Krisentagebuch 036: Großaufmarsch im Kleinwalsertal

Bundeskanzler Kurz besucht das Kleinwalsertal. Stellt hier jemand Regeln auf, die er selbst nicht befolgt? Trumpesk. Politikwissenschafterin Natascha Strobl über die resultierende Krisenkommunikation.
Warum fährt Sebastian Kurz, offiziell wegen eines Arbeitsgesprächs mit dem Landeshauptmann von Vorarlberg, ins Kleinwalsertal und nimmt ein Bad in der Menge – wo wir doch jetzt seit neun Wochen hören: Abstand halten, Babyelefant, Mund-Nasen-Schutz, dies und das …

Aber für Sebastian Kurz gelten dieselben Regeln nicht. Der Bundeskanzler verfolgt damit dieselbe Strategie, die zum Beispiel auch Donald Trump anwendet: Er stellt die Regeln auf, er ist der Entscheider, aber die Regeln gelten nur für die anderen.

Jetzt will die Krisenkommunikation weismachen, das ist jetzt einfach so passiert. Aber glaubt irgendjemand, dass der Entourage von Sebastian Kurz Dinge einfach so passieren? Sie sind zumindest einkalkuliert, denn die Strategie lautet: Permanenter Wahlkampf.

Natascha Strobl, Politikwissenschafterin

Alles wird PR-Richtlinien und Wahlkampf untergeordnet. Und wenn das heißt, sich nicht an die eigenen Regeln zu halten, dann hält man sich eben nicht an die eigenen Regeln. Donald Trump weigert sich, Mund-Nasen-Schutz zu verwenden, weil das unmännlich und unheroisch ist. Und Sebastian Kurz verzichtet einfach auf Sicherheitsabstände, denn es sind schöne Bilder, und diese Bilder geben ihm einen Vorteil gegenüber allen anderen, die diese Bilder nicht so produzieren können.

Wahlkampf eben. Um den Innenminister zu zitieren: „Wer sich nicht an die Regeln hält, ist kein Lebensretter, sondern ein Lebensgefährder.“

Über den/die AutorIn

Natascha Strobl

Natascha Strobl

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien und beschäftigt sich mit den rhetorischen Strategien der (extremen) Rechten. Auf Twitter liefert sie unter #NatsAnalysen tief gehende Analysen zu tagesaktuellen Themen.