Pflege, das kann jeder?

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Damit es künftig nicht mehr an Pflegerinnen und Pflegern mangelt, will die Regierung einen neuen Lehrberuf anbieten. Ist das die Lösung?
Die gehören zu den in den ersten Corona-Monaten oft erwähnten Held*innen. Sie arbeiten in – und auch das ein zeitgeistiger Begriff – sogenannten systemrelevanten Berufen: Pflegerinnen und Pfleger. Während sich die Innenstadtbüros leerten und Angestellte sich zurückzogen ins Homeoffice, standen sie in den Heimen, machten Hausbesuche, isolierten sich freiwillig, um ihre Klient*innen nicht zu gefährden. Politikerinnen und Politiker sprachen ihnen Lob aus, aber keine Bonuszahlung zu. Der vom ÖGB geforderte „Corona-Tausender“ blieb genau das: nur eine Forderung.

Die Anerkennung bisher war rein symbolisch. Dabei benötigt es immer dringender Menschen, die sich um die Alten und Schwachen in unserer Gesellschaft kümmern. In Österreich beziehen aktuell mehr als 460.000 Menschen Pflegegeld, mehr als 950.000 pflegen ihre Angehörigen. So steht es im Regierungsprogramm. Rund 127.000 Menschen arbeiten in der Pflege, und viele von ihnen werden in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen. Die Österreicherinnen und Österreicher werden derweil immer älter. Bis 2030 benötigen wir rund 76.000 Pflegekräfte zusätzlich, so prognostizieren es Expert*innen in einer Studie. Es drängt.

„So schnell wie möglich“

Die Regierungsparteien ÖVP und Grüne haben sich deshalb vorgenommen, die Pflege zu reformieren und mehr Personal einzusetzen. Aber woher soll das kommen? Ein Vorhaben ist, Pflege als Lehrberuf zu starten. Das Ziel: junge Menschen bereits mit 15 Jahren gewinnen und sie nicht an andere Berufe verlieren. Nach drei Jahren, mit 18, könnten sie dann dem Arbeitsmarkt zu Verfügung stehen. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es, die Pflegelehre solle „so schnell wie möglich“ eingeführt werden. Noch ist nichts entschieden.

Losgehen könnte es aber bereits ab dem Schuljahr 2021/22, berichtete die Wiener Zeitung im Mai. Als Vorbild gilt die Schweiz. Dort kann man sich in zwei Jahren zur „ Assistentin“ bzw. zum „Assistenten Gesundheit und Soziales “ oder in drei Jahren zur „Fachfrau bzw. -mann Gesundheit“ ausbilden lassen. Seit 2004 ist das bereits möglich, „Fachfrau bzw. -mann Gesundheit“ ist heute einer der beliebtesten Lehrberufe. Wer möchte, kann sich später zur diplomierten Pflegefachkraft weiterbilden. Fünf Jahre nach Lehrabschluss blieben gut 80 Prozent der Lernenden der Branche treu, sagt Urs Sieber , Leiter von OdASante, des Schweizer Branchenverbands für die Bildung im Gesundheitswesen. Für Sieber spricht das dafür, dass Betriebe die Jugendlichen gut ausbilden und auch in fordernden Situationen gut betreuen. Doch auch die Schweiz leidet – wie Österreich – an Personalmangel in der Pflege. Kann das Modell Vorbild sein?

Nachhaltig und zukunftsorientiert?

Nein, findet der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband. Er begrüßt zwar einige Vorschläge der angekündigten Pflegereform, etwa sogenannte „Community Nurses“, die auch präventiv arbeiten sollen. Die Berufsvertretung warnt aber vor dieser Pflegelehre: Sie stelle keine nachhaltige und zukunftsorientierte Lösung dar, das Ausbildungsangebot würde nur weiter fragmentiert werden.

Tatsächlich scheitert es nicht an Ausbildungsmöglichkeiten in Österreich. Schon jetzt gibt es zahlreiche Optionen: Man kann sich in einem Jahr zur Pflegeassistenz oder in zwei Jahren zur Pflegefachassistenz ausbilden lassen. Daneben gibt es das dreijährige Diplom und den dreijährigen Bachelor Gesundheits- und Krankenpflege. Um junge Menschen nicht früh an andere Berufe zu verlieren, starteten erst Anfang des Jahres Schulversuche in fünf Bundesländern: Schülerinnen und Schüler absolvieren dort in fünf Jahren eine Pflegeausbildung mit Matura. Das Modell könnte ausgeweitet werden. Die Wege in die Pflege – sie sind also schon jetzt vielfältig.

Ist es im Sinne des jungen Menschen, ihn mit einer Realität zu konfrontieren, die selbst für Erwachsene oft genug hohe psychische Stabilität braucht?

Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger

Kritik an der Pflegelehre kommt auch von den Grünen. Die Wiener Gesundheitssprecherin Birgit Meinhard-Schiebel argumentiert ähnlich wie der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband. In einem Blogeintrag schreibt sie, Pflege sei eine „hochqualifizierte Tätigkeit“, die sich nicht in zahlreiche niedriger angesiedelte Dienstleistungen zersplittern sollte. Meinhard-Schiebel, die auch Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger ist, fragt: „Ist es im Sinne des jungen Menschen, ihn mit einer Realität zu konfrontieren, die selbst für Erwachsene oft genug hohe psychische Stabilität braucht?“

Sind Jugendliche reif genug?

Jugendliche seien nicht reif genug für große Themen wie Tod, Schmerz oder Demenz, sagt Martina Lackner, Pflege-Expertin des ÖGB. In der Pflege müsse man sich außerdem etwa mit Inkontinenz oder Dekubitus – chronische Wunden durchs längere Liegen – auseinanderzusetzen, was sehr belastend sei. Silvia Rosoli, Arbeiterkammer-Expertin für Pflege- und Gesundheitsberufe, sagt dazu: „Die Gefahr, dass Jugendliche als billige Arbeitskräfte in überfordernde Situationen gebracht werden, ist einfach zu groß.“ Pflegende und ihre Angehörigen akzeptierten Jugendliche zudem nicht immer als Pflegekräfte. Verständlicherweise: Pflegebedürftige Menschen hätten sich gut ausgebildete Profis verdient. Und auch Menschen in der Pflege sprächen sich mehrheitlich gegen eine praktische Pflegeausbildung vor dem 17. Lebensjahr aus. Das zeigt eine AK-Umfrage.

Die Gefahr, dass Jugendliche als billige Arbeitskräfte in überfordernde Situationen gebracht werden, ist einfach zu groß.

Silvia Rosoli, Arbeiterkammer-Expertin für Pflege- und Gesundheitsberufe

Denn das Gesetz schreibt vor, dass man erst ab 17 Jahren am Krankenbett arbeiten darf. Für einen österreichischen Pflege-Lehrberuf hieße das aber: Mit 15 und 16 Jahren könnten die Jugendlichen nur Theorie machen. „Das führt die Idee der dualen Ausbildung ad absurdum“, findet Christian Hofmann von der GPA-djp Jugend. Das Modell der Lehre sei erfolgreich, weil es Praxis und Theorie verbindet. Bei der Pflegelehre wäre genau das nicht der Fall. Hofmann hält sie daher für reines Marketing. Für Lehrlinge bestünde die Gefahr, so Hofmann, dass sie erst verspätet – nämlich nach zwei Jahren Theorie, nachdem sie das erste Mal mit Patientinnen und Patienten arbeiten – feststellen: „Das ist doch nichts für mich.“

„Wenn die Jugendlichen in den ersten zwei Jahren nicht am Bett sein dürfen, was machen sie dann in den Betrieben?“, fragt Silvia Rosoli. Die AK-Expertin befürchtet, dass Betriebe die Lehrlinge für andere, fachfremde Tätigkeiten einsetzen – und sie nicht gut ausbilden. Denn schon jetzt sei der Pflegealltag oft stressig. Das wenige Personal, das die Jugendliche ausbilden müsste, fehlte dann ja an den Betten.

Mehr Geld, bessere Planbarkeit

Was also tun? Dass eine Pflegereform notwendig ist, darin sind sich alle einig. Doch „eine Debatte zur Pflegelehre ist entbehrlich“, schreibt der Pflegeexperte Roland Nagel in einem Gastkommentar in der Wiener Zeitung. Wichtig wäre es hingegen, Wiedereinsteiger und Quereinsteiger für die Pflege zu finden und sicherzustellen, dass Pfleger*innen mehr Zeit haben, ihre verantwortungsvollen Aufgaben durchzuführen. Menschen mit gleichwertiger Ausbildung sollten zudem gleich entlohnt werden und ihre Dienste gut planen können, was derzeit nicht der Fall ist.

Weg von geteilten Diensten und die Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich verkürzen, fordert auch Martina Lackner vom ÖGB. Pflegerinnen und Pfleger müssten nicht nur besser bezahlt werden, sondern insgesamt mehr Wertschätzung erfahren. Denn in Österreich herrsche leider immer noch die Ansicht: „Pflege, das kann jeder.“

Über den/die AutorIn

Benjamin Breitegger

Benjamin Breitegger

Benjamin Breitegger ist freier Journalist in Wien.