Im Gespräch mit Jason Hickel: „Kapital verhält sich wie ein Virus“

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Die Pandemie zeigt, wie abhängig unser Wirtschaftssystem von ständigem Wachstum ist. Auch wenn die aktuelle Krise wenig mit Degrowth zu tun hat, können wir einiges daraus lernen, meint Jason Hickel.

Wachstumskritik hat durch das Erstarken der Klimabewegung in den letzten Jahren Aufwind erhalten, auch Greta Thunberg sprach beim UN-Klimagipfel 2019 vom „Märchen des ewigen Wirtschaftswachstums“. Trotzdem wird die Wachstumsabhängigkeit unserer Wirtschaft gesellschaftlich praktisch gar nicht diskutiert. Das möchte Jason Hickel ändern. Er ist der aktuell wohl bekannteste und einer der produktivsten Forscher*innen zu Postwachstum oder Degrowth und hat 2020 sein neues Buch „Less is More“ veröffentlicht. Wir haben ihn zur Geschichte von Wachstum und Entwicklung, den Klimaschutzplänen von Bill Gates und Degrowth als Weg in eine nachhaltigere und glücklichere Welt befragt.

Zur Person
Jason Hickel ist Wirtschaftsanthropologe an der London School of Economics. Seine Forschungsschwerpunkte sind globale Ungleichheit, politische Ökonomie, Post-Development und ökologische Ökonomik, die auch Gegenstand seiner beiden jüngsten Bücher sind: „The Divide“ (2017) und „Less is More: How Degrowth Will Save the World“ (2020).

Arbeit&Wirtschaft: Wir kennen die Geschichte des Kapitalismus als eine von Wachstum und Wohlstand für alle, auch wenn der etwas ungleich verteilt ist. In „Less is More“ ist dagegen von einer „Verarmung“ die Rede, die mit dem Aufstieg des Kapitalismus kam. Was ist damit gemeint?

Jason Hickel: Die Menschen neigen zur Annahme, dass der Kapitalismus trotz aller Fehler, die er haben mag, zu einer Verbesserung des Lebensstandards geführt hat. Aber dies wird durch empirische Daten widerlegt. In den ersten 400 Jahren seiner Geschichte führte der Kapitalismus zu einem Rückgang des Lebensstandards der einfachen Menschen. Die Einhegung von Gemeingütern und die Industrialisierung in Europa führten zu Massenverarmung, Hungersnöten und einem Einbruch der Lebenserwartung. Die Kolonisierung Amerikas brachte eine große Enteignung mit sich und verursachte einen fast vollständigen Zusammenbruch der indigenen Bevölkerung. Die britische Kolonisierung Indiens hatte Hungersnöte zur Folge, die im späten 19. Jahrhundert dreißig Millionen Menschen töteten. Die belgische Herrschaft im Kongo löschte die Hälfte der Bevölkerung des Landes aus. Und dann war da noch die Massenversklavung von Afrikaner*innen, um die Baumwolle und den Zucker zu produzieren, die Großbritanniens industrielle Revolution antrieben. All das geschah im Namen des Kapitalismus, und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen waren unermesslich.

Wodurch änderte sich das?

Erst in den 1870er-Jahren begann die Lebenserwartung in Westeuropa zu steigen, vier Jahrhunderte nach dem Beginn des Kapitalismus. Aber diese Errungenschaften wurden nicht vom Kapitalismus als solchem vorangetrieben, sondern von progressiven sozialen Bewegungen, einschließlich der Arbeiter*innenbewegung, die für Demokratie, sanitäre Einrichtungen, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Bildung kämpften – gegen den Widerstand der kapitalistischen Klasse. In der Tat wurden führende Köpfe progressiver Bewegungen nicht selten wegen ihrer Bemühungen ermordet. Eine ähnliche Geschichte gibt es im globalen Süden, wo Verbesserungen des allgemeinen Wohlstands erst nach der Entkolonialisierung in der Mitte des 20. Jahrhunderts begannen, nach einem langen Kampf für Gerechtigkeit durch progressive antikoloniale Bewegungen auf der ganzen Welt.

Jason Hickel ist Wirtschaftsanthropologe an der London School of Economics. (c) Craig Easton

In „Less is More“ werden Denker der Aufklärung wie Descartes kritisiert. Sie hätten die Grundlage dafür gelegt, dass die Natur heute vielfach nur als Ressource gesehen wird, die man ausbeuten kann. Sind ihre Werke eine Wurzel der aktuellen ökologischen Krise?

Vor dem 17. Jahrhundert verstanden sich die meisten Menschen in Europa und anderswo als in wechselseitiger Beziehung mit dem Land und dem Rest der lebenden Welt. Die frühen Kapitalisten glaubten, dass diese Philosophie zerstört werden müsse, um die Art der Ausbeutung und Verwertung zu ermöglichen, die der Kapitalismus erfordert. Sie fanden ihre Antworten in Descartes und Bacon, die eine Philosophie entwarfen, die die menschliche Gesellschaft als grundlegend von der „Natur“ getrennt und ihr überlegen darstellte. Sie behaupteten, dass der Mensch einzigartig sei, weil er „Geist“ und „Verstand“ habe, während die Natur nur „Materie“ sei und als solche frei extrahiert und ausgebeutet werden könne – ja, Herrschaft und Kontrolle wurden sogar gefordert, um die Natur „gefügig“ und „gehorsam“ zu machen. Diese neue Kategorie der „Natur“ schloss auch bestimmte Menschen mit ein: indigene Völker, Afrikaner*innen und Frauen. Sie wurden als der Natur näherstehend dargestellt, als nicht ganz menschlich, sodass sie ungestraft ausgebeutet werden konnten. Moderne Muster von Rassismus und Sexismus leiten sich letztlich aus dieser Geschichte ab. Bemerkenswerterweise debattieren wir heute immer noch darüber, wem die vollen Menschenrechte zustehen. Aber Descartes und Bacon waren nicht die Ersten, die solche Aussagen machten. Wir sehen sie schon um 1500, als die europäischen Kolonisatoren versuchten, Rechtfertigungen für Völkermord und Versklavung in Amerika zu finden: Sie behaupteten, dass die Menschen Teil der „Natur“ seien und daher nicht wie Menschen behandelt werden müssten. Descartes und Bacon formalisierten diese Idee einfach und machten sie für die europäischen Eliten legitim.

Während der Pandemie haben wir alle gelernt, wie gefährlich exponentielle Kurven werden können.

In „Less is More“ steht auch, das Kapital verhalte sich ähnlich wie ein Virus. Was ist damit gemeint?

Wenn Menschen an Kapitalismus denken, denken sie oft an Dinge wie Märkte und Handel. Aber Märkte und Handel gab es schon viele tausend Jahre vor dem Kapitalismus, und sie sind ziemlich harmlos. Was den Kapitalismus auszeichnet, ist, dass er um Wachstum herum organisiert und davon abhängig ist. Er ist das erste und einzige Wirtschaftssystem in der Geschichte der Menschheit, das eine ständige Expansion erfordert, und zwar mit exponentieller Rate. Das Ziel des kapitalistischen Wachstums ist nicht die Befriedigung konkreter menschlicher Bedürfnisse. Das Ziel ist es, jedes Jahr mehr Kapital zu erzeugen und anzuhäufen als im Jahr zuvor, was die ständige Suche nach neuen „Grenzen“ und deren Überschreitung erfordert. In dieser Hinsicht verhält es sich ähnlich wie ein Virus. Ein Virus ist auf einem sich selbst reproduzierenden Code aufgebaut. Es muss neue Wirte besiedeln, um sich selbst zu vermehren, und zwar exponentiell. Und während der Pandemie haben wir alle gelernt, wie gefährlich exponentielle Kurven werden können.

In den letzten Jahren wurde „grünes Wachstum“ zu einem Ziel von Politik und Wirtschaft. Ist es realistisch, dass die Wirtschaft gleichzeitig wachsen und nachhaltig werden kann?

Je höher das Bruttoinlandsprodukt steigt, desto mehr Ressourcen verbraucht die Wirtschaft. Diese Tatsache reißt ein großes Loch in die in letzter Zeit populär gewordenen Erzählungen von einem „grünen Wachstum“, die besagen, dass wir nichts am Wirtschaftssystem ändern müssen, weil die technologische Entwicklung es uns ermöglichen wird, das BIP vom Ressourcenverbrauch zu „entkoppeln“. So soll das BIP weiter steigen können, während der Ressourcenverbrauch sinkt. Nun, das wird nicht passieren. Alle existierenden wissenschaftlichen Studien zeigen, dass dies unwahrscheinlich ist, selbst bei schnellen Effizienzsteigerungen. Dass manche Länder scheinbar eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung erreichen, liegt auch an einer unvollständigen Betrachtungsweise. Ökologische Ökonom*innen sehen sich darum nicht nur die CO2-Emissionen, sondern auch andere Indikatoren wie den Materialfußabdruck eines Landes an. Dieser schließt alle Ressourcen ein, die in der Produktion im Ausland verwendet werden. Hier zeigt sich: Dass sich das BIP scheinbar vom Ressourcenverbrauch entkoppelt, liegt daran, dass die Ressourcenausbeutung woanders stattfindet.

Bill Gates ist kein kuscheliger Großvater. Er kämpft mit Zähnen und Klauen, um seinen außerordentlichen Reichtum und seine Macht zu erhalten.

Bill Gates hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem er technologische Durchbrüche als Lösung der Klimakrise propagiert. Wie ist sein Ansatz zu bewerten?

Für mich repräsentiert dieses Buch alles, was mit der Welt im Moment falsch läuft. Ein Milliardär „schreibt“ ein Buch darüber, wie man die Welt in Ordnung bringen kann, bekommt weichgespülte Interviews in Medien, die er sponsert, und plötzlich sind wir alle gezwungen, ein Gespräch darüber zu führen, was in seinem Kopf vorgeht. Und in der Zwischenzeit haben echte Klimawissenschafter*innen keine Plattform und haben Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Ganz zu schweigen von den sozialen Bewegungen im globalen Süden, die gerade jetzt gegen die schlimmsten Auswirkungen des drohenden Klimakollaps um ihr Leben kämpfen. Das ist völlig verkehrt. Gates‘ „Lösung“ des Problems besteht darin, den Status quo beizubehalten, nichts daran zu ändern, wie die Wirtschaft funktioniert, denn die Technologie werde alles lösen. Das ist nicht überraschend, denn Gates profitiert enorm vom Status quo der Wirtschaft. Er weiß, dass es in seinem Interesse ist, die Erzählung über die Klimakrise zu kontrollieren, um soziale Bewegungen abzuwehren, die radikale Veränderungen fordern. Bill Gates ist kein kuscheliger Großvater. Er kämpft mit Zähnen und Klauen, um seinen außerordentlichen Reichtum und seine Macht zu erhalten. Wir müssen das erkennen. Ja, natürlich brauchen wir Technologien: Solaranlagen, Windräder, Batterien, effiziente Züge usw. Aber wir wissen auch, dass wir, wenn wir eine Chance haben wollen, die Temperaturerhöhung unter 1,5 oder 2 Grad zu halten, den Energiebedarf in den Ländern mit hohem Einkommen reduzieren müssen. Mit anderen Worten: Degrowth. Gates ist verzweifelt bemüht, diese Tatsache zu verschleiern.

Postwachstums-Vertreter*innen betonen, dass die derzeitige Krise durch COVID-19 etwas ganz anderes ist als Degrowth. Können wir dennoch etwas daraus lernen für einen möglichen Umbau hin zu einem wachstumsunabhängigen System?

Ja, ich denke, die Pandemie hat zwei Dinge gezeigt. Erstens hat sie uns gelehrt, was wirklich essenzielle Arbeit ist. Zweitens hat sie uns gelehrt, dass die Wirtschaft eine Notbremse hat und wir sie ziehen können, wenn wir wollen. Das Problem ist, dass die Pandemie uns gezwungen hat, einige Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft zu schließen, die uns wirklich wichtig sind, wie Schulen, Freizeiteinrichtungen und Cafés – Orte der Gemeinschaftlichkeit. In einem Degrowth-Szenario würden wir Sektoren und Dinge reduzieren wollen, die nicht wichtig sind, wie die SUVs und private Autos generell, Werbung, die Militärindustrie oder geplante Obsoleszenz. Dies würde den Energie- und Ressourcenverbrauch unserer Wirtschaft massiv reduzieren, wodurch wir einen schnellen Übergang zu erneuerbaren Energien erreichen und einen ökologischen Zusammenbruch verhindern könnten. Gleichzeitig können wir Sektoren ausbauen, von denen wir wissen, dass sie wichtig sind, wie den öffentlichen Nahverkehr und das öffentliche Gesundheitswesen, und so den Zugang der Menschen zu den Ressourcen verbessern, die sie für ein gutes Leben brauchen.

Wenn man darüber nachdenkt, ist der Kapitalismus ein extrem ineffizientes System. 

Das Ziel von Degrowth ist nicht nur, unsere Wirtschaft nachhaltig zu machen. Die Vision ist, dass Unabhängigkeit vom Wachstum auch zu einem glücklicheren Leben führen würde.

Oh ja, definitiv, das ist keine Frage. Wenn man darüber nachdenkt, ist der Kapitalismus ein extrem ineffizientes System. Er verbraucht enorme Mengen an Arbeit und Ressourcen vor allem zur Anhäufung von Reichtum für eine Elite, statt um die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen und das Leben der Menschen zu verbessern. Degrowth fordert uns auf, das Gegenteil zu tun: Die Wirtschaft auf die Bedürfnisse der Menschen und die ökologische Stabilität auszurichten, statt auf die Anhäufung von Luxus. Das bedeutet, weniger notwendige Sektoren der Wirtschaft zu verkleinern und Einkommen und Ressourcen gerechter zu verteilen. Dies würde eine enorme Menge an Arbeitszeit freimachen. Wir wären in der Lage, die Arbeitswoche deutlich zu verkürzen und die notwendige Arbeit gleichmäßiger zu verteilen, während wir gleichzeitig sicherstellen, dass jede bzw. jeder Zugang zu einem guten Lebensunterhalt hat.

Welche Auswirkungen hätten Arbeitszeitverkürzung und gerechtere Verteilung?

Wir wissen aus der empirischen Forschung, dass sie einen signifikant positiven Einfluss auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Menschen haben. Eine Verringerung der Gesamtarbeitszeit bedeutet, dass wir mehr Zeit mit unseren Freund*innen und geliebten Menschen verbringen können, mehr Zeit, um zu lernen, etwas zu schaffen und uns umeinander zu kümmern. Mehr Zeit, um uns in der lokalen Politik zu engagieren, mehr Zeit, um eine bessere Welt aufzubauen. Wir wissen auch, dass die Verringerung der Ungleichheit sich positiv auf das Leben der Menschen auswirkt: Sie reduziert die Angst, die durch Wettbewerb und Konsumdruck entsteht, und ermöglicht Kulturen der Gegenseitigkeit, Kooperation und Solidarität. Das ist die Art von Welt, in der ich leben möchte. Sie wäre nicht nur ökologischer, sie wäre auch sinnstiftender und würde mehr Spaß machen.

Über den/die Autor*in

Manuel Grebenjak

Manuel Grebenjak studierte Kommunikationswissenschaft in Wien sowie Politische Ökologie in Barcelona und ist in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Er schreibt regelmäßig über Klimapolitik, Strategien für eine sozial-ökologische Transformation und nachhaltige Mobilität.