Klatschen reicht nicht

Illustration Krankenpflegerin
Illustration (C) Adobe Stock
Sie arbeiten zwölf Stunden am Tag, sind hautnah einem Virus ausgesetzt, der die ganze Welt lahmlegt, und verdienen viel zu wenig. Systemrelevant nennt sie die Politik, und klatscht dazu aus dem Fenster. Aber wie sieht der Arbeitsalltag während der Corona-Krise im Spital wirklich aus? Wir haben eine Krankenpflegerin gefragt. Sie wollte es selbst erzählen. Anja Melzer hat mitgeschrieben.
Ich bin seit neun Jahren Krankenschwester und arbeite in der Inneren Medizin in einem Spital in Oberösterreich. Also da, wo die sogenannte Risikogruppe liegt, hauptsächlich ältere Menschen. Bis März haben wir in normalen Schichten gearbeitet, Früh-, Spät- und Nachtdienste. Dann kam Corona. Seitdem ist alles anders. Jetzt arbeiten wir in Zwölf-Stunden-Schichten, oft ohne Pause. Offiziell heißt das „Tagdienst“. Wir machen insgesamt zwar weniger Dienste als vorher, aber dafür viel längere. Der Grund: die Ansteckungsgefahr.

Jetzt arbeiten wir in Zwölf-Stunden-Schichten, oft ohne Pause. Offiziell heißt das „Tagdienst“. Wir machen insgesamt zwar weniger Dienste als vorher, aber dafür viel längere. Der Grund: die Ansteckungsgefahr. 

Es soll so wenig Personal wie möglich gleichzeitig im Einsatz sein. Es wurden ganze Stationen zusammengelegt, um Corona-Betten freizuhalten. Manche von uns arbeiten auf einmal in einem völlig neuen Fachbereich. Die Dienstpläne sind hinfällig, wir haben sie quasi weggeschmissen. Wer wann wo ran muss, erfahren wir im Moment nur noch kurzfristig über Whatsapp, manchmal sogar erst am Abend vorher.

Ich weiß nicht, ob sich die Menschen in Österreich vorstellen können, wie das ist, zwölf Stunden am Stück zu arbeiten. Nicht als Roboter. Sondern für Menschenleben verantwortlich zu sein. Viele meiner Freund*innen sind jetzt im Homeoffice. Ich arbeite genau dort, wo das Virus herumschwirrt, vor dem sich alle fürchten.

Allein für alle Patient*innen

Dienstbeginn ist, wenn es hell wird, um 6.30 Uhr. Übergabe vom Nachtdienst. Tabletten herrichten. Bei jedem einzelnen Patienten Vitalzeichen messen. Wann war der letzte Stuhlgang, muss die Nadel erneuert werden, aktuelle Symptome, Insulin spritzen, all das. Dann Frühstück. Je nachdem, wie meine Kapazitäten sind, teile ich mit aus. Natürlich nur an die, die essen dürfen, manche müssen ja nüchtern bleiben, das hab ich alles im Kopf. Ich muss immer den Überblick behalten. Dann waschen. Motto: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Ich unterstütze da, wo sie es nicht selbst können. Manche können gar nichts. Die brauchen mich. Ärzte anrufen. Visite gehen. Für die Patient*innen ist es wichtig, dass ich dabei bin. Mich kennen sie, den Arzt weniger. Ich bin ihre Stütze. Mich motzen sie trotzdem öfter an. Oft fühlt es sich an, als würde ich Visite gehen, und der Arzt oder die Ärztin haut halt noch ihr Zeichen darunter. Was die Patient*innen nicht wissen: Da geht es zwischen den Fachbereichen oft zu wie im Kindergarten, welcher Arzt oder Ärztin als erster darf. Ich bring da Ruhe rein.

Dann waschen. Motto: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Ich unterstütze da, wo sie es nicht selbst können. Manche können gar nichts. Die brauchen mich. 

Dazwischen muss ich immer wieder unauffällig verschwinden und die anstehenden Untersuchungen vorbereiten. Der eine braucht vielleicht ein offenes Hemd, die andere Prämedikation. Parallel organisiere ich noch die Entlassung für jene, die heute nach Hause dürfen. Das heißt zum Beispiel: Ernährungsberatung anrufen, ein Dialysepatient hat eine andere Diät einzuhalten als sein Bettnachbar mit Magensonde. Die Überleitungspflege verständigen: Braucht der Patient 24-Stunden-Pflege oder vielleicht einen Heimplatz? Fährt er mit der Rettung nach Hause oder braucht er ein Taxi? Sind die Arztbriefe griffbereit? Dann mach ich die Pflegeplanungen, alles muss dokumentiert sein, alles abgezeichnet werden. Für jeden einzelnen Patienten. Das frisst viel Zeit. Spital heißt Bürokratie, aber Bürokratie sichert mich rechtlich ab.

Keine Pause

Und dann natürlich die Wundverbände. Die muss ich alle wechseln. Die nächste Tablettenrunde schachteln, Infusionen vorbereiten, Narben kontrollieren. Nächste Tablettenrunde austeilen. Insulin spritzen, Patient*innen lagern. Dann kommt das Mittagessen. Auch da muss ich hinlangen, vielleicht Brotkanten klein schneiden, Essen eingeben. Es ist jetzt noch nicht einmal halb zwölf, es gab nicht einmal einen Notfall. Aber ich hab noch keinen Schluck getrunken. Ich bin keine Sekunde gesessen. Habe keine Zigarette geraucht. Es war im Grunde nicht einmal Zeit, überhaupt darüber nachzudenken.In meinem Kopf sind hunderttausend Dinge. Wenn ich irgendwann mein Essen auspacke, schaffe ich ein paar Bissen, dann klingelt wieder wer. Teilweise wärm ich den Teller bis Schichtende dreimal auf und hab am Ende trotzdem nicht alles aufgegessen.

Mein Spital hat von Wegwerfmasken auf waschbare Stoffmasken gewechselt. Die muss man nun am Hinterkopf zusammenbinden. Da überlegst du dir jeden Schluck Wasser doppelt. 12 Stunden lang Stoff im Gesicht, ich hab überall Pickel. 

Die Corona-Krise verschärft alles zusätzlich. Wir sind weniger Personal, häufig nur zu dritt oder viert verantwortlich für die ganze Station. Mein Spital hat von Wegwerfmasken auf waschbare Stoffmasken gewechselt. Die muss man nun am Hinterkopf zusammenbinden. Da überlegst du dir jeden Schluck Wasser doppelt. 12 Stunden lang Stoff im Gesicht, ich hab überall Pickel. Und alle sind gestresst, auch die Patient*innen. Sie leiden darunter, dass sie keinen Besuch haben dürfen. Immer wieder sitze ich bei 80-Jährigen oder schwer Dementen am Bett, und erkläre ihnen Facetime oder Skype. Aber es ist wichtig, dass sie ihre Angehörigen sehen.

Alleine sterben

Viele sind jetzt allein. Wenn einer stirbt, darf nur noch ein Angehöriger kommen. Und ja, manchmal sterben Menschen jetzt alleine. Das ist furchtbar, auch für mich. Vor Corona wäre da immer jemand von uns dabei gewesen, hätte die Hand gehalten, zugehört. Aber was soll ich denn tun, wenn ich gerade einen Notfall habe und niemand sonst da ist? Wenn ein Patient akut blutet oder Atemnot hat, muss ich handeln. Da geht es um Minuten. Ich habe seit Corona keine Zeit mehr, mit meinen Patient*innen zu reden und emotional voll da zu sein. Am Abend, nach zwölf Stunden Funktionieren, fall ich leer ins Bett.

Ich habe seit Corona keine Zeit mehr, mit meinen Patient*innen zu reden und emotional voll da zu sein. Am Abend, nach zwölf Stunden Funktionieren, fall ich leer ins Bett. 

Vielleicht klingt das erschreckend: In Wahrheit weiß ich gar nicht, ob ich ansteckend bin. Ich bin bis dato einmal getestet worden, aber auch erst, nachdem Kolleg*innen im Haus schon Symptome hatten. Inzwischen hat sich das verbessert. Am Anfang haben sie uns überhaupt nicht ernst genommen. Insgeheim bin ich schon froh, dass ich nicht direkt auf der Corona-Station arbeite, die Pfleger*innen dort sind ja noch viel näher am Virus dran. Das ist schon heftig. Unsere Intensivstation ist derzeit nur halb ausgelastet, aber das kann sich schnell ändern. Darauf sind alle vorbereitet.

Ich will endlich Anerkennung

Am Montag hat meine Chefin plötzlich einen Link in unsere Stations-Whatsapp-Gruppe gepostet: die Petition für den „Coronatausender“, den der ÖGB fordert. Alle haben sofort unterschrieben. Und stündlich kommen tausende Unterschriften dazu. Das freut uns. Wir machen diesen Beruf, weil wir uns dafür entschieden haben. Wir können das. Nicht jeder eignet sich dafür. Trotzdem ist der „Coronatausender“ für uns nur ein Anfang. In unserem Nachbarland, in Bayern, sind die Prämien für Pflegekräfte viel höher. Sie bekommen ab jetzt auch mehr Gehalt und mehr Urlaub.

Wir machen diesen Beruf, weil wir uns dafür entschieden haben. Wir können das. Nicht jeder eignet sich dafür. Trotzdem ist der „Coronatausender“ für uns nur ein Anfang. 

Davon können wir nur träumen. Ich würde mir wünschen, dass die Politik uns endlich die 35-Stunden-Woche gewährt. Dass die Menschen für uns aufstehen, jetzt, wo wir dafür sorgen, dass das System nicht kollabiert. Das wäre ein wertvolles Symbol. Das wäre echte Anerkennung. Sie nennen uns seit ein paar Wochen „systemrelevant“, aber das waren wir immer. Es hat nur niemand bemerkt. Es muss sich für uns endlich was ändern. Wann, wenn nicht jetzt? Klatschen allein reicht nicht.

Unterzeichnen!

Petition für den Coronatausender

Über den/die AutorIn

Anja Melzer

Anja Melzer

Anja Melzer studierte Kunstgeschichte, Publizistik und Kriminologie in Wien und Regensburg. Seit 2014 arbeitet sie als Journalistin und Reporterin für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine. Seit März 2020 ist sie Chefin vom Dienst der Arbeit & Wirtschaft.