Schuldnerberatung: Wird’s besser? Wir wissen es nicht.

Gudrun Steinmann, Schuldnerberatung
Fotos (C) Markus Zahradnik
Kurzarbeit, Ausfall von Aufträgen, Kündigungen: Das vergangene Jahr war für viele aufgrund der COVID-19-Pandemie finanziell schwierig – auch für Menschen, die glaubten, ihre Finanzen gut im Griff zu haben. Gudrun Steinmann von der Schuldnerberatung Wien über die Fragen, die sich nun neu stellen.

Arbeit&Wirtschaft: Mit dem Ende des gesetzlichen Stundungsrechts auf Kredite, das mit Jänner ausgelaufen ist, rückt für viele Menschen ein Privatkonkurs erschreckend nahe. Ist das bei der Schuldnerberatung schon zu spüren?

Gudrun Steinmann: Prinzipiell ist der Jänner bei uns immer ein stark frequentierter Monat, weil viele Menschen durch Neujahrsvorsätze am Anfang des Jahres motiviert sind, ihre Schulden zu regeln. Aber der Plafond ist noch nicht erreicht, wir rechnen damit, dass die Zahlen im dritten und vierten Quartal noch einmal stark steigen. Auch wenn die Kreditstundungen jetzt auslaufen, werden die Kredite nicht von heute auf morgen fällig gestellt – da ist immer noch eine Zeitspanne zwischen dem Moment, wo das Prozedere anläuft mit Klage, Gerichtsvollzieher und Pfändung, und dem Schritt, zur Schuldnerberatung zu gehen.

Sind es jetzt andere Menschen, die zu Ihnen kommen, als noch vor einem Jahr?

Ja, es sind jetzt mehr Selbstständige, die fragen, wie sie die Insolvenz noch vermeiden können, oder wo es schon in Richtung Privatinsolvenz geht. Die andere Gruppe, die größer wird, sind Personen, die nie damit gerechnet hätten. Schulden können jeden und jede treffen, aber wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass es vorwiegend Menschen mit einer geringeren schulischen Ausbildung sind, die in die Verschuldung tappen – und da setzen wir seit einem Jahr mit Finanzbildungsangeboten an. Jetzt trifft es auch viele, die nie damit gerechnet hätten, weil etwa beide Ehepartner einen Job haben und sich überlegt hatten, ob sie sich die Eigentumswohnung anschaffen. Wenn dann einer länger in Kurzarbeit ist und die andere den Job verliert, dann geht sich der Kredit für die Eigentumswohnung bei der besten Planung nicht aus. Aber die Corona-Auswirkungen sind so komplex, dass wir nur Mutmaßungen anstellen können; etwa was passieren wird, wenn Klein- und Mittelbetriebe zusperren, die normalerweise viele Lehrlinge aufnehmen.

Gudrun Steinmann, Schuldnerberatung
Schuldnerberatung: Staatlich anerkannte Beratungen sind kostenlos, anonym und vertraulich. Achtung: Unseriöse Anbieter im Internet werden immer häufiger.

Wie weit ist es überhaupt möglich, sich auf solche komplexeren Anforderungen vorzubereiten?

Wir bieten derzeit nur telefonische Beratung an, und dadurch können wir etwas effizienter arbeiten. Wir stellen dabei die Konkursanträge online, oft halten wir solche Beratungsgespräche dann über ein Videokonferenz-Tool ab, zu Gerichtsterminen gehen wir aber nach wie vor mit. Wir bereiten auch intern speziell vor, wie wir Selbstständigen bzw. ehemaligen Selbstständigen helfen können. Außerdem gibt es bei der Schuldnerberatung schon länger eine Budgetberatung, also nicht nur das Thema Privatkonkurs, sondern auch seine Vermeidung. Und wir konnten mit einer einmaligen Förderung des Sozialministeriums das Personal aufstocken, damit wir für den erwarteten Ansturm im Herbst dann auch gewappnet sind. Die Einschulung in die Schuldnerberatung dauert einige Monate, weil es doch ein sehr komplexes Fach ist.

Sie haben vorhin von Finanzbildungsangeboten gesprochen. Was ist das für ein Angebot?

Gemeinsam mit Bildungsdirektion und Arbeiterkammer Wien haben wir den Finanzführerschein unserer Kolleg*innen aus Oberösterreich übernommen, dort gibt es den von der Schuldnerhilfe seit zwölf Jahren. Wir sehen, dass sich immer mehr junge Menschen verschulden, und da gerade Menschen mit einer geringen schulischen Ausbildung leichter in die Verschuldung tappen, setzen wir in polytechnischen Lehrgängen und in Berufsschulen an. In den Polys geht es um das erste eigene Konto und darum, ein Gespür für Einnahmen und Ausgaben zu bekommen. Und in den Berufsschulen haben wir den „Finanzführerschein professional“, da beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema erste eigene Wohnung, Versicherungen, Auto. Unser großer Vorteil ist unsere Erfahrung aus der Schuldnerberatung, weil wir Beispiele bringen können von jungen Menschen, die uns aufsuchen – wie leicht die sich verschuldet haben und wie schwierig es ist, da rauszukommen.

Nun existiert der Finanzführerschein in Wien seit genau diesem Jahr, in dem es Schulschließungen und Lockdowns gab. Wie haben Sie die Schüler*innen erreicht?

Wir haben alles auf Online-Module umgestellt. Die Schüler*innen kriegen alle von uns über die Schulen die Unterlagen in einer Finanzführerschein-Mappe mitsamt Kugelschreiber geliefert, und dadurch geht das online auch recht gut. Natürlich ist es nicht das Gleiche, wie wenn wir vor Ort sind, aber die Jugendlichen sind sehr fix. Wir haben da auch inhaltlich noch nachgeschärft – es geht viel um Ratenkauf, Onlinekauf, was es bedeutet, wenn ich während Corona den Job verliere, wie schnell ich da weniger Einkommen habe. Wir ermuntern die Jugendlichen, Geld aktiv anzusprechen, auch wenn das ein sensibles Thema ist, auch in der Familie und im Freundeskreis das Wissen und die Tricks weiterzugeben.

Es kann wirklich jeder und jedem passieren, es ist keine Schande. 

Gudrun Steinmann, Schuldnerberatung Wien

Kommen auch bei diesen Online-Modulen Rückmeldungen, hat sich da jetzt schon merklich viel verändert?

Ja, wir hören etwa von Schüler*innen, dass sie merken, es ist schwieriger, eine Lehrstelle zu finden. Die Betriebe suchen weniger Jugendliche, und es ist alles sehr ungewiss. Und in den Berufsschulen wird uns immer wieder berichtet, dass jemand in der Familie schon in Kurzarbeit ist, dass im Freundeskreis jemand den Job verloren hat – das Thema ist merkbar und präsent. Es kann wirklich jeder und jedem passieren, es ist keine Schande. Wir haben bei uns auch Profisportler sitzen gehabt und Schauspielerinnen. Auch mir kann das passieren. Wenn ich lange krank bin, wird sich mein Arbeitgeber auch von mir trennen, ich kriege dann nur Krankengeld und kann meinen Kredit nicht mehr zurückzahlen. Schulden sind kein Einzelschicksal, und bei uns nachzufragen kostet nichts.

Was ist der Moment, in dem sich jemand entscheidet, zu Ihnen zu kommen?

Manchmal ist es so, dass Freunde oder Familienangehörige sagen: „So, du gehst jetzt da hin.“ Manchmal erfahren die Leute zufällig von uns, ein Flyer bei einer Messe, ein Artikel in einer Zeitung oder ein Fernsehbeitrag. Vielen ist es unangenehm, aber wir schimpfen ja nicht, sondern versuchen, Lösungswege aufzuzeigen. In neun von zehn Fällen finden wir einen Ausweg. Oft ist es der Privatkonkurs, manchmal gibt es aber auch andere Möglichkeiten, wie Abschlagszahlungen, außergerichtliche Ausgleiche und so weiter. Es ist schwer: Wann sagt man, es geht wirklich nicht mehr? Jeder von uns hat einen Grundoptimismus und sagt: Okay, ab März wird’s besser. Und das ist das Schwierige an der jetzigen Situation. Weil wir es hoffen, aber wir wissen es nicht.

Über den/die Autor*in

Magdalena Miedl

Magdalena Miedl ist hauptberuflich geschichtensüchtig: Sie schreibt seit zwanzig Jahren über Film und andere Lebensmittel, als Kritikerin, Journalistin, freie Autorin und als Host ihres eigenen Podcasts.