Viele Ärzt:innen, wenig Kassen-Verfügbarkeit
Aber wie kommt es zu diesem Trend? „Im Jahr 2024 gab es den größten Anstieg bei den privaten Versicherungen“, sagt Wolfgang Panhölzl, Leiter der Abteilung Sozialversicherung in der Arbeiterkammer Wien. „Das hat sicher mit der verstärkten Diskussion über die Mängel im öffentlichen Gesundheitswesen zu tun. Seit der COVID-Pandemie hat die Versorgungssituation nicht mehr dasselbe Niveau erreicht wie in den Jahren davor.“ Panhölzl bestätigt, dass 39 Prozent der versicherungspflichtigen österreichischen Bevölkerung eine zusätzliche private Krankenversicherung haben. Der Trend sei schon lange beobachtbar. Im Zuge der Pandemie habe er sich nochmals beschleunigt. Der Druck auf das Gesundheitswesen steigt laut Panhölzl von verschiedenen Richtungen her.

Eine alternde Bevölkerung treffe auf immer größere Finanzierungsvorbehalte seitens öffentlicher Kassen: „Auf die Österreichische Gesundheitskasse kommt als Folge der Kassenreform der vergangenen Jahre ein großes Defizit in Höhe von 500 Millionen Euro zu.“ Durch die Fusionierung der Sozialversicherungsträger unter der schwarz-blauen Regierung im Jahr 2018 sei der Krankenversicherung strukturell Geld entzogen worden. „Gleichzeitig werden in den Spitälern weniger Leistungen angeboten. Das erhöht wiederum den Druck auf den niedergelassenen Bereich und verstärkt Bewegungen in Richtung Wahlärzt:innen“, so Panhölzl.
Patient:innen pro Minute
Das Abrechnungssystem für Kassenärzt:innen sei darauf ausgerichtet, möglichst viele Leistungen in möglichst kurzer Zeit abzurechnen. „Pro Leistung erhalten Kassenärzt:innen einige Euro. Deswegen haben sie ein Interesse daran, möglichst viele Einzelleistungen zu erbringen, was man ja auch verstehen kann“, erklärt der AK-Experte. Zeit, sich eingehend mit den Problemen und Fragen der Patient:innen zu beschäftigen, gebe es dadurch kaum. Und es entstünde dadurch unter niedergelassenen Ärzt:innen die Motivation, Privattermine anzubieten. Panhölzl rechnet vor: „Ein Wahlarzttermin dauert rund 20 Minuten. Dann sehe ich als Arzt drei Patient:innen pro Stunde. Das sind 20 Patient:innen pro Tag, mit denen ich mich ordentlich auseinandersetzen kann. Da kann man über den Sachverhalt ordentlich reden, man kann Vorschläge machen. Als Kassenarzt sehe ich vielleicht 80 Patient:innen pro Tag für jeweils zwei Minuten. Befriedigend ist das nicht.“

Dass private Gesundheitsversicherungen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, bereitet Gerald Mjka Sorgen. Er ist Betriebsrat im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien und in der Gewerkschaft vida für den Fachbereich Gesundheit zuständig: „Gesundheitsversorgung ist zu großen Teilen immer eine Vorhalteleistung“, sagt er. „Und Vorhalteleistungen sind betriebswirtschaftlich immer unrentabel. Der private Bereich wird sich um diese unrentablen Bereiche niemals kümmern.“ Als Beispiel führt Mjka die Versorgung von Unfallopfern an: „Da muss auf Knopfdruck ein ganzes Team von Spezialist:innen parat stehen. Die müssen quasi auf den Unfall warten. Ein privates Spital kann das nicht leisten.“
Gesundheit? Wenn sich’s ausgeht
Gleichzeitig zeige sich eine Tendenz zur Zwei-Klassen-Medizin. „Wenn ich zum Beispiel 18 Monate auf eine Knie-Operation warten muss, dann bedeutet das 18 Monate Schmerzen, vielleicht 18 Monate Arbeitsunfähigkeit. Wenn ich mir das über eine private Zusatzversicherung leisten kann, bleiben all jene auf der Strecke, die sich das nicht leisten können.“ Besonders hart trifft es jene, die ohnehin stärker belastet sind: „Und wer wird denn am häufigsten krank? Es sind die Arbeiter:innen, die die gefährlicheren und gesundheitsschädlicheren Berufe ausüben – genau die Personengruppe, die sich eine Zusatzversicherung nicht leisten kann.“
Tatsächlich ist das private Gesundheitssystem in Österreich auch ein Tummelplatz riesiger Konzerne. Laut aktuellen Angaben des Versicherungsverbandes Österreich sind die größten Anbieter privater Zusatzversicherungen die UNIQA mit 43 Prozent Marktanteil, die Merkur Versicherung mit knapp 19 Prozent Marktanteil und die Wiener Städtische mit über 17 Prozent Marktanteil. Aus reiner Nächstenliebe dürften diese Unternehmen jedoch nicht im Gesundheitsbereich tätig sein. Eher geht es um Profite, oftmals auf Kosten von Patient:innen. Kritisch sieht diese Entwicklung Agnes Streissler-Führer, stellvertretende Landesstellen-Ausschussvorsitzende der ÖGK in Wien. „Wir dürfen uns nicht der Marktlogik unterwerfen“, sagt sie. „Diese funktioniert nicht im Sinne der Patient:innen. Patient:innen und Konzerne agieren nicht gleichberechtigt. Es handelt sich um Machtverhältnisse.“
Gesundheitssystem in Österreich stärken
Streissler-Führer fordert öffentliche Investitionen in ein zukunftsfähiges, solidarisches Gesundheitswesen. Oft würden Pläne in diese Richtung jedoch unter Finanzierungsvorbehalt gestellt, also nicht unbedingt umgesetzt, wenn das Budget dafür auf Landes- oder Bundesebene fehlt. Aber wo der Staat nicht investiert, lauern private Versicherungs- und Gesundheitskonzerne auf ihre Chance. Mit der Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen zur ÖGK sei dem öffentlichen Gesundheitswesen viel Geld verloren gegangen, das nun in den Privatsektor fließt. Diese Einsparungen müssten zurückgenommen werden, so Streissler-Führer. Daneben seien aber weitere Reformen nötig. Der Individualisierung im niedergelassenen Bereich, wo 90 Prozent aller Ärzt:innen in Einzelordinationen arbeiten, müsse gegengesteuert werden. „Wir brauchen vergemeinschaftete Organisationsformen. Der Weg geht dorthin, wie wir am Trend hin zu mehr Primärversorgungszentren sehen. Wir brauchen interdisziplinäre Zentren, die sich mit spezifischen Themen befassen, wie zum Beispiel Diabeteszentren oder Schmerzzentren.“
🩺 Wie geht’s dem Gesundheitssystem, Frau Ministerin?
🏥 Bundesministerin @schumannkorinna.bsky.social (SPÖ) betont im Interview die Vorzüge des öffentlichen, solidarischen Gesundheitssystems – und dass die Regierung Privatisierungen zurückdrängen wird. [image or embed] — Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 9. April 2026 um 13:00
Streissler-Führer ist damit auf einer Linie mit Wolfgang Panhölzl von der AK. „Es geht um den Strukturwandel, der nötig ist, damit Menschen länger gesund bleiben und am richtigen Ort behandelt werden, nämlich nicht im vergleichsweise teuren Krankenhaus, sondern im niedergelassenen Bereich“, sagt Panhölzl. Dafür brauche es Ressourcen- und Finanzierungspläne, um zu eruieren, welche Investitionen wo gebündelt werden müssen. Als Beispiel nennt Panhölzl spezialisierte Diabetes-Zentren, die multidisziplinär arbeiten. Der Aufbau solcher Einrichtungen brauche zwar anfangs Investitionen, wirke aber langfristig kostendämpfend.
Das ist die Richtung, in die auch Streissler-Führer denkt. Die Vorteile derartiger Einrichtungen lägen auf der Hand: „Es gibt eine viel bessere Anbindung und Betreuung für die Patient:innen“, sagt sie. Diese müssten nun nicht mehr lange Wege in Kauf nehmen, sondern hätten einen unkomplizierteren Zugang zu den für sie nötigen Gesundheitsangeboten. Und noch etwas sei wichtig, betont die Gewerkschafterin: „Für die Beschäftigten bedeutet es bessere Arbeitszeiten, weniger Stress und auch das Recht, selber ohne schlechtes Gewissen krank sein zu dürfen.“