Der Giga-Wumms: 293.000 Jobs weniger

Illustration Arbeitsmarkt
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Werden die Dynamiken des Arbeitsmarkts berücksichtigt, fehlen Österreich jetzt weit mehr Arbeitsplätze, als es die Arbeitslosenstatistik zeigt. Unsere Zahl der Woche.
Werner Kogler neulich in einer ORF-Pressestunde: Die Maßnahmen der Regierung gegen die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise bezeichnet er als „Mega-Wumms“. ÖGB-Chef Wolfgang Katzian kontert in der „ZiB 2“: „Für die Arbeitnehmer ist es kein Wumms, sondern ein Klacks.“

Für die Arbeitnehmer ist es kein Wumms, sondern ein Klacks.

Wolfgang Katzian, ÖGB-Präsident

Ein Blick auf die Arbeitslosenzahlen gibt gewissermaßen beiden recht: Einen Mega-Wumms setzte es nämlich auf dem Arbeitsmarkt. Über eine halbe Million Arbeitslose sind kein Klacks – die Arbeitnehmer*innen und ihre Vertretung haben sich unter „Koste es, was es wolle“ wohl etwas anderes vorgestellt.

Kein Klacks für den Sozialstaat

Florian Burger ist Sozialversicherungsexperte der Arbeiterkammer Wien. Die Entwicklung des Arbeitsmarkts ist maßgeblich für die Einnahmen der Kranken-, Pensions- und Unfallversicherung – weshalb Burger Alarm schlägt: „Jetzt bekommt etwa die Krankenversicherung der Arbeiter*innen und Angestellten – die neue Österreichische Gesundheitskasse – deutlich weniger Geld. Geld, das aber sehr wichtig ist für die Bezahlung der Ärzt*innen, den Einkauf von Medikamenten und zur Bezahlung von lebenswichtigen Geldleistungen für Versicherte.“ Zur Erinnerung: Wir befinden uns noch immer mitten in einer Pandemie.

Die Katastrophe für die einzelnen Betroffenen – der Arbeitsplatzverlust und die damit einhergehenden Einkommensverluste – summieren sich somit zu einer Katastrophe für die Einnahmen des Sozialstaats. Ganz abgesehen davon, dass für Rekordarbeitslosigkeit und Kurzarbeit höhere Ausgaben entstehen.

Giga-Wumms

Also hat sich der Experte mit Modellrechnungen beschäftigt. Sein Fazit: „Uns fehlen derzeit rund 293.700 Stellen, die durch den Lockdown weggefallen oder gar nicht erst entstanden sind. Nicht mitgerechnet habe ich dabei die derzeit über 800.000 Jobs, die in Kurzarbeit geführt werden. Denn ohne Kurzarbeit gäbe es noch viel mehr Personen ohne Erwerbsarbeit.“

Uns fehlen derzeit rund 293.700 Stellen, die durch den Lockdown weggefallen oder nicht entstanden sind.

Florian Burger, Sozialversicherungsexperte, Arbeiterkammer Wien

Doch Moment, wie kommen diese Zahlen zustande? Schließlich weist die offizielle Statistik des AMS für Mitte Juni 470.000 Arbeitslose aus – und damit etwa 130.000 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

„Die Zahlen stimmen selbstverständlich, aber sie berücksichtigen nicht die Dynamiken des Arbeitsmarkts“, erklärt Burger. „In einem gewöhnlichen Jahr finden bis zum Sommer weit über 100.000 Menschen im Vergleich zum Winter zusätzlich einen Job.“ Bei 517.000 Arbeitslosen gegenüber nur 57.000 offenen Stellen wird das allerdings in diesem Umfang heuer nicht eintreten. „Dazu kommt das ‚normale‘ Arbeitsmarktwachstum, das jährlich rund 50.000 zusätzliche Jobs entstehen lässt“, merkt Burger an.

Von Mitte Februar bis Anfang Juni des heurigen Jahres sind rund 181.300 Stellen weggefallen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres ist der Arbeitsmarkt um rund 112.400 Jobs gewachsen. „Zusammengezählt fehlen so 293.700 Arbeitsplätze“, fasst Burger zusammen, „da müssen wir eigentlich von einem Giga-Wumms sprechen.“

Der Arbeitsmarkt und seine Dynamiken

Jahr für Jahr verzeichnet der Arbeitsmarkt von Jänner bis Juli ein Plus, von August bis Dezember ein Minus. Die Grafik für das Jahr 2020 (weiße Linie) zeigt: Der Lockdown der Bundesregierung hat die Beschäftigung massiv getroffen. „Leider lassen die ersten Monate danach, also seit den ersten Lockerungen im April, nicht auf eine rasche Erholung schließen“, gibt Burger zu bedenken.

Erklärung zur Grafik: Die Kurven zeigen das positive oder negative Ergebnis aus Job-Aufnahmen und Job-Beendigungen. Zu Monatsbeginn fangen meistens mehr Personen an zu arbeiten, zu Monatsende überwiegen die Beendigungen. Die Spitzen während des Monats liegen im Kündigungsrecht der Arbeiter*innen begründet, die wochenweise gekündigt werden können.

Das zeigt sich im Detail: Wenn man den Zeitraum von Mitte Februar bis Anfang Juni der Jahre 2019 und 2020 direkt miteinander vergleicht, hatte der Lockdown Mitte März einen gewaltigen Einbruch zur Folge. Die Lockerungen im April haben jedoch nicht zu besonders vielen Wiedereinstellungen geführt.

Florian Burger führt aus: „Weil der Verlust von Jobs durch den Lockdown nicht aufgeholt werden konnte, ist auch die Gesamtzahl an Jobs stark gesunken.“ Die Menschen, die ihren Job verloren haben, sind nun arbeitslos. Burger: „Daher ist die ÖGB-Forderung nach einer sofortigen Erhöhung des Arbeitslosengelds so wichtig, weil derart viele Menschen betroffen sind.“

Ohne Lockdown hätte es die erwähnten rund 293.000 Jobs mehr gegeben.

Einen Wumms für den Sozialstaat

Offen bleibt jedenfalls die Frage, welchen Effekt die Arbeitsplatzverluste auf die Einnahmen der Sozialversicherungen haben werden. Dazu sollten im Verlauf dieser Woche die ersten Berechnungen aus dem neuen Dachverband kommen. Arbeiterkammer und ÖGB fordern von der Bundesregierung, die Funktionsfähigkeit von ÖGK und damit des Gesundheitssystem zu garantieren und auch entsprechend Budget zur Verfügung zu stellen. Ein kräftiger Wumms muss her. Für den Sozialstaat.

Über den/die AutorIn

Michael Mazohl

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Fotograf und Journalist arbeitete er für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine, so auch seit Jahren für die Arbeit&Wirtschaft. Seit November 2018 ist er Chefredakteur (Online) der Arbeit&Wirtschaft.