Coverstory: Immer bei der Hand

Der Betriebsrat von SKF war einer der ersten, die die MeinBR-App 2019 eingesetzt haben. Heute ist dieses Kommunikationstool für Dominik Wührer und Peter Wührleitner nicht mehr wegzudenken.
(C) Markus Zahradnik
Je geringer die Anwesenheiten im Betrieb, je verstreuter die Beschäftigten, umso schwieriger gestaltet sich die Kommunikation für Betriebsrät*innen. Eine Betriebsrats-App schafft hier seit zwei Jahren Abhilfe. Drei Unternehmen berichten, wie es so ist mit der Kommunikation aus der Hosentasche.
Unweit der historischen Altstadt von Steyr, dort, wo sich die Flüsse Enns und Steyr treffen, wo Brücken Altes und Neues verbinden, trifft Entschleunigung auf Digitalisierung. Auf digitale Betriebsratsarbeit. Am Rande der Stadt liegt das Werk des Kugellagerherstellers SKF. Betriebsrat Dominik Wührer empfängt uns mit Maske und auf Distanz, das Handy griffbereit in der rechten Hand. SKF war einer der ersten Betriebe, die die MeinBR-App eingesetzt haben. Eine App, mit der Betriebsrät*innen Beschäftigte unabhängig von Zeit und Ort informieren können. Über Aktuelles aus dem Betrieb, Serviceleistungen, Veranstaltungen, Kontakte. „Uns war klar: Wir müssen was tun für unsere Leute“, sagt Wührer. „Unsere klassischen Medien reichen nicht, um die Beschäftigten zu informieren. Wir haben viel junges Leasingpersonal, die steigen nicht ins Intranet ein und nehmen sich keine Flyer mit. Aber am Handy werden wichtige Infos gelesen.“

Eine App für alle Branchen

Der Anstoß zur Entwicklung einer eigenen App kam über die Produktionsgewerkschaft. Einige Betriebsrät*innen sind auf Reinhold Binder, Bundessekretär der PRO-GE, zugegangen und haben gesagt: „Wir brauchen eine App. Wir wollen unsere Leute besser informieren. Könnt ihr da was tun?“ Am freien Markt gibt es zwar Apps, die waren für viele aber bald uninteressant, weil zu teuer, datenschutzrechtlich unsicher und vor allem aufwendig.

Wir brauchen eine App. Wir wollen
unsere Leute besser informieren.
Könnt ihr da was tun?

Gemeinsam mit dem Verlag des ÖGB hat die PRO-GE einen Konzeptionsworkshop für Betriebsrät*innen organisiert: Wie könnte so eine App aussehen? Welche Funktionen soll sie haben? Wie sollte das Zugangssystem sein? Erste Überlegungen dazu waren: Pro Betriebsrat eine eigene App. Nach einem halben Jahr war klar, dass es eine andere Lösung braucht. Eine App, die alle Betriebsratskörperschaften nützen können, quer durch alle Branchen. Dieser Plattformgedanke – eine App für alle – macht den Aufwand überschaubar. Seit 2018 steht die App allen Betriebsrät*innen offen. 26 Betriebe nutzen sie bereits. Gefördert wird die App mit Mitteln aus dem AK-Digitalisierungsfonds.

Maßgeschneiderte Lösungen

„Und so sieht sie aus, unsere App.“ Dominik Wührer projiziert die Inhalte der App im Betriebsratsbüro auf einen Flatscreen. Da der Betriebsrat von SKF früh bei der Entwicklung der App dabei war, konnte er viele Wünsche zum Design äußern. Es gibt ein Grundgerüst, und alles Weitere können die Betriebsrät*innen ihren Bedürfnissen anpassen. Sie entscheiden, ob sie Formulare, Umfragen oder Push-Funktion einbauen oder nicht. Und wie sie die App strukturieren. „Wir wollten zum Beispiel einen eigenen Reiter ‚Zuschüsse‘. Und einen Reiter ‚Werkplan‘. Unsere Produktionshallen sind riesig. Wir haben daher einen Werkplan veröffentlicht, wo die Leute auf einen Blick den Weg zum nächsten Betriebsrat finden.“ Dominik hat selbst bei SKF gelernt. Die Lehrwerkstatt ist außerhalb des Geländes im Nachbarunternehmen MAN untergebracht. „Die Lehrlinge sind selten da, da können wir sie nur schwer mit einer Betriebsratszeitung oder einem E-Mail erreichen. Dafür ist die App super. Wir wollen ja, dass sie sich eingebunden fühlen.“ Gelauncht hat der Betriebsrat die App bei seiner Wahl im Februar 2019. „Wir haben bei der Betriebsversammlung die App vorgestellt, und kurz darauf hat sie die Hälfte der Arbeiter*innen runtergeladen.“ Heute nutzen sie drei Viertel der 800 Arbeiter*innen.

„Die Zeiten werden immer ­schneller. Und wir müssen mit der Zeit ­gehen“, meint der stell­vertretende ­Betriebsratsvorsitzende Peter ­Wührleitner. Das bedeutet auch ­digitale ­Betriebsratsarbeit.

Schneller als die Geschäftsführung

Die App war immer nur ergänzend zu anderen Medien gedacht, meint Wührer. Sie werde nie eine Zeitung ablösen oder das Intranet. Wie unterscheiden sich aber die Inhalte von App und Intranet? „Da gibt’s große Unterschiede“, so Wührer. „In der App teilen wir keine sensiblen Inhalte. Mitlesen kann ja jeder.“ Außerdem kann man nur innerhalb von SKF auf das Intranet zugreifen. Aber wer beispielsweise in einem Geschäft steht und wissen will, ob er oder sie hier auch Vergünstigungen über den Betriebsrat bekommt, der braucht nur am Handy nachzuschauen. Der wohl wichtigste Unterschied für den Betriebsrat: „Wir sind schneller als die Geschäftsführung.“ Denn die arbeitet noch via Intranet, und das Einpflegen der Inhalte dauert. Gerade während des Lockdowns war es wichtig, schnell zu informieren und möglichst viele Kolleg*innen zu erreichen. Wichtige Infos wie Corona-Vorschriften, neue Schichtpläne oder Lohnerhöhungen gehen als Push-Nachrichten raus. Die Nachrichten erscheinen auf dem Handy der Nutzer*innen, ohne dass diese extra in den Infobereich der App gehen müssen.

Gut informiert während des Lockdowns

Ortswechsel. Fünf Autominuten von SKF liegt das BMW-Werk Steyr. Auch hier bleiben die Pforten zur Produktionshalle coronabedingt für Besucher*innen geschlossen. Im Betriebsratsbüro liegen Folder, Betriebsratszeitungen, ein großer Flatscreen ragt von der Wand. Wolfgang Hirscher war einer jener Betriebsrät*innen, die den Anstoß zur Entwicklung der Betriebsrats-App gegeben haben. „Ich suche seit eh und je nach einer guten Kommunikationslösung für alle.“ Das Schwarze Brett reiche schon lange nicht mehr. Dort müssen sich die Leute selbst Infos holen. Aber es müsse umgekehrt funktionieren – die Infos sollen zu den Kolleg*innen. „Wir haben auch Facebook, Instagram, einen Newsletter, Intranet und eine externe Plattform für unsere Veranstaltungen. Und dennoch wissen einige noch immer nicht, dass im Herbst das nächste BMW-Fischen ansteht“, lacht Hirscher und startet den Flatscreen. „Hier sieht man schön die gestiegenen Nutzungszahlen während des Corona-Lockdowns: von 1.800 Empfänger*innen im Jänner zu 2.407 im April.“

Wir sind schneller
als die Geschäftsführung.

Dominik Wührer, Betriebsrat SKF

Im Jänner 2017 ist Wolfgang Hirscher an die Gewerkschaft mit dem Wunsch nach einer eigenen App herangetreten. Da es zu dem Zeitpunkt noch keine Betriebsrats-App gab, ist Hirscher bei einem App-Anbieter am freien Markt fündig geworden. „Wir haben daraufhin unsere eigene App entworfen, zugeschnitten auf unsere Bedürfnisse.“ Aber jetzt, wo es die MeinBR-App gibt, wird der Betriebsrat umsteigen, weil die Administration mit den Playstores von Google und IOS aufwendig sei. Der Online-Support funktioniere super, aber zu Gesicht habe er noch nie jemanden bekommen. Um die Sicherheits-Updates kümmere er sich selbst. Und was, wenn der Anbieter vom Markt verschwindet? „Wir sind zufrieden, aber langfristig gesehen ist das zu unsicher.“ Man merkt, dass Wolfgang ein erfahrener App-User ist. Gelassen lehnt er in seinem Stuhl und navigiert sicher durch die Statistiken und die einzelnen Funktionen der App. Begonnen hat er vor 15 Jahren als Zeitarbeiter bei BMW. Darum ist es ihm wichtig, Zeitarbeiter*innen gut ins Unternehmen einzubinden und gleichermaßen zu informieren. Seit 1999 ist er einer von 20 Betriebsrät*innen, zuständig für 3.500 Arbeiter*innen. Berührungsängste vor digitalen Medien kennt er nicht. „Ich bin mit einem Commodore 64 aufgewachsen, einem kleinen Spielcomputer. Dagegen sind Apps von heute ja ein Kinderspiel. Außerdem: Was soll passieren? Man kann ja nichts falsch machen.“

Die Bedienung der App ist kinderleicht. Zumindest ist Betriebsrat Wolfgang Hirscher davon überzeugt – auch wenn man nicht mit einem Commodore 64 aufgewachsen ist. Außerdem: Man kann ja nichts falsch machen. Sein Motto: Ausprobieren!

Druckmittel gegenüber der Geschäftsleitung

Mit der App habe der Betriebsrat ein wichtiges Druckmittel gegenüber der Geschäftsleitung. „Wir erreichen Tausende Kolleg*innen blitzschnell mit einem Klick. Das kann schon was“, so Hirscher. Er setzt aber nicht nur auf Information, sondern auch auf Interaktion. So kommen viele Fragen über die App an den Betriebsrat. Auf der Teamseite stehen die Betriebsratskontakte mit Fotos, Telefonnummern und E-Mail-Adressen. Ein Klick – und schon wird der Betriebsrat angerufen oder das Mail-Programm geöffnet. „Ich bin überzeugt, dass 50 Prozent der Fragen ohne App gar nicht zu uns gekommen wären“, meint Hirscher.

Unabhängig von Zeit und Ort

Vierzig Fahrminuten von Steyr, in Leonding, werken rund 1.000 Arbeiter*innen und Lehrlinge an der Herstellung von Feuerwehrautos und Feuerwehrzubehör. Wenn es brennt, muss es schnell gehen. Das gilt auch für die Kommunikation. Und im Fall von Rosenbauer auch für die Umsetzung der Betriebsrats-App. „Heuer im Februar sind wir für die Präsentation der App nach Wien gefahren“, erinnert sich Betriebsrat Wolfgang Untersperger. COVID-19 hat dann den Handlungsbedarf beschleunigt. „Im April haben wir die App innerhalb von drei Tagen freigeschaltet.“ Der Betriebsrat wollte die App noch vor dem zweiwöchigen Betriebsurlaub bekannt machen. Unmittelbar danach hat die Kurzarbeit begonnen, und die Beschäftigten waren mehrere Wochen zu Hause. „Darum sind wir noch rechtzeitig auf alle Mitarbeiter*innen zugegangen, haben sie über die Kurzarbeit und Corona-Maßnahmen informiert. Dann haben wir die App vorgestellt und einen Flyer mitgegeben.“ Beim Durchgehen sind viele, viele Fragen gekommen – zu Sonderurlauben, Fahrgemeinschaften, Corona-Vorschriften. Die hat der Betriebsrat gesammelt und als FAQs in der App veröffentlicht.

Bei Rosenbauer muss es schnell gehen, auch die Kommunikation. Mit einem Klick werden Tausende Arbeiter*innen und Lehrlinge in mehreren Werken gleichzeitig erreicht. Ein Corona-Ampelsystem zeigt die aktuelle Sicherheitsstufe und die entsprechenden ­Maßnahmen.

Gute Arbeit wird endlich sichtbar

Rosenbauer wächst stark. In den letzten Jahren sind Hunderte Mitarbeiter*innen dazugekommen. Ab einer bestimmten Größe kennt man nicht mehr alle. „Endlich können wir zeigen, dass wir gute Arbeit leisten.“ Für viele Beschäftigte sei es selbstverständlich, Lohnerhöhungen, Urlaubsgeld, Betriebsvereinbarungen, Vergünstigungen in Geschäften etc. zu bekommen. „Die App macht klar: Wir sind es, die das für euch ausverhandeln.“ Über eine Betriebsrats-App haben Wolfgang Untersperger und sein Betriebsratsteam schon länger nachgedacht. Aber es gab auch Bedenken: „Wir sind ein Arbeiter*innenbetriebsrat, wir verbringen wenig Zeit vor dem PC. Uns fehlt noch die Übung mit digitalen Medien.“ Auch der Aufwand war Thema beim Präsentationsworkshop in Wien. Wie viel Zeit würde die App in Anspruch nehmen? Welche Grundkenntnisse sind für die Bedienung nötig? Ist der Aufwand neben und während der Arbeit überhaupt machbar? Wie hoch der Aufwand tatsächlich ist, sei davon abhängig, wie verspielt man sei, meint Untersperger. „Wir sind sehr verspielt, tüfteln gerne herum und haben hohe Standards in unserer Betriebsratsarbeit.“ Zwei Stunden pro Woche müsse man schon einrechnen.

Ein mobiles Nachschlagewerk

Die App sei aber nicht nur eine Info für die Beschäftigten im Unternehmen, sie helfe auch dem Betriebsrat. „Wir können ja nicht immer alles wissen. Wenn jemand fragt, wie nun die Regelung zum Papa-Monat ausschaut, können wir das schnell in der App nachlesen.“ Untersperger informiert sich auch regelmäßig, was andere Betriebe in der App posten. Dieser Austausch untereinander sei unglaublich wichtig. Daher könne er nicht nachvollziehen, dass nun einige Betriebsrät*innen ihren Zugang mit einem Passwort schützen. „Wir sollten voneinander lernen. Das ist doch im gewerkschaftlichen Sinne. Und sensible Daten kommen sowieso nur ins Intranet.“ Bei der bevorstehenden Betriebsratswahl wird die App eine noch größere Rolle spielen. Der Betriebsrat will Gesicht zeigen, die Leute auffordern, zur Wahl zu gehen. Und am Wahltag über Push-Nachrichten daran erinnern. „Wir müssen mit der Zeit gehen. Digitale Betriebsratsarbeit ist der Weg.“

Drei Fragen zur MeinBR-App

Niki Menger, Marketingleiter der PRO-GE, und Marco Luksch, IT-Projektleiter im ÖGB-Verlag, waren an der Entwicklung der App beteiligt. Wir haben drei Fragen an die beiden:

Für wen ist die App geeignet?

Die App ist sinnvoll, wenn ein Unternehmen dezentral organisiert ist. Mit Beschäftigten im Außendienst, auf Montage, im Homeoffice, in der Produktion, im Verkehr, im Dienstleistungsbereich und natürlich im Handel. Momentan kommen zusätzlich zur PRO-GE viele Anfragen seitens GPA-djp und vida.

Welche Funktionen hat die App?

Mit der App können Betriebsrät*innen unterschiedliche Inhalte teilen. Zum Beispiel: Leistungen des Betriebsrats, Kontaktinformationen, FAQ-Seiten, News, individuelle Inhalte, Veranstaltungen, Vergünstigungen, rechtliche Informationen. Es können Umfragen erstellt und Push-Nachrichten verschickt werden – beides beliebte Funktionen. Seit Kurzem gibt es einen Passwortschutz, die meisten Betriebsrät*innen verzichten jedoch darauf.

Wie wird sich die App weiterentwickeln?

Wir bauen gerade die Statistiken aus. Bald können BetriebsrätInnen ihre Nutzungsdaten selbst auswerten. Das Umfragemodul wird verbessert, und wir arbeiten an einem „Schwarzen Brett“ für die App. Beschäftigte können dann selbst Inhalte erstellen, wie etwa Verkaufs- oder Tauschbörsen. Geplant ist heuer auch erstmals ein Austausch unter allen Betriebsrät*innen, die die App nutzen, um Erfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen.

Mehr Infos zur MeinBR-App unter:
start.meinbr.online

Über den/die Autor*in

Irene Steindl

Irene Steindl ist freie Redakteurin und Schreibtrainerin für berufliches, journalistisches und kreatives Schreiben. Am Schreiben liebt sie vor allem den Prozess – wie aus Ideen ausgehreife Texte entstehen. Sie begleitet Privatpersonen und Unternehmen dabei, die richtigen Worte für den richtigen Anlass zu finden - für Magazintexte, Newsletter, Blogbeiträge, Flyer oder Sachbücher.