Gut, aber teuer

So groß die Bemühungen für sozialen Wohnraum sind: Der existierende Bestand reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken.
Jeder, der sich einmal mit dem Thema Wohnen in der Hauptstadt Wien befasst hat, wird das Mantra kennen: Wien ist „anders“. Denn in Wien ist das Wohnen leistbar. Einerseits wegen der Geschichte des Gemeindebaus, andererseits wegen des großen Anteils geförderter Wohnbauten. Als negative Gegenbeispiele werden oft Städte wie Berlin oder München genannt. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass es in Wien mittlerweile ein Problem gibt.

43 Prozent der WienerInnen geben 40 Prozent ihres monatlichen Haushalts-Nettoeinkommens für das Wohnen aus.

Im September 2019 etwa veröffentlichte die Firma „Immobilienscout 24“ eine Studie, die aufhorchen lässt. Demnach geben 43 Prozent der WienerInnen 40 Prozent ihres monatlichen Haushalts-Nettoeinkommens für das Wohnen aus. In Berlin sind es 41 Prozent, die so viel ausgeben – beide Städte liegen somit fast gleichauf. Immerhin 18 Prozent der WienerInnen geben mehr als 50 Prozent ihres Haushalts-Nettoeinkommens für die Miete aus. Ganze 30 Prozent sind laut dieser Studie bereit, in kleinere Wohnungen mit schlechterer Ausstattung zu ziehen, um Mietkosten einzusparen.

Zu hohe Mieten

Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Schon im Februar 2019 beauftragte die Arbeiterkammer das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) mit einer Befragung von 503 WienerInnen im Alter von höchstens 35 Jahren über deren Wohnsituation. Als zusätzliches Kriterium mussten die Befragten innerhalb der vergangenen fünf Jahre eine Wohnung in Wien neu angemietet oder einen befristeten Mietvertrag verlängert haben. Die wichtigste Erkenntnis: 84 Prozent der Befragten nennen „zu hohe Mieten“ als Problem bei der Wohnungssuche. Nur 16 Prozent halten dies für kein Problem. Für sechs von zehn Haushalten war es „eher schwierig“ oder „sehr schwierig“, eine passende Wohnung zu finden. Hohe Mieten sind in Wirklichkeit nur der Haken, an dem eine ganze Kette von mit­einander verwobenen Problemen in der Wohnungsfrage hängt. Dies trifft gerade auf junge Menschen und Bevölkerungsschichten zu, die mit prekären Lebensumständen konfrontiert sind.

84 Prozent der Befragten nennen „zu hohe Mieten“ als Problem bei der Wohnungssuche.

So beschreibt Soziologin Tanja Aue-Gumpinger in ihrer 2012 erschienenen Diplomarbeit „Die Lebensqualität von Alleinerzieherinnen“, dass es in Österreich drastische Unterschiede zwischen Frauen mit und ohne Partner bei der Wohnform gibt: „Es wohnen signifikant mehr Alleinerziehende (61 Prozent) als Frauen mit Partner (30 Prozent) in Mietwohnungen.“ Nicht-Alleinerziehende wohnen überwiegend in Eigenheimen und Eigentumswohnungen.

Man kann hier einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation alleinerziehender Frauen und ihrer Wohnform herstellen. Aue-Gumpinger schreibt: „Egal welche Studie über Alleinerzieherinnen man zur Hand nimmt, sie alle weisen auf ein erhöhtes Armutsrisiko von Alleinerzieherinnen hin. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf Frauen, denn alleinerziehende Männer sind deutlich weniger armutsgefährdet.“

Ein wichtiges Element dabei ist natürlich die Erwerbstätigkeit. Diese müsse genügend Einkommen bieten, um „damit einen wesentlichen Teil des Lebensunterhalts finanzieren zu können“. Gerade Frauen seien aber trotz Erwerbstätigkeit oft in einer prekären finanziellen Situation. „Diese ‚Working Poor‘ können in vielen Fällen nur eine Teilzeitarbeit, mit entsprechend geringer Entlohnung und ebenso geringen Aufstiegschancen, die sich auch mit dem Kinderbetreuungsangebot vereinbaren lässt, annehmen“, so Soziologin Aue-Gumpinger.

Die IFES-Befragung ergab, dass immerhin 77 Prozent der befragten Haushalte mit Kindern in Wien bei „nicht gewinnorientierten Vermietern“ leben. Insgesamt leben 59 Prozent der Befragten in diesem Sektor – also entweder bei einer gemeinnützigen Genossenschaft oder im Gemeindebau. 41 Prozent sind aber auf den privaten Mietmarkt angewiesen. Nur ein Drittel davon lebt im vor 1945 errichteten Altbau, wo noch das Mietrechtsgesetz und das Richtwertsystem gelten.

Zu wenig Wohnraum

Daraus folgt ein Bild aus Licht und Schatten. Einerseits ist ein Bemühen erkennbar, nicht auf Profit orientierten Wohnraum an jene zu geben, die ihn am meisten brauchen. Andererseits zeigt sich aber auch, dass der existierende Bestand dieses Wohnraums nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Im Gegenteil, denn der private Immobilienmarkt erhitzt sich immer mehr.

Das spiegelt sich auch bei der Höhe der Monatsmieten wider. Während eine Gemeindewohnung 540 Euro pro Monat kostet, liegt die Monatsmiete bei einer gemeinnützigen Bauvereinigung schon bei 600 Euro. Baukostenbeteiligungsbeiträge, die je nach Genossenschaft Zehntausende Euro betragen können, sind hier nicht mitgerechnet. Für private Mietwohnungen mit 72 Quadratmetern Nutzfläche liegt die Miete bei 790 Euro im Monat. Eine Gemeindewohnung kostet also 32 Prozent weniger als eine Wohnung im privaten Segment.

Eine Gemeindewohnung kostet 32 Prozent weniger als eine Wohnung im privaten Segment.

Die Stadt Wien hat im Gemeindebaubereich schon längst Zugangsbeschränkungen in Form des Wiener Wohntickets eingeführt. Neu nach Wien ziehende Menschen haben somit keine andere Möglichkeit, als auf den privaten Sektor zu drängen, wenn sie sich die Baukostenbeteiligungsbeiträge bei den Genossenschaften nicht leisten können. Die Auswirkungen sind im Wiener Integrationsmonitor 2017 festgehalten. Dort heißt es: „Wer im Erwachsenenalter nach Wien zuwanderte und seine Bildung in Österreich abschloss, wohnt in Miete deutlich teurer als alle anderen Bevölkerungsgruppen.“

Das bedeutet zunehmend prekäre Wohnbedingungen. In seinen Kernergebnissen hält der Integrationsmonitor 2017 fest: „Am privaten nicht geförderten Wohnungsmarkt nahm die Anzahl der befristeten Mietverträge in den vergangenen drei Jahren rasch zu. 70 Prozent der befristeten privaten Mietverhältnisse haben BewohnerInnen, die zuwanderten.“ Damit werde leistbares Wohnen für neu zugewanderte WienerInnen zunehmend zu einer Herausforderung: „Sie haben nicht nur die durchschnittlich höchsten Wohnkosten, sondern sind auch von den größten Steigerungen der Wohnkosten betroffen.“

Es ist kein Wunder, dass sich 85 Prozent der Befragten für gesetzliche Mietzinsgrenzen und 82 Prozent für mehr geförderten Wohnbau in Wien aussprechen.

Konkrete Zahlen hat der Mikrozensus 2016. Damals wohnten in Wien 578.000 Menschen in privat vermieteten Wohnungen. Die Zahl der Bevölkerung in unbefristet privat vermieteten Wohnungen nahm seit 2007 von 448.000 Personen auf 383.000 ab. Die Befristungen hingegen nehmen massiv zu: Lebten 2007 noch 109.000 Menschen in befristeten Mietverhältnissen, waren es 2016 schon 195.000. Die IFES-Befragung bestätigt dieses Bild. Demnach beklagen 72 Prozent der Befragten in befristeten Mietverhältnissen, dass eine passende Wohnung unbefristet nicht zu bekommen war. Bei Vertragsverlängerungen nach Ende einer Befristung geben diese Personen außerdem an, regelmäßig Mieterhöhungen ausgeliefert zu sein. So ist es wohl auch kein Wunder, dass sich 85 Prozent der Befragten für gesetzliche Mietzinsgrenzen und 82 Prozent für mehr geförderten Wohnbau in Wien aussprechen.

Negative Konsequenzen

Die Mietervereinigung hat aufgelistet, welche Probleme sich MieterInnen aufgrund einer Befristung aufhalsen können. Grob gesagt gilt: MieterInnen tragen die Lasten, während VermieterInnen kassieren, ohne etwas dafür leisten zu müssen. So besteht für MieterInnen ein geringerer Kündigungsschutz, während sie von sich aus mindestens ein Jahr in einer befristeten Mietwohnung leben müssen, bevor sie kündigen können. VermieterInnen können sich aufgrund der Befristungen leichter um nötige Sanierungsarbeiten herumdrücken. Beschweren sollte man sich als MieterIn besser nicht, sonst wird der Vertrag nicht verlängert. Auch ein Jobverlust kann problematisch sein – bei jeder Verlängerung muss ein/e MieterIn beweisen können, genug Geld zu verdienen. Ist dies nicht möglich, ist die Wohnung futsch.

Es ist also kein Wunder, dass Forderungen nach Mietendeckelung, Enteignung großer privater Wohnbaugesellschaften und neuen öffentlichen Programmen für sozialen Wohnbau im deutschsprachigen Raum und auch in Wien lauter werden. Eine Umkehr des seit den 1980er-Jahren begonnenen neoliberalen Trends im Wohnbereich ist dringend nötig.

Wohnen: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?
tinyurl.com/y57lggz2

Von
Christian Bunke
Freier Journalist

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 9/19.

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