Nicht schlimm genug gibt’s nicht – Sandra Konstatzky im Interview

Inhalt

  1. Seite 1 - Sexuelle Belästigung
  2. Seite 2 - Was Gleichbehandlung bedeutet
  3. Seite 3 - Was Unternehmen tun können/müssen
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#MeToo hat die sexuelle Belästigung – auch am Arbeitsplatz – in den Fokus gerückt. Doch das ist nicht die einzige Form der Diskriminierung, die Menschen tagtäglich erleben. Ein Gespräch mit der Gleichbehandlungsanwältin Sandra Konstatzky über Würde und darüber, wie weit blöde Sprüche gehen dürfen.

Sexuelle Belästigung (am Arbeitsplatz)

„Belästigung kann am besten Top-down bekämpft werden“, so Sandra Konstatzky. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft berät daher neben Betroffenen auch Arbeitgeber:innen.

Wenn es um sexuelle Belästigung geht, gibt es noch viel Unwissen darüber, was überhaupt alles darunterfällt. Viele denken, dass sie erst bei physischen Übergriffen beginnt.

Wir müssen unterscheiden, ob wir von sexueller Belästigung nach dem Strafrecht oder nach dem Gleichbehandlungsgesetz sprechen. Wenn eine Belästigung nach dem Gleichbehandlungsgesetz vorliegt, dann habe ich gegen den Belästiger einen Schadenersatzanspruch, ich habe einen Anspruch, dass es aufhört, und ich habe gegenüber dem Arbeitgeber den Anspruch, dass derjenige oder diejenige dieses Verhalten stoppt. Sexuelle Belästigung muss ein sexuell gefärbtes Verhalten sein, es muss die Würde verletzen, es muss ein feindseliges und demütigendes Arbeitsumfeld geschaffen sein, und es muss für die Person unerwünscht sein. Das kann eben bei sexistischen Witzen anfangen, das kann bei Sprüchen anfangen, das kann auch bei Reden über Personen anfangen. Wir hatten eine ganz massive homophobe Belästigung, bei der zwei Kolleginnen miteinander redeten und ein offen schwuler Mitarbeiter danebenstand. Sie unterhielten sich über „Dancing Stars“ und gaben ihrem Unmut darüber Ausdruck, dass da zwei Männer miteinander tanzten, und äußerten: „Also früher hätte es das nicht gegeben.“ Das war für das Gericht ein expliziter Bezug auf den Nationalsozialismus und ein klarer Fall von homophober Belästigung. Die freie Meinungsäußerung hört dort auf, wo die Würdeverletzung anderer Menschen beginnt.

War im Zuge von #MeToo ein Anstieg der gemeldeten Fälle von sexueller Belästigung zu bemerken?

Unternehmen treten viel stärker aktiv an uns heran mit dem Wunsch, ihre Führungskräfte zu schulen und strukturelle Maßnahmen zu setzen, sodass keine sexuelle Belästigung im Betrieb stattfindet.

Die Fälle an sich sind nicht gestiegen, sexuelle Belästigung war immer schon die häufigste Diskriminierungsform, deretwegen sich Frauen an uns gewandt haben. Was allerdings auffällt, ist die gestiegene mediale Aufmerksamkeit im Vergleich – wir haben viel mehr Medienanfragen. Außerdem ist das Bewusstsein bei Unternehmen gestiegen, was ich besonders gut finde. Unternehmen treten viel stärker aktiv an uns heran mit dem Wunsch, ihre Führungskräfte zu schulen und strukturelle Maßnahmen zu setzen, sodass keine sexuelle Belästigung im Betrieb stattfindet. Und sie wollen, dass, wenn sexuelle Belästigung passiert, diese klar bekämpft wird und dass die Personen, die dafür verantwortlich sind, auch wissen, was sie tun müssen. Eine Sache, die sich auch verändert hat, sind die Branchen, aus denen die Menschen kommen, die wegen sexueller Belästigung Rat bei uns suchen. Die #MeToo-Kampagne hat im Kulturbereich begonnen. Jetzt sind Medien stark im Fokus. Gerade in dieser Branche war es oft so, dass man zwar davon erzählt, aber sexuelle Belästigung nicht bekämpft hat, weil die Branche so klein ist. Mittlerweile ist es so, dass die Frauen, die es betrifft, mutiger werden, auch in Branchen, die enger sind und in denen in Österreich jeder jeden kennt. Es ist eine gute Entwicklung, dass Frauen auch dort mehr Zugang zum Recht bekommen.

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  1. Seite 1 - Sexuelle Belästigung
  2. Seite 2 - Was Gleichbehandlung bedeutet
  3. Seite 3 - Was Unternehmen tun können/müssen
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Über den/die Autor*in

Beatrice Frasl

Beatrice Frasl hat Anglistik und Amerikanistik und Gender Studies studiert und ist feministische Kulturwissenschafterin, Podcasterin("Große Töchter", "She Who Persisted"), Lektorin an der Universität Wien und Aktivistin. Sie schreibt aktuell an ihrer Doktorarbeit im Bereich Gender Studies/Popkulturforschung und immer wieder auch für Medien im In- und Ausland, publiziert wissenschaftlich und hält Vorträge und Workshops zu Themen Feminismus, Geschlecht, Genderforschung und Queer Studies.