht bezahlt werden müssen“, sagt Katharina Sieghartsleitner, 36, Fotografin und Angestellte der Kulturinitiative. „Ich habe schon viele großartige Kolleg:innen gesehen, die deshalb ausgebrannt sind und aufgehört haben – ein Verlust für alle.“

Ich habe schon viele großartige Kolleg:innen gesehen,
die deshalb ausgebrannt sind und aufgehört haben
– ein Verlust für alle. 

Katharina Sieghartsleitner, Fotografin

Der Initiative ist es wichtig, Künstler:innen, mit denen sie zusammenarbeitet, angemessen zu entlohnen. Doch das gelingt längst nicht überall. „Die Kulturgewerkschaft hat ein Interesse daran, dass Kulturschaffende österreichweit von ihren Löhnen leben können“, sagt Wallnöfer. „Der ideelle Wert ist ohnehin nicht bezifferbar.“ Als Gewerkschaft younion vertrete man vor allem Arbeitnehmer:innen, versuche aber zunehmend, auch freie Künstler:innen zu unterstützen und rechtliche Veränderungen zu fördern: „Hier eine volkswirtschaftlich tragfähige Lösung zu finden ist unser oberstes Gebot. Am vordringlichsten ist es, in Zusammenarbeit mit Sozialministerin Korinna Schumann eine mittel- bis langfristige Lösung bei der AMS-Zuverdienstgrenze zu erarbeiten“, erklärt Wallnöfer. „Denn diese Problematik betrifft nicht nur viele Frauen im Theater- und Filmbereich, sondern alle jungen, noch nicht arrivierten Kulturschaffenden – einfach alle, die nicht zu einem festen Ensemblekörper gehören.“

Allerdings ist es schwierig, klare Vorschläge für die Entlohnung künstlerischer Arbeit zu geben. Die IG Kultur hat zwar gemeinsam mit der Gewerkschaft GPA ein Fair-Pay-Gehaltsschema entwickelt, das als Orientierung für faire Bezahlung in der freien Kulturszene dient. Die IG Kultur legt empfohlene Mindestgehälter nach Tätigkeit, Verantwortung und Berufsjahren fest und passt diese regelmäßig an. Viele Vereine können diese Standards jedoch mangels ausreichender Fördermittel bislang nicht vollständig umsetzen.

🎉 10 Jahre younion! Die FSG-younion feiert mit – eine Dekade (unter neuem Namen) Einsatz für soziale Gerechtigkeit, starke öffentliche Dienste und faire Arbeitsbedingungen. Danke an alle, die diese Gemeinschaft tragen – gemeinsam bleiben wir stark! ✊🌹
#10Jahreyounion #zusammenarbeitliebenwir

— Fraktion Sozialdemokr. Gewerkschafter:innen in der younion (@fsgyounion.bsky.social) 20. November 2025 um 15:13

Nahversorgung im Herbst

In der Kürbisregion Wies wird indes ungeachtet finanzieller Engpässe die Herbstproduktion geprobt. Drei Kurzstücke, die im „Theater im Kürbis“ uraufgeführt werden, feiern im November Premiere. 2024 wurden sie per Wettbewerb weit über die regionalen Grenzen hinweg gesucht. Das Thema: „Volksstück“. Ein weiteres Beispiel für die grenzüberschreitende kulturelle Wirksamkeit: 2025 stellte die albanische Fotografin Brisilda Bufi in der Kulturinitiative Kürbis Bilder aus, in denen sie den Prozess dokumentierte, ihre albanische Staatsbürgerschaft abzulegen, um die österreichische zu bekommen. „Der Mensch möchte Mensch bleiben“, sagt Wolfgang Pollanz. „Wir brauchen diese Begegnung. Das ist einer der schönsten Teile der Kunst. Und die Menschen wünschen sich genau das.“

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Über den/die Autor:in

Sandra Gloning

Sandra Gloning ist freie Online- und Print-Journalistin in Wien mit einem breiten Themenfeld rund um Frauen, Lifestyle und Minderheiten und dem Ziel, Geschichten aus dem echten Leben zu erzählen.

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