Krisentagebuch 044: Kein politisches Kleingeld mit der Shoah

Shoah und Holocaust dürfen nicht für politische Ich-Inszenierung oder für politisches Kleingeldwechseln instrumentalisiert werden, sagt Politikwissenschafterin Natascha Strobl im Krisentagebuch.
Vor Kurzem gab es in Wien eine Gedenkveranstaltung zur Grundsteinlegung eines neuen Denkmals für die österreichischen Jüdinnen und Juden: eine Mauer der Namen. Zwei ÖVP-PolitikerInnen, Wolfgang Sobotka und Karoline Edtstadler haben das zu allem genutzt, nur nicht zum Gedenken an die Opfer.

Die Shoah ist aber keine Ansammlung von individuellen Trauerfällen, sondern die geplante und ausgeführte industrielle Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Dahinter steht eine Ideologie, eine politische Idee, die jetzt auch noch fortbesteht.

Natascha Strobl, Politikwissenschafterin

Bundesministerin Karoline Edtstadler hat den Holocaust und die Shoah auf eine Art und Weise trivialisiert, die infrage stellt, ob so jemand für ein hohes Amt in dieser Republik geeignet ist. Sie hat die Shoah mit einem eigenen persönlichen Trauerfall gleichgesetzt (der natürlich traurig und furchtbar ist). Die Shoah ist aber keine Ansammlung von individuellen Trauerfällen, sondern die geplante und ausgeführte industrielle Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Dahinter steht eine Ideologie, eine politische Idee, die jetzt auch noch fortbesteht.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka hat auf eine schamlose Art und Weise diese Gedenkveranstaltung genutzt, um sich über Muslime und Linke auszulassen – als wäre der Nationalsozialismus eine linke oder muslimische Angelegenheit gewesen. Aber das ist es doch nicht! Wir reden hier von Rechtsextremismus, wir reden hier von Faschismus, wir reden hier von Nationalsozialismus. Alles Ideologien, die im Hier und Jetzt auf brutale Weise fortbestehen.

Man muss sich schon wirklich fragen, ob man von solchen Leuten mehr erwarten kann, wenn sie an der Spitze der Republik stehen. Und es sollte empören. Es geht um den Zivilisationsbruch der österreichischen Geschichte, und damit muss sorgsamer umgegangen werden.

Nachzusehen sind die kritisierten Reden hier.

Über den/die AutorIn

Natascha Strobl

Natascha Strobl

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien und beschäftigt sich mit den rhetorischen Strategien der (extremen) Rechten. Auf Twitter liefert sie unter #NatsAnalysen tief gehende Analysen zu tagesaktuellen Themen.