Peking, Wien und Einsamkeit

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Birgit Mathon ist Psychotherapeutin, Librettistin und Dirigentin – die letzten zwei Jahre arbeitete die 46-Jährige in Peking, zuletzt an einer internationalen Klinik. Den Beginn der Corona-Pandemie erlebte sie hautnah mit. Erst vor wenigen Wochen kehrte sie zurück nach Österreich. Hier erzählt sie über die gespenstische Anfangsphase des Virus in China, aufkeimenden Rassismus, plötzliche Armut – und was gegen Einsamkeit im Home-Office hilft.

Foto Birgit Mathon

Birgit Mathon lebte als Psychologin und Musikerin in Peking, kehrte vor einigen Wochen nach Wien zurück – von der Isolation in die Isolation.

Birgit Mathon sitzt in ihrer Wiener Mietwohnung, die sie während ihrer Zeit als Psychologin und Musikerin in Peking behalten hat, weil sie so günstig ist. Ein Glück, denn vor ein paar Wochen, gerade als sich das gefährliche Virus aus China über die ganze Welt verstreute, wurde ihr Arbeitsvisum aufgelöst – sie musste Hals über Kopf zurück nach Österreich. Wenn sie spricht, fährt sie sich manchmal durch ihre langen lockigen Haare. Und immer wieder fällt ihr Blick auf eine Zimmerpflanze. Warum, wird sich in unserem Gespräch noch herausstellen. „Hast du eh Zeit?“, fragt sie, und dann beginnt die Psychotherapeutin zu erzählen.

Von Peking nach Wien

Du hast die letzten Jahre in Peking gelebt und gearbeitet und den Ausbruch der Corona-Pandemie von Anfang an mitbekommen. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Birgit Mathon: Das war ganz seltsam. Zwischen Peking und Wuhan liegen Tausende Kilometer, aber man hat auch bei uns gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Es begann im November, plötzlich waren ganz viele Leute krank. Und es wurden immer mehr. Ich habe gehört, zum Teil waren 80 Prozent der Schüler*innen nicht im Unterricht. All meine Klient*innen waren krank, mein Geschäft ist schon im Dezember völlig eingebrochen. Man hat da aber noch nichts Genaues gewusst. Es hieß, eine schwere Grippewelle gehe herum, irgendwas mit Lungenentzündung. Das war ganz komisch.

All meine Klient*innen waren krank, mein Geschäft ist schon im Dezember völlig eingebrochen. Man hat da aber noch nichts Genaues gewusst.

Birgit Mathon, Psychotherapeutin und Musikerin

Wann hat die Öffentlichkeit erfahren, dass es sich um COVID-19, dieses völlig neuartige Virus, handelt?
Im Jänner, kurz nachdem dieser traurig berühmt gewordene Arzt in Wuhan seine Kolleg*innen vor dem Corona-Virus gewarnt hatte. Und dann haben sie langsam alles zugesperrt. Dieser Arzt ist ja inzwischen gestorben, offiziell an COVID-19. Aber das glaubt dort niemand. Viele gehen davon aus, dass er zum Schweigen gebracht wurde.

Auch in Österreich, weit weg auf der anderen Seite der Erde, kam bald keine Nachrichtensendung mehr ohne die Horrorbilder aus Wuhan aus. Wie haben die Menschen in Peking darauf reagiert?
Wir haben uns eigentlich noch nichts gedacht, wir dachten wirklich zuerst, das Virus sei nur dort. Irgendwann hieß es dann: Ladet keine Leute mehr nach Hause ein. Wohnanlagen haben Gästen den Zutritt verweigert. Zugespitzt hat es sich für mich am chinesischen Neujahrsfest, das war heuer am 25. Jänner. Ich bin an diesem Wochenende verreist, zu einer Freundin nach Shanghai – und der Zug war menschenleer. Das war bis dahin in China unvorstellbar. Man muss normalerweise einige Wochen vorher sein Ticket besorgen, weil die Züge so voll sind. In Shanghai waren dann Touristenzonen plötzlich gesperrt. Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen. Man muss sich das vorstellen: Es war Neujahr! Aber alles war zu, die U-Bahnen sind nicht mehr gefahren, man konnte nicht raus.

In Shanghai waren dann Touristenzonen plötzlich gesperrt. Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen.

Aber du bist ohne Probleme wieder zurück nach Peking gekommen?
Ja, knapp, kurz darauf wurde auch in Peking der Lockdown verhängt. Und dann wurden ja auch Reisen verboten.

Hier entstanden zu Beginn dieser weltweiten Pandemie – als es in Österreich noch keinen bestätigten Fall gab – sehr rasch Ressentiments gegen Chinesen. Chinesische Restaurants wurden gemieden, teilweise wurden asiatisch aussehende Menschen im öffentlichen Raum verbal angegriffen.

Asiaten sind genauso rassistisch wie Weiße. Was jetzt passiert: Es werden Schuldige für das Virus gesucht – das richtet sich in erster Linie gegen die Amerikaner, aber auch gegen Afrikaner.

Auch in China lässt Corona den Rassismus noch viel sichtbarer werden. Asiaten sind genauso rassistisch wie Weiße. Was jetzt passiert: Es werden Schuldige für das Virus gesucht – das richtet sich in erster Linie gegen die Amerikaner, aber auch gegen Afrikaner. Schwarze in China sind häufig Akademiker, die oft schon fürs Studium nach China kommen. Die haben es dort im Moment wirklich schlecht, teilweise können sie nicht einmal mehr einkaufen gehen. Ich hatte in Peking sehr viele afrikanische Bekannte – alle wollen weg. Aber Afrika hat die Grenzen geschlossen.

Von Gelassenheit zu Aggression

„In China ist das anders. Da sagt der Staat: ‚Bleibt zu Hause.‘ Und dann machen sie es so.“

Welche Unterschiede siehst du zwischen China und Österreich beim Umgang mit dem Virus?
Es war prinzipiell viel weniger arg in China. Was mir in Wien sofort aufgefallen ist: Die Leute hier sind unglaublich aggressiv mit dem Virus und den neuen Regelungen. Sie regen sich durchgehend auf. In China ist das anders. Da sagt der Staat: „Bleibt zu Hause.“ Und dann machen sie es so. Die Leute bleiben gelassen, und sie halten viel mehr zusammen. Man darf ja auch nicht vergessen, China hat Erfahrung: Die hatten SARS, die hatten MERS, die hatten Schweinegrippe, die hatten Vogelgrippe. Gleichzeitig haben uns in China die Ärzte aber auch – anders als in Österreich – von Anfang an gesagt: Geht jeden Tag spazieren an die frische Luft fürs Lungensystem.

Hier war ja lange überhaupt nicht klar, was man nun darf und was nicht – ist Spazierengehen noch erlaubt oder schon verboten? Inzwischen wissen wir: Viele Dinge waren immer erlaubt, aber es wurde an die Bevölkerung absichtlich anders kommuniziert. In Wien sind Menschen angezeigt worden – teils mit hohen Geldstrafen – weil sie allein auf einer Parkbank saßen.
Chinesen tun sich mit solchen Restriktionen sicherlich leichter. Aber auch dort ist sofort die Wirtschaft eingebrochen, viele sind in die Armut gerutscht und waren darauf angewiesen, dass ihnen Verwandte Lebensmittel vom Land in die Stadt schicken. Man hat auch von etlichen Selbstmorden gehört. Außerdem: In Peking leben die Menschen in Familien auf engstem Raum zusammen oder in WGs, das ist dort ganz normal. Für meine 15 Quadratmeter musste ich umgerechnet 1.000 Euro zahlen, die Mieten sind horrend. Wobei man in China ja viel weniger als hier verdient. In Wuhan sollen Menschen in ihren Wohnungen verhungert sein. Die Lebensmittelversorgung hat zwar trotz Virus – so wie bei uns – immer noch funktioniert, aber ohne Geld können sich die Menschen nichts mehr kaufen. Es gibt auch keine Tafeln oder sozialen Hilfsorganisationen.

In Wuhan sollen Menschen in ihren Wohnungen verhungert sein. Die Lebensmittelversorgung hat zwar trotz Virus – so wie bei uns – immer noch funktioniert, aber ohne Geld können sich die Menschen nichts mehr kaufen.

Du meintest ja gerade schon, auch deine Einkünfte sind durch die Pandemie völlig eingebrochen.
Es war toll in Peking. Ich wollte eigentlich auch nicht zurück, mir hat meine Arbeit als Psychologin und Musikerin sehr gefallen. Bis Corona kam. Ich habe realisiert, dass ich die Märzmiete nicht mehr bezahlen kann. Am 27. Februar habe ich China verlassen. Das war eine ziemliche Odyssee, zweimal wurde mein Flug gecancelt, es gab ja dann auch keine Direktflüge mehr. Ich bin also über Moskau nach Wien geflogen. Wir sind in Wien aus dem Flieger gestiegen, alle haben die Masken, die sie während des ganzen Fluges über getragen haben, in die Mistkübel geschmissen, und sind durch die Schranken gegangen. Niemand ist untersucht, niemand kontrolliert worden!

Unglaublich! Dass bei Passagieren nach Landungen aus China noch am Flughafen Fieber gemessen wird, wurde in Österreich erst ein paar Wochen später eingeführt.
Ich habe ewig versucht, einen Test zu bekommen, um keine Menschen in Wien anzustecken. Das war nicht möglich, obwohl ich in China Leute kannte, die erkrankt waren. Begründung der Behörden: Ich sei ja nur in Peking, nicht in Wuhan gewesen. Also habe ich mich zwei Wochen freiwillig selbst isoliert. Ich war gerade einmal vier Tage draußen, und dann kam hier der Lockdown.

Ich habe ewig versucht, einen Test zu bekommen, um keine Menschen in Wien anzustecken.

Das bedeutet, du lebst also nun seit beinahe Anfang des Jahres in dieser Quarantäne-Situation.
In Woche 17 als Selbstständige allein in der Wohnung, ja. Nicht nur für mich ist es wirtschaftlich schwer, viele Bekannte und Freund*innen verlieren gerade ihre Jobs. Ich glaub, das ist auch eine Erkenntnis der letzten Wochen: Dass vieles, das einem immer Sicherheit gegeben hat, sehr schnell weg sein kann. Auch Jobs in vermeintlich „sicheren“ Branchen sind nicht mehr sicher. Ich hatte fünf Job-Angebote, als ich nach Wien zurückgekommen bin, durch den Lockdown habe ich an einem Tag fünf Absagen bekommen. Anspruch auf Mindestsicherung hab ich aufgrund des langen Auslandsaufenthalts keinen. Jetzt arbeite ich vorübergehend als Nanny mit Kindern, um mich finanziell über Wasser zu halten. Das rettet mich wirklich.

Von Isolation zu Isolation

„Ich hatte fünf Job-Angebote, als ich nach Wien zurückgekommen bin, durch den Lockdown habe ich an einem Tag fünf Absagen bekommen.“

Du bist erfahrene Psychotherapeutin, spezialisiert auf Traumata und Depression. Was macht diese Isolation mit Menschen – und mit dir selbst?
Ich selbst hab ja wirklich wochenlang keinen Menschen gesehen. Eigentlich bin ich introvertiert, ich bin gern allein. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich das Alleinsein aussuchen kann oder nicht. Es ist dieser Nicht-Kontakt, diese Nicht-Verbundenheit mit anderen Menschen. Bei jedem Skype-Talk machen wir uns vor, dass wir Kontakt haben, und in der nächsten Sekunde drehen wir ab, klappen den Laptop zu und sind wieder allein. Das ist nicht echt, das ist nur virtuell.

Inwiefern nützt dir jetzt deine Ausbildung?
Natürlich hab ich aufgrund meiner Spezialisierung bessere Strategien als manch andere, damit klarzukommen, aber ich könnte mir zum Beispiel im Moment nicht vorstellen, Leute zu therapieren. Ich kann niemandem sagen: Alles wird wieder gut, bald hast du wieder einen Job. Die Realität ist diese, wir können sie nicht ändern. Und diese reale Last kann ich auch keinem nehmen.

Ich könnte mir zum Beispiel im Moment nicht vorstellen, Leute zu therapieren. Ich kann niemandem sagen: Alles wird wieder gut, bald hast du wieder einen Job.

Was würdest du Menschen raten, die unter der aktuellen Situation und der Isolation leiden?
Mein Weg ist: „No resistance“, akzeptieren, was ist. Sich nicht innerlich dagegen wehren. Ich glaube, die meisten Leute, die unglücklich sind, sagen sich, dass es anders sein sollte, und kämpfen innerlich gegen die Realität an. Für mich ist die Natur zum Beispiel ein Link, um mich verbunden zu fühlen, wenn ich gerade keinen Kontakt zu Menschen haben kann. Das ist sehr heilsam. Geht in den Wald! Da sind zwar keine Menschen, aber man kann auch Bäume umarmen und sich verbunden fühlen. Oder das Gras anfassen. Man spürt, dass etwas lebt.

Dazu muss man sich erst einmal aufraffen, überhaupt rauszugehen …
Diese Antriebslosigkeit und Trägheit kenne ich auch. Doch auch wenn ich mir an einzelnen Tagen denke: Nein, ich mag nicht rausgehen – raus in die Natur ist die einzige Medizin, die hilft. Das würde ich jedem raten.

Viele Menschen fühlen sich im Home-Office innerlich gelähmt und unproduktiv.
Kreativ zu arbeiten schaffe ich gerade selbst auch nicht, ich bewundere alle, die das können. Ich bin Dirigentin und Sängerin, aber ich kann nicht einmal mehr Musik hören. Diese Unfreiwilligkeit der Quarantäne führt zur Nicht-Inspiration. Was die Psyche braucht, ist Verbundenheit mit dem Leben, daher sind auch Gefängnisstrafen zum Beispiel so hart zu ertragen. Selbst der Einsiedler am Himalaya fühlt sich verbunden – mit Gott und der Natur. Trennung ist immer entmenschlichend. Dazu eine kleine Anekdote: Ich habe mir neulich eine echte, kleine Palme gekauft. Und ich schwöre, ich spüre, dass hier in meiner Wohnung etwas lebendig ist.

Diese Unfreiwilligkeit der Quarantäne führt zur Nicht-Inspiration. Was die Psyche braucht, ist Verbundenheit mit dem Leben.

Also sollten sich alle, die jetzt noch immer Zwangs-Homeoffice verbringen, eine Pflanze auf den Schreibtisch stellen?
Ich würde es empfehlen. (lacht) Es ist ja auch kein Wunder, dass sich die Leute gerade alle Haustiere anschaffen. Ich habe gelesen, die Tierheime sind mittlerweile leer.

Welche Rolle spielen Ängste in der Bevölkerung?
Du spürst im Moment die Angst des Kollektivs vor dem Virus und seinen Folgen – also nicht nur deine eigene, sondern auch die der anderen. Dazu kommt: Es wurde uns nicht gesagt, wie lange das dauern wird. Und ob die Regelungen nicht wieder strenger werden könnten. Es gibt Menschen, die können mit der harten Realität besser umgehen, die wollen wissen: So sehen die nächsten zwei Jahre aus. Andere aber brauchen kurze Etappen, die sagen sich: Ich halte das jetzt zwei Wochen aus, dann noch einmal zwei usw. Was nicht gut ist: Dass die Regierung absichtlich Angst verbreitet oder dass die Miliz einberufen wird, ohne dass uns genau erklärt wird, wozu eigentlich. Menschen brauchen Erklärungen für solche harten Maßnahmen.

Nicht zu vergessen: die großen Existenzängste.
Absolut. Es sind übrigens auch genau diese chronischen Existenzängste, die jegliche Art von Kreativität verunmöglichen. Viele Menschen haben Angst, ins Nichts zu stürzen. Wer jetzt arbeitslos und abgestellt zu Hause sitzt, verliert seinen Sinn. Aber jeder von uns braucht einen Sinn im Leben, eine Aufgabe. Etwas, wofür es sich lohnt zu leben.

Ja, aber was sollen die tun?
Wer zumindest Arbeitslosengeld oder andere Hilfen bezieht, dem hilft vielleicht ein Ehrenamt, eine freiwillige Aufgabe. Bei der Tafel mitarbeiten, Hunde ausführen, garteln, sowas. Damit kommt auch wieder die Verbundenheit. Und auch ein kleiner Sinn erfüllt dich. So kommt man leichter durch die Krise. Vielen Künstler*innen, Musiker*innen oder anderen Selbstständigen oder allen, die aus dem Härtefallfonds rausfallen und jetzt keine Hilfen bekommen, ist mit einem Ehrenamt nicht geholfen, sie brauchen erst einmal Geld, um überhaupt zu überleben. Das ist tragisch. Viele Menschen durchleben die Verzweiflung, vielleicht nie mehr einen Job zu finden. Und das spüren wiederum alle anderen.

Viele Menschen durchleben die Verzweiflung, vielleicht nie mehr einen Job zu finden. Und das spüren wiederum alle anderen.

Umfragen zeigen, dass der Nikotin- und Alkoholkonsum gestiegen ist. Betäuben wir alle gerade diese Verzweiflung?
Das konnte man schon in China beobachten, ja. Auch dort haben die Menschen mit dem Einbruch der Wirtschaft und dem Lockdown begonnen zu trinken.

Wo wird das hinführen?
Ich bin gespannt, wie hoch der Andrang auf Entzugsklinken wird. Und auch der Bedarf an Psychotherapien wird steigen, was für das Gesundheitssystem bedeutet: Es braucht Geld. Reformiert endlich das Wartelistensystem auf Kassen-Therapieplätze! Allen, die unter der Corona-Einsamkeit und der Krise leiden, kann ich nur das sagen: Die Situation annehmen, wie sie ist, keinen inneren Widerstand leisten, bei sich selbst sein, und das Beste daraus machen.

Über den/die AutorIn

Anja Melzer

Anja Melzer

Anja Melzer studierte Kunstgeschichte, Publizistik und Kriminologie in Wien und Regensburg. Seit 2014 arbeitet sie als Journalistin und Reporterin für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine. Seit März 2020 ist sie Chefin vom Dienst der Arbeit & Wirtschaft.