Endstation Sehnsucht

Illustration Endstation Sehnsucht
Illustration (C) Natalia Nowakowska
Gibt es würdevolles Altern, wenn Pflegepersonal sich nicht die nötige Zeit für die Betreuung nehmen kann? Wie ist es wirklich, wenn man im Alter auf fremde Hilfe angewiesen ist? Fragen, die in unserer Gesellschaft nicht gerne gestellt werden.
Wann es so weit ist. Wann man nicht mehr kann. Wann der Startschuss zum Abschiednehmen fällt. Der Gedanke daran wird verdrängt, dieser Gedanke, dass das Leben einmal nicht mehr das sein wird, was es mal war. Dass man auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird. Und dass man irgendwann nicht mehr nur angewiesen, sondern bereits ausgeliefert sein könnte. Wir kommen schwach und hilfsbedürftig auf die Welt, und in sehr vielen, in erschreckend vielen Fällen verlassen wir diese ebenso schwach und hilfsbedürftig. Mit dem Unterschied, dass die Gnade der doch durchaus schnellen Geburt oft nicht vergleichbar ist mit dem langen Abschiednehmen, das sich ziehen und dehnen kann wie dünner Strudelteig. Zerfasern. Sich verlieren in Tatenlosigkeit. Im Nebel des Vergessens. Im Dahindämmern, dem endgültigen Schlaf entgegen.

Wir kommen schwach und hilfsbedürftig auf die Welt, und in sehr vielen, in erschreckend vielen Fällen verlassen wir diese ebenso schwach und hilfsbedürftig.

Und wie wird es wohl geschehen, würde man sich fragen, wenn man den Gedanken auch zulassen würde. Wie wird das sein, das Verglimmen? Wie menschlich oder unmenschlich wird man behandelt werden? Wie viel Würde darf man mitnehmen auf dieser letzten Wanderung, und wie viel Würde wird einem bis zum Schluss gewährt?

Menschen dürfen nicht zu einer Nummer werden

Trauer und Einsamkeit sind keine guten Weggefährtinnen.
Wird man zu einer Nummer werden, zu einem Objekt? Von überfordertem, schlecht bezahltem Personal abgefertigt wie ein Produkt am Fließband, mit dem Unterschied, dass die Produkte am Fließband keinen Ärger machen und berechenbar sind. Produkte haben keine eigenen Bedürfnisse, sie schweigen, sie übergeben sich nicht, werden nicht inkontinent, empfinden weder Ängste noch Trauer. Oder hat man das Glück, von aufmerksamen Menschen umgeben zu sein, die auch genug Kräfte für sich selbst haben, weil man sie nicht ausbeutet? Wer wird einen begleiten? Trauer und Einsamkeit sind keine guten Weggefährtinnen …

Wohin geht man, wenn der Radius des Lebens schrumpft: erst der Bezirk, dann die Straße, dann die Wohnung, schließlich nur noch das Bett? Wie ist es, wenn man nicht einmal mehr den Zeitpunkt seiner Notdurft selbst bestimmen kann? Wie ist es, wenn man auf die Hand angewiesen ist, die einem den Löffel an die Lippen hält? Wird man den Inhalt schlucken wie bittere Medizin, wird die Erniedrigung die Kehle hinabbrennen oder wird man seine Zeit mit dem Ordnen der Gedanken, mit einem Ordnen seines bisherigen Lebens verbringen können, mit Kontakt zur Außenwelt, vielleicht sogar mit liebevollem Austausch?

Würdevolles Altern

Was bedeutet Würde, was bedeutet eigener Wille in einer Situation der totalen Auslieferung an äußere Umstände? Wer wird geliebt werden, wenn er Last bedeutet oder auch einfach nur fürchtet zu bedeuten? Schmerzhafte Fragen. Unangenehme Fragen. Gern verschwiegene Fragen. Fragen, die von der Gesellschaft nicht gerne angerissen werden. Die Antworten würden viel über den Status quo dieser Gesellschaft verraten. Aber die Antworten sind rar.

Das Altern verunsichert.
Das alles sind Fragen, die man sich als junger Mensch selten stellt, wenn nicht das Leben entsprechende frühe Erfahrungen bereitgestellt hat: Großeltern oder kranke Angehörige. Solange man selbst aber kräftig und gesund ist, geht man oft davon aus, dass diese Stärke für immer ist. Man verdrängt das gerne, so, wie man die Endlichkeit seines Seins auch gerne verdrängt. Das macht einen gewissen Sinn, die Endlichkeit ist erschreckend und unbegreiflich. Und das Altern verunsichernd.

Ungleichheit und Spaltung der Gesellschaft

Dennoch gibt es zweierlei Altern: jenes in Sicherheit und jenes im Ausgeliefertsein. Den Unterschied macht das vorhandene Kapital. Pflege zu Hause wer würde das nicht wollen? Aber wie viele können sich das leisten? Und wie geht es dem Personal?
Private Altersheime können alles sein, von gemütlich und liebevoll bis schick und anspruchsvoll. Zwischen Luxus und würdelosem Dahinvegetieren, womöglich auch noch ruhiggestellt mit Psychopharmaka, ist ein weites Land. Das weite Land heißt Ungleichheit. Das weite Land heißt Spaltung der Gesellschaft.

Keine Orientierung an den schlechtesten Beispielen

Wer sehen will, wie die Lage eskalieren kann, der kann einen Blick über den großen Teich bis nach Amerika werfen. Dort ist die Säuglingssterblichkeit sehr hoch, weil werdende Mütter in prekären Verhältnissen kein Geld für alle Untersuchungen haben und aus Angst vor den Kosten nicht immer ein Spital aufsuchen, wenn Komplikationen auftreten. Aber eigentlich muss man gar nicht so weit blicken. Wer schon einmal über die Straßen Budapests flanierte, wird früher, bevor Orban ihnen den Krieg erklärte, die alten Menschen gesehen haben, die obdachlos auf der Straße lebten. Und wer ein wenig in internationalen Zeitungen las, wird bereits festgestellt haben, dass es jedes Jahr viele Kältetote gibt. In Russland oft Pensionisten, die sich das Beheizen ihrer Unterkünfte nicht leisten konnten.

Das alles ist noch weit weg von unserer Realität. Aber es muss nicht für immer weit weg bleiben.

Das alles ist noch weit weg von unserer Realität. Aber es muss nicht für immer weit weg bleiben. Wenn man sich an diese rohe Unterteilung in überlebensfähig und nicht überlebensfähig gewöhnt, die derzeit so salonfähig geworden ist, wird man bald sehen, wohin die Gesellschaft sich entwickeln wird. Wer die Ich-AG bis zum Krankenlager hin darstellen muss, wird vor Erschöpfung irgendwann einmal mit dieser Ich-AG in völligen Kräfte-Bankrott gleiten. Und wer heute zu kurzsichtig ist zu erkennen, dass genau dieses Zurückfahren des Sozialstaates mit hoher Wahrscheinlichkeit das eigene Altern und eben sein Nicht-mehr-fit-Sein betreffen wird, den wird diese Erkenntnis überraschend treffen. Dann, wenn es so weit ist.

Über den/die AutorIn

Julya Rabinowich

Julya Rabinowich

Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1977 in Wien, wo sie auch studierte. Schriftstellerin und Kolumnistin. Entwurzelt und umgetopft. Der vorletzte Jugendroman wurde u. a. mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis, dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis und dem Luchs (Die Zeit & Radio Bremen) ausgezeichnet. 2019 folgte ihr Jugendbuch Hinter Glas.