Krisentagebuch 018: Ist die neue Normalität so neu?

Eine neue Phrase geistert herum: die „neue Normalität“ mit dem Subtext „an die wir uns besser gewöhnen“. Das ist aus mehreren Gründen problematisch, analysiert Politikwissenschafterin Natascha Strobl.
Zum einen suggeriert „neue Normalität“, dass wir in Punkten in der Geschichte leben. Doch so funktioniert Geschichte nicht. Geschichte und gesellschaftliche Entwicklung sind Kontinuitäten. Wir leben nicht in einem ganz neuen Zeitalter, wo die Würfel neu gefallen sind und die Karten neu gemischt sind. Im Gegenteil: Wir leben eigentlich in einer verschärften Normalität. In einer Normalität, in der all die Dinge, die zuvor auch schon gegolten haben, jetzt noch viel schärfer zutage treten.

All die Ungleichheiten, all die Verschärfungen, all die Ungerechtigkeiten treten jetzt nur noch viel stärker ans Licht.

Natascha Strobl, Politikwissenschafterin

Die Beschäftigten, die prekär gearbeitet haben, tun das auch jetzt unter verschärften Bedingungen. Die Leute, die es vorher bequem hatten, haben es jetzt auch bequem. Die Leute, die mit Kinderbetreuung belastet waren, sind es jetzt noch viel mehr. Die Kinder, die schon vorher wenig Ressourcen hatten, bleiben auch jetzt zurück. Dementsprechend sind wir nicht in einem neuen Zeitalter, wo alles möglich ist, wo die Dinge neu geordnet werden, sondern: All die Ungleichheiten, all die Verschärfungen, all die Ungerechtigkeiten treten jetzt nur noch viel stärker ans Licht.

Diese Verklärung einer Normalität, in die wir zurückmüssen, oder einer „neuen Normalität“, in der alles neu und anders ist, ist beides falsch. Vielmehr müssen wir Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten bekämpfen, egal ob Krise oder nicht Krise. Denn in Krisensituationen verschärfen sich die Dinge. Sie werden aber nicht neu.

Über den/die AutorIn

Natascha Strobl

Natascha Strobl

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien und beschäftigt sich mit den rhetorischen Strategien der (extremen) Rechten. Auf Twitter liefert sie unter #NatsAnalysen tief gehende Analysen zu tagesaktuellen Themen.