Verantwortung inklusive?

Ausgebeutet: Ein Lieferkettengesetz würde heimische Unternehmen zur Verantwortung für die Umwelt- und Arbeitsbedingungen entlang ihrer Lieferketten verpflichten.
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Lieferkette – der Begriff klingt eher unspannend und vor allem sehr technisch. Doch wir alle haben tagtäglich mit unzähligen Produkten von Lieferketten zu tun und sind vielleicht, etwa in unserem Beruf, nicht nur als Konsument*innen in Lieferketten eingebunden.
Viele von uns trinken in der Früh Kaffee. Und zumindest dann, wenn gerade kein Lockdown ist, trifft man sich auch tagsüber gerne zum Kaffee. Der Kaffee, den wir also quasi täglich konsumieren, ist ein paradigmatisches Beispiel einer globalen Ware und dafür, wie Lieferketten und Ausbeutung heute funktionieren. Nur ein Bruchteil des Preises, den wir für eine Tasse Kaffee in einem Kaffeehaus oder einer beliebigen internationalen Kette bezahlen, geht tatsächlich an die Produzent*innen.

Was bedeutet das nun konkret? Wenn eine Tasse Kaffee also, sagen wir, 2,50 Euro kostet, dann geht davon genau 1 Cent an die Produzent*innen. Kaffee wird de facto nur im globalen Süden angebaut. Zwischen 2011 und 2015 entfielen 58 Prozent auf Lateinamerika, 32 Prozent auf Asien und neun Prozent auf Afrika. Der Preis für Kaffee am Weltmarkt ist in den letzten Jahren so stark gefallen, dass die Produzent*innen kaum noch in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren. Viele steigen auf andere Produkte um oder machen sich auf den Weg nach Norden, um irgendwie in die USA zu kommen, wo sie dann darauf hoffen, zumindest in das unterste Segment der Arbeiter*innenklasse aufgenommen zu werden. Dorthin, wo dann vor allem im Agrar- oder Bausektor die niedrigen Löhne der Migrant*innen, vor allem derer ohne Aufenthaltsstatus, zu den Profiten der Besitzenden beitragen.

Globalisierung passiert nicht zufällig

Nun ist Kaffee gleichzeitig ein paradigmatisches und gutes Beispiel für eine globale Ware wie auch insofern ein schlechtes, als der Kaffeebaum eine tropische und subtropische Kulturpflanze ist. In vielen anderen Sektoren, wie zum Beispiel Textil, Elektronik, Automobil und mittlerweile ohnehin fast in jedem Sektor, wurde allerdings in den vergangenen Jahrzehnten eine gezielte Internationalisierung der Produktion vorangetrieben. Und genau hier liegt das „Geheimnis“ der Lieferketten begraben.

Nur dass diese Internationalisierung, die entscheidende Triebkraft der sogenannten Globalisierung, nicht mystisch und geheimnisvoll ist, sondern sehr offensichtlich die Jagd des Kapitals nach Profiten. Globalisierung passiert nicht einfach, sie wird gemacht.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, hier einige historische Eckpunkte: Die Bedeutung transnationaler Produktion hat sich über einen langen Zeitraum, geprägt von heftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, herausgebildet. Die heutige Struktur hat sich nach dem zweiten imperialistischen Aufteilungskrieg, besonders aber ab den 1960er-Jahren entwickelt. Aufgrund sinkender Profitraten und zunehmenden Drucks japanischer und europäischer (insbesondere deutscher) Exporte begannen US-Konzerne, sogenannte „Exportplattformen“ in Ländern des globalen Südens einzurichten, wo gewisse Waren produziert und dann zur Endverarbeitung in die USA transportiert wurden. Vor allem ab den 1980ern, begleitet auch von neoliberaler Ideologie und Politik, stiegen die Auslandsdirektinvestitionen (FDI) massiv an.

Konzerne beuten Menschen aus,
verseuchen die Umwelt und schädigen das Klima…weil sie es können.
Weil niemand sie zur Verantwortung zieht.

Autorin Veronika Bohrn Mena, Sprecherin der Initiative Lieferkettengesetz in Österreich

Die Produktionsprozesse wurden in immer kleinere Teile aufgedröselt und auf der Jagd nach Profit von einem Land ins nächste versetzt. Dabei machten sich transnationale Konzerne globale Lohnunterschiede und Landpreisunterschiede zunutze. Dass dabei in den meisten dieser Länder repressive Arbeitsregime vorherrschten, die teilweise auch aktiv mit Unterstützung transnationaler Konzerne aufgebaut wurden und tagtäglich durch die bestehende Ordnung reproduziert werden, ist offensichtlich. Die enorme Ausbeutung der Arbeit und der Natur macht die Lohn- und Preisunterschiede erst möglich.

Diese ökonomische Entwicklung wurde begleitet von der Herausbildung eines politischen und rechtlichen Rahmens, einer internationalen Architektur der globalen Akkumulation. Dazu zählen Institutionen wie das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), die Welthandelsorganisation (WTO), diverse Freihandelszonen oder bi- und multilaterale Freihandelsabkommen. Dabei geht es vor allem darum, durch die Schaffung politischer und rechtlicher Rahmen den internationalen Fluss der Kapital- und Warenströme zu garantieren.

Die so entstandenen Warenketten stehen im Wesentlichen unter der Kontrolle monopolistischer transnationaler Konzerne, die wiederum hauptsächlich im globalen Norden angesiedelt sind und durch dieses Arrangement und die Neuorganisation der Produktionsprozesse und Lieferketten enorme Profite einfahren.

Mittlerweile gibt es in vielen Ländern, so auch in Österreich, Initiativen, die genau das anprangern. So bringt zum Beispiel die Autorin Veronika Bohrn Mena, die auch Sprecherin der Initiative Lieferkettengesetz in Österreich ist, dieses Problem akkurat auf den Punkt: „Konzerne beuten Menschen aus, verseuchen die Umwelt und schädigen das Klima. Sie schieben die Verantwortung für von ihnen verursachte Schäden auf die Ärmsten ab, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, ihren Zugang zu Trinkwasser und ihr Land verlieren. Sie machen es, weil sie es können. Weil niemand sie zur Verantwortung zieht.“

Was von einem Häferl Kaffee übrig bleibt

Quelle: Financial Times 2019

Logistik

Dass globale Lieferketten so funktionieren können, wie sie es tun, liegt wesentlich auch an Veränderungen in der Logistik, also dem Transport und der Verteilung der produzierten Waren. Schließlich ist das Outsourcing der Produktion für die Besitzer*innen der Produktionsmittel nur dann sinnvoll, wenn es Profit verspricht, und dafür müssen die Transport-, Lager- und Verteilungskosten möglichst gering gehalten werden.

In der Diskussion werden die Begriffe Lieferkette, Wertschöpfungskette und Warenkette oft auch nebeneinander verwendet. Während die Lieferkette eher den Materialfluss meint, so bezeichnet Wertschöpfungskette die Struktur des Wertes, der an jedem Knotenpunkt der Kette, vom Rohstoffabbau bis zum Endprodukt, generiert wird. Die Logistik hat ihren Ursprung eigentlich im Militär, in der Truppenbewegung und der Organisation des Nachschubs. Selbstverständlich hat sie auch im Handel eine lange Geschichte. Aber besonders in den letzten Jahrzehnten gab es eine derart rapide Transformation, dass gemeinhin sogar von einer „Logistikrevolution“ gesprochen wird.

Was Corona damit zu tun hat

Eine wesentliche Entwicklung ist die Einführung des Containers (präziser: des standardisierten ISO-Containers) durch den Reeder Malcolm McLean 1956. Diese Container ermöglichten den Transport viel größerer Frachtmengen, da sie leicht auf verschiedene Verkehrsmittel (Schiff, Lkw, Eisenbahn etc.) umgeladen werden können – und das noch dazu auch viel stärker automatisiert als früher. Dadurch wurden nicht nur die Transportkosten massiv gedrückt, sondern auch die benötigte Arbeitskraft in Häfen drastisch reduziert.

Ab Mitte der achtziger Jahre verbreitete sich die sogenannte Just-in-time-Produktion und -Distribution. Das Ziel: den Materialfluss möglichst zu optimieren und die Reibungspunkte entlang der Lieferketten zu minimieren. So trat zum Beispiel das Verteilerzentrum an die Stelle des „behäbigen“ Lagers, an dem die Lieferketten „unterbrochen“ wurden. Im 21. Jahrhundert explodierte dieses Modell dann so richtig, vor allem mit der Verbreitung des Internets und der Entwicklung des Onlinehandels.

COVID-19 hat nun die globalen Warenketten aus mehrerlei Gründen ins Zentrum gerückt. Zum einen brach durch die Pandemie der internationale Handel – zumindest zeitweise – ein, die Stilllegung eines Großteils des öffentlichen Lebens und gesperrte oder zumindest stärker kontrollierte Grenzen führten teilweise zu Stopps in den Lieferketten. Hier zeigt sich dann auch die Auswirkung der Just-in-time-Produktion. Wenn aber plötzlich die Lieferung von Waren aus Produktionsstätten des globalen Südens gestoppt wird, dann bedeutet das auch Massenarbeitslosigkeit für diejenigen, die ohnehin schon unter miserablen Bedingungen und überausgebeutet produziert hatten. Diese Arbeiter*innen leben von Monat zu Monat von ihrem viel zu niedrigen Gehalt, und staatliche Absicherungsmechanismen im Fall von Arbeitslosigkeit sind in vielen Ländern – nett ausgedrückt – unzureichend.

Zum anderen haben globale Warenketten einen wesentlichen Anteil an der Entstehung und der Ausbreitung des Virus, also letztendlich an der ganzen Pandemie. Ein wichtiger Faktor bei der Entstehung der Pandemie, besonders bei der Übertragung des Virus auf den Menschen, spielt die industrielle Landwirtschaft und Fleischproduktion, das sogenannte „Land Grabbing“ großer Konzerne, die massive Rodung von Wäldern und dergleichen Praktiken mehr, die enorme ökologische Verwerfungen auslösen. Was die Verbreitung betrifft, so zeigt sich, dass sich das Virus entlang globaler Warenketten ausgebreitet hat und daher sehr schnell von China in die USA und nach Europa gelangen konnte, während Lateinamerika und Afrika zuerst noch kaum betroffen waren. Einer Schätzung von Dun & Bradstreet zufolge haben 51.000 Konzerne weltweit Zulieferfirmen in Wuhan! Pandemien haben sich historisch immer durch Kriege und Handel ausgebreitet, aber die Geschwindigkeit, mit der dies heute passiert, ist neu und hängt direkt mit den Warenketten zusammen.

Die Corona-Pandemie ist also nicht zu verstehen, wenn die Organisation der Produktion und des Transports von Waren im zeitgenössischen Kapitalismus nicht in Betracht gezogen wird. Und ohne eine solche Sichtweise und Schritte hin zu einer Veränderung dieses Systems wird das eigentliche Problem auch nicht zu lösen sein.

Drei Fragen zu Lieferketten

Michael Soder, Ökonom und Referent Energiepolitik in der AK Wien

Wie profitieren österreichische Konzerne von internationalen Wertschöpfungsketten?
Gerade für Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft ist der Export von Gütern und Dienstleistungen ein wichtiger Faktor für die heimische Wirtschaft und ein Treiber für die Konjunktur. 2019 wurden rund 158 Milliarden Euro an Gütern und Dienstleistungen eingeführt und rund 153 Milliarden Euro exportiert. Österreich ist damit stark in internationale Produktionsketten und Handelsströme eingebunden.

Welchen Beitrag kann ein Lieferkettengesetz zur sozial-ökologischen Transformation leisten?
Vereinfacht gesagt: Heimische Unternehmen sollen Verantwortung für die Umwelt- und Arbeitsbedingungen entlang ihrer Lieferkette übernehmen und dafür auch rechenschaftspflichtig werden. Denn weltweite Liefer- und Wertschöpfungsketten sind bisher oft durch massive Umweltschäden, Menschenrechtsverletzungen und kaum vorhandene Arbeitsstandards in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Um „gute Arbeit für alle“ und einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen zu gewährleisten, braucht es eine rechtliche Basis.

Welche Rolle können Gewerkschaften in Österreich und Europa dabei spielen?
Gewerkschaften, Umwelt-NGOs und Zivilgesellschaft setzen sich gemeinsam für einen faireren Welthandel und bessere Umwelt- und Arbeitsbedingungen ein, wie über die aktuellen Initiativen für ein Lieferkettengesetz zur Unternehmensverantwortung. Diese Bemühungen werden auch deshalb stark von den Gewerkschaften geprägt, da Sozial- und Arbeitsstandards für sie von jeher zentrale Themen sind. Und deshalb auch eine der wesentlichen Triebfedern für die Durchsetzung verbesserter Standards und die Wahrung sozialer, arbeitsethischer und ökologischer Verantwortung.

Über den/die Autor*in

Max Zirngast

Max Zirngast wurde 2018 in der Türkei unter dem Vorwurf „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ verhaftet, doch nach drei Monaten im Gefängnis freigesprochen. Inzwischen schreibt er aus Graz für diverse Medien auf Türkisch, Englisch und Deutsch – nun auch für uns.