Krisentagebuch 047: Die Freiheit, die sie meinen?

Ein Wort, das gerade im Zusammenhang mit Corona sehr oft verwendet und von rechten Kräften missbraucht wird, ist "Freiheit". Was hat es damit auf sich? Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl kommentiert.
Gerade jetzt wird gerne argumentiert: „Die Maske beraubt mich der Freiheit, der Mund-Nasen-Schutz beraubt mich der Freiheit. Wenn ich fünf Minuten in ein Geschäft gehe und meine Nase und meinen Mund bedecken muss, dann ist es eine Einschränkung meiner Freiheit, dass man dagegen rebellieren muss.“ Das ist schon ein sehr eigenartiger Freiheitsbegriff, wenn man sich überlegt, dass durch die Nichtverwendung von Mund-Nasen-Schutz jemand anderer in seiner Freiheit eingeschränkt wird, nämlich all jene Leute, die sich keinesfalls mit dieser schlimmen Krankheit anstecken sollen.

Diese egoistische Verwendung von Freiheit, ohne Kompromisse, ohne Einschränkungen, ist nicht Freiheit, sondern Egozentrik.

Natascha Strobl, Politikwissenschafterin

Und so sieht man, dass es absolute Freiheit nicht gibt, dass Freiheit nicht bedeutet, tun und lassen zu können, was man will, sondern dass Freiheit auch Rücksichtnahme bedeutet, dass Freiheit auch Solidarität bedeutet. Denn solange man in einer Gesellschaft lebt, muss man mit anderen Menschen zusammenleben – und möglichst vielen soll es möglichst gut gehen. Freiheit ist immer auch eine Abwägung; in dem Fall, ob das große Opfer – fünf oder zehn Minuten lang einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen – es nicht wert ist, damit andere Leute in Freiheit leben können.

Diese egoistische Verwendung von Freiheit, ohne Kompromisse, ohne Einschränkungen, ist nicht Freiheit, sondern Egozentrik – und hat eigentlich in unserer Gesellschaft so nichts verloren.

Über den/die AutorIn

Natascha Strobl

Natascha Strobl

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien und beschäftigt sich mit den rhetorischen Strategien der (extremen) Rechten. Auf Twitter liefert sie unter #NatsAnalysen tief gehende Analysen zu tagesaktuellen Themen.