2021: Alle zwei Wochen eine tote Frau

Inhalt

  1. Seite 1 - Femizide als strukturelles Problem
  2. Seite 2 - Unzureichender Gewaltschutz in Österreich
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Das Ausmaß der Gewalt an Frauen in Österreich ist gravierend und im internationalen Vergleich auffallend hoch. Auch Behördenversagen trägt dazu bei. Frauenorganisationen fordern mehr Budget – und sie bezweifeln, dass die neue Regelung über Nacht aus gewalttätigen Gefährdern neue Menschen zaubert.
Als wir diese beiden Seiten geplant haben, waren es – erschreckend viele – 21. Als diese Zeilen, die Sie gerade lesen, nur ein paar Tage später geschrieben wurden, waren es 23. Nachdem dieses Heft gedruckt wurde und erschienen ist, waren es 26. Die Rede ist von ermordeten Frauen. Ermordet, weil sie Frauen waren. Dazu addiert werden müssen außerdem 44 Mordversuche gegen Frauen, die in schwerster Gewalt endeten. Und all das sind lediglich offizielle, gemeldete Zahlen – die Dunkelziffer kann nur erahnt werden.

Jeden Monat werden in Österreich im Schnitt vier Frauen ermordet. Vier Frauen. Vier Leben. Jede fünfte Frau ist bereits ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Damit liegt Österreich im traurigen europäischen Spitzenfeld. In keinem anderen europäischen Land wurden in den vergangenen Monaten und Jahren mehr Frauen als Männer getötet.

Was all diese Taten gemein haben: Der gefährlichste Ort für Frauen ist ihr eigenes Zuhause. Und die Täter sind in den allermeisten Fällen engste Vertraute: Ex-Intimpartner oder Familienangehörige. Femizide beschreiben keine Einzeltaten, sondern sind ein strukturelles Problem. Es handelt sich nicht um „Beziehungstaten“ oder „Eifersuchtsdramen“, wie der Boulevard gerne titelt. „Es ist Mord. Und man muss es als das benennen, was es ist“, sagt Klaudia Frieben, PRO-GE-Frauenvorsitzende und Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings. „Mord ist Mord, und Mord bleibt Mord. Das kann man nicht beschönigen. Punkt.“

Es ist Mord. Und man muss es als das benennen, was es ist. Mord ist Mord, und Mord bleibt Mord. Das kann man nicht beschönigen. Punkt.

Klaudia Frieben, PRO-GE-Frauenvorsitzende und Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings

Die Morde an Frauen in Österreich sind in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen – von 2014 bis 2019 haben sie sich sogar verdoppelt. Trotz dieser alarmierenden Zahlen hat sich die Politik sehr lange überhaupt nicht und dann sehr spät des Problems angenommen, und auch erst, als der öffentliche Druck spürbar zunahm. „Das ist inzwischen eh schon wieder eingeschlafen“, kommentiert Frieben sichtlich frustriert. „Man muss sich das klarmachen: Es geht darum, Frauenleben zu retten.“

Doch warum werden in der Alpenrepublik derart viele Frauen umgebracht? „Offensichtlich ist hierzulande die Hemmschwelle sehr niedrig“, antwortet Frieben. Das sei das eine, sie hält inne, auch patriarchale Strukturen würden eine Rolle spielen. „Da geht es um Macht, um Ehre, die Muster sind fast immer dieselben.“ Diese Verbrechen spielten sich gerade in Phasen nach einer Trennung oder Scheidung ab. „In Österreich ist das Besitzdenken – auch über die Frau – besonders ausgeprägt.“ Und noch ein weiterer Punkt sei ausschlaggebend: „Frauen haben oft wenig Vertrauen in die Polizei. Zu viele Fälle werden gar nicht angezeigt.“ Was man dabei nicht vergessen dürfe: Ein Frauenmord sei immer das Ende einer Gewaltgeschichte. Bei allen bisherigen Tötungsdelikten an Frauen in diesem Jahr bestand nur in einem einzigen Fall im Vorfeld ein Annäherungsverbot. In allen übrigen Fällen hatte die Polizei im Vorfeld keinerlei Kenntnis von Gewalthandlungen.

Wirft man einen Blick auf die Justiz-Statistik, offenbart sich ein verheerendes Bild. Acht von zehn Anzeigen werden eingestellt. Welche Betroffene wendet sich da an die Behörden?


Sechs Stunden – und dann?

Seit September ist das neue Gewaltschutz-Paket in Kraft. Nun müssen sich Männer, die eine Wegweisung erhalten haben, einem verpflichtenden, sechsstündigen Beratungsgespräch stellen. Allein in den ersten acht Wochen habe das 1.700 Fälle betroffen, so der Verein Neustart, dem in sechs von neun österreichischen Bundesländern die Zuständigkeit obliegt. Frieben ist skeptisch: „Da hat ja die Tat bereits stattgefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der zu Hause seine Frau misshandelt, schlägt oder vergewaltigt nach sechs Stunden plötzlich sein Verhalten ändert.“ Was gänzlich fehle: Gefährdungseinschätzungen. Die wurden unter FPÖ-Innenminister Kickl abgeschafft.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der zu Hause seine Frau misshandelt, schlägt oder vergewaltigt nach sechs Stunden plötzlich sein Verhalten ändert.

Klaudia Frieben, PRO-GE-Frauenvorsitzende und Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings

Für diese Täterbetreuung wurden knapp 25 Millionen Euro bereitgestellt – Geld, das bei den Opfern fehlt. Die Frauenvereine fordern geschlossen die Einhaltung der Istanbul-Konvention, das entspräche 228 Millionen Euro und 3.000 Arbeitsplätzen in der Gewaltprävention. „Man muss sich das vorstellen: Auf eine Beraterin kommen in Wien derzeit 300 gewaltbetroffene Frauen. Und auch pro Frauenhaus bräuchte es vier zusätzliche Arbeitskräfte.“ An Frauenhäusern und ähnlichen Zufluchtsstätten fehle es generell. Und auch die Corona-Lockdowns haben die Lage verschärft. „Viele Frauen konnten währenddessen nicht ins Frauenhaus flüchten, weil die Männer immer daheim waren. Allerdings: Die Frauen-Helpline hatte um 40 Prozent mehr Anfragen.“

26 Frauen. Seit Jänner. Was kann man selbst tun, wenn man beispielsweise Anzeichen von Gewalt bei einer Arbeitskollegin entdeckt? Frieben: „Beratung und Hilfe aufzeigen. Die Frauen-Helpline ist eine erste Anlaufstelle. Und wenn einer nicht nach Telefonieren ist, gibt es Helpchats. Diese Nummern muss man einfach immer wieder nennen.“ Daher an dieser Stelle zum Mitnotieren: 0800-222 555. „Worte des Bedauerns bringen uns nicht weiter“, meint Klaudia Frieben. Und sie fügt noch einen Satz an: „Wo ist eigentlich die Frauenministerin?“

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Über den/die Autor*in

Anja Melzer

Anja Melzer hat Kunstgeschichte, Publizistik und Kriminologie in Wien und Regensburg studiert. Seit 2014 arbeitet sie als Journalistin und Reporterin für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine. Seit März 2020 ist sie Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft.