Unser Staubsauger, seine Verpackung, meine Frau und ich

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In Österreich fallen durch Onlinehandel und Co. immer größere Verpackungsmengen an. Wie werden die entsorgt, fragt sich der Autor, der sich eigentlich für umweltbewusst hielt. Bis zwei Elektrogeräte den Geist aufgaben.
Dienstag vor zwei Wochen. Die Nachbarn haben schon wieder bei Prime bestellt und sind nicht daheim, um das Packerl anzunehmen. Weil es für Boten allgemein und in dem Laden speziell prekär zugeht, unterdrückt man den Grant und krakelt etwas in Keilschrift auf den Handscanner.

Seit dem Herbst liefert Amazon in Wien selbst aus, anstatt sich auf Konkurrenten zu verlassen. Der Anteil am hiesigen Paketmarkt liegt bei 2 Prozent. Deutlich besser steht der Marktführer da: 2018 wurden nach Angaben der Österreichischen Post AG landesweit 133 Millionen Packerl verschickt. Der Konkurrenzdruck durch internationale Liefer- und Handelsgiganten ist zwar da. Noch hält die Post aber 47 Prozent am Markt. Jedes Jahr investiert der Konzern 50 Millionen Euro in Logistik, berichteten die „Oberösterreichischen Nachrichten“ im Juni. Denn durch den Onlinehandel nehmen auch die Sendungen zu – zuletzt um gut 15 Prozent.

Anfang Oktober stellte das „Handelsblatt“ Daten zum globalen Paketaufkommen in einer Grafik zusammen. 2020 werden demzufolge die Umsätze zwischen Firmen und PrivatkundInnen um 255 Prozent und zwischen Privaten um 143 Prozent steigen im Vergleich zu 2010. Gingen 2017 noch 75 Milliarden (!) Pakete um die Welt, werden es 2020 wohl 100 Milliarden sein.

Weltweit versandte Pakete
2017

75 Milliarden

Weltweit versandte Pakete
2020 (Schätzung)

100 Milliarden

Zeitmangel und Bequemlichkeit (Stichwort Convenience) fördern den Onlinehandel und damit auch das Verpackungsaufkommen. Die Unternehmen verlagern den Druck auf die BotInnen. Gegen prekäre Arbeitsverhältnisse formiert sich aber Widerstand. In Wien zum Beispiel gründeten Kuriere von Foodora einen Betriebsrat. Bleibt noch das Umweltproblem, das nicht endet, wenn Elektro-Vans, Drohnen und  Lastenräder normale Lieferwagen und Mopeds ablösen. Je mehr Verpackungen in Umlauf sind, desto größer wird die Menge an Verpackungsmüll.

Zeitmangel und Bequemlichkeit fördern den Onlinehandel und damit auch das Verpackungsaufkommen.

Dienstag darauf. Vor Ostern ist Großputz angesagt. Die Oma soll nicht denken, das Enkerl lebe in einer Höhle. Ausgerechnet heute bricht der alte Staubsauger am kurzen Rohr, wo das lange angesteckt wird. Flicken scheitert.

Von 2007 bis 2016 wuchs der Verpackungsabfall in der EU von 81,5 auf 86,7 Millionen Tonnen an. Das am meisten genutzte Verpackungsmaterial laut Eurostat waren 2016 Papier und Karton mit 35,4 Millionen Tonnen, gefolgt von Plastik und Glas mit jeweils 16,3 Millionen Tonnen. Anteilig sind das 41 und je 19 Prozent. Die Statistik erfasst auch Holz mit 16 und Metall mit 5 Prozent.

Verpackungsabfall in der EU
2007
81,5 Millionen Tonnen

Verpackungsabfall in der EU
2016
86,7 Millionen Tonnen

In Österreich entstanden 2016 1,34 Millionen Tonnen gewerblicher und 1,49 Millionen Tonnen häuslicher Verpackungsabfall. Laut aktuellem Statusbericht des Umweltbundesamts (UBA) stieg die Menge der so gesammelten Altstoffe deutlich. Im Gewerbe werden neben den Eurostat-Kategorien noch Keramik, Textilien, Getränkeverbundkartons und sonstige Packstoffe gezählt. Papier, Pappe und Kartonagen führen dabei – wie im EU-Trend – seit Jahren mit Abstand. Zuletzt zählte das UBA 42,1 Prozent oder 564.333 Tonnen. Elektroschrott – wie der Staubsauger – wird gesondert gesammelt.

Mittwoch. Der Router ist fürtägliche Abschalten nicht gemacht und darum endgültig hin. Man kann ihn gratis im Shop eintauschen. Wir sind zu faul zum Kochen: Das Trinkgeld macht die sieben Einwegplastikdöschen, die Wegwerf-Staberl (in Papier gewickelt) und sechs Packerln Sojasauce nicht wett.

Recycling von Altstoffen:

  • Papierfasern: Können den Recycling-Kreis bis zu sechsmal durchlaufen
  • Altglas: Buntglas kann bis zu 90 %, Weißglas bis zu 60 % wiederverwertet werden
  • Metall: Kann bis zu 100 % wiederverwendet werden
  • Kunststoffe: 71 % werden in Österreich verbrannt, 28 % stofflich genutzt und 1 % deponiert

Wiederverwertbare Altstoffe kommen in Österreich in getrennte Anlagen. Meist folgt Recycling oder die Verbrennung zur Energie- wie Fernwärmeerzeugung. Eine Papierfaser kann im Schnitt bis zu sechsmal den Recycling-Kreis durchlaufen. Altglas wird nach der Sortierung mit Glasrohstoffen bei gut 1.600 °C eingeschmolzen. Laut UBA-Bericht können so bei Buntglas bis zu 90 Prozent, bei Weißglas bis zu 60 Prozent für neue Verpackungen wiedergewonnen werden.

Metall hat die beste Bilanz aller Stoffe. Alte Konserven und andere Metallverpackungen können zu 100 Prozent wiederverwendet werden. Aluminium ist dazu noch unbegrenzt rezyklierbar. Kunststoffe müssen aufgrund verschiedener Schmelzpunkte relativ aufwändig vorsortiert und aufbereitet werden. Aus ihnen wird Granulat für neue Kunststoffwaren. Überraschenderweise gehören Mehrwegplastikflaschen laut Naturschutzbund Deutschland zu den umweltfreundlichsten Verpackungen, gefolgt von Mehrwegglasflaschen. Aber auch nur, weil sie am leichtesten im Transport sind, wenn sie von regionalen Erzeugern stammen und tatsächlich mehrfach befüllt werden. So können diese Behälter bis zu 25-mal in Umlauf gelangen. Manche PET-Einwegflaschen können auch rezykliert werden, jedoch nie als Flasche. 71 Prozent der Kunststoffe werden in Österreich laut ÜBA verbrannt, 28 Prozent stofflich genutzt, und ein Prozent wird deponiert.

Gründonnerstag. Das alte Modem wird in eine Stofftasche gepackt, das neue zu Fuß abgeholt. Es kommt in einer Plastikfolie in einem Pappfach in einem Karton daher. In einem Extrafach sind zwei Kabel zusammengerollt, darunter liegt eine Schnellanleitung. Immerhin kein Styropor. Der Staubsauger liegt wie ein toter Dino vor der Tür.

Plastik ist trotz aller Vorteile auch bei uns in Verruf geraten. Das liegt weniger daran, dass die großen Saftproduzenten eine dominante PET-Recyclingfirma betreiben und damit ähnliche Dynamiken entstehen wie mit der ARA. Sandra Papes bringt es in der „Wirtschaft&Umwelt“ auf den Punkt: Man denke an Weichmacher, Mikroplastik und die Ozeane. Konventionelles Plastik besteht aus Erdöl und zerfällt nur sehr langsam. Darum setzen Menschen verstärkt auf Abfall- und Plastikvermeidung. Manche Lobbys, etwa der ARA-Konzern, nutzen das und verlagern mit Bewusstseins-Kampagnen klar das Ursachenprinzip. Manche VerbraucherInnen sehen sich unterdessen nach alternativen Kunststoffen um. Aber auch die sind umstritten.

Osterwochenende. Der Postler, der immer grüßt, bringt ein Paket – ein zweites Modem. Unerwünscht. Reden wir lieber nicht über das Geschenkpapier und Essensverpackungen. Man kann nicht alles in Papier einpacken im normalen Laden. Käse lässt sich lose schlecht transportieren. Wie umweltbewusst man ist, wird einem erst bewusst, wenn man es sich bewusst macht: kaum.
Der Vermieter stellt der Zugeherin kein Gerät, weshalb sie fragt, ob sie den Dino haben darf. Meine Partnerin hat einen neuen Staubsauger gekauft. Dessen riesiger Karton mit Dutzenden Unterfächern erinnert an das Kind einer Matroschka und eines Escher-Gemäldes. Die Zubehörteile stecken in Papphaltern, die in Folie gewickelt sind.

Bioplastik ist nicht automatisch „sauber“.

Bioplastik basiert auf Stärke, Zellulose, Tierfett, Krabbenschalen (Chitin) und Holz. Bei gemäßigten Temperaturen ist der Kunststoff für fast alle Anwendungen geeignet, bei denen konventionelles Plastik verwendet wird. Allerdings trügt das Bild, denn Bioplastik ist nicht automatisch „sauber“. Eine UBA-Studie zu Kunststoffabfällen verdeutlicht dies anhand einer Unterscheidung: „Kompostierbar“ ist ein Biokunststoff dann, wenn er innerhalb von 6 Monaten zu mindestens 90 Prozent abgebaut ist. Dauert es länger, gilt er lediglich als „biologisch abbaubar“.

Und noch ein Problem ergibt sich wie beim Biodiesel: Sollen Feldfrüchte nun auf den Teller oder nicht? Wenn Bioplastik künftig sinnvoll konventionellen Kunststoff ersetzen soll und dafür mehrfach genutzt wird, muss ein Nebeneinander ohne soziale Verwerfungen möglich sein. Ein klimatechnisch sinnvoller Kompromiss wäre der Rückbau der Massentierhaltung, für die schon heute weltweit landwirtschaftliche Nutzflächen verschwendet werden. Die Äcker würden dann wiederaufgeforstet beziehungsweise für Bioplastik und pflanzliche Nahrung frei.

Dienstag. Zum Feierabend bringt sie vorbestellte Gerichte mit, die in Plastik verpackt sind. Eschers Papp-Matroschka steht immer noch draußen.

Über den/die AutorIn

Zoran Sergievski

Zoran Sergievski

Zoran Sergievski, geboren 1988 in Hessen, freier Journalist und Lektor. Studierte Publizistik in Wien. Schreibt seit 2007 für diverse Websites, Zeitschriften und fürs Radio, am liebsten über Medien, Rechtsextreme und Soziales. Lebt mit Kleinfamilie in Wien.