Presse: Die Flügel gestutzt

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Entfall der Werbeeinnahmen, Kurzarbeit, politischer Druck und gleichzeitig ein erhöhtes Informationsbedürfnis der Bürger: Was macht die Corona-Krise mit dem Journalismus in Österreich?
Sie sind in Zeiten der Pandemie nicht vergleichbar mit Ärzt*innen, mit der Müllabfuhr, Wasser- und Stromerzeugern, Supermarktangestellten – und dennoch ist ihre Arbeit während der Corona-Krise unverzichtbar. Ohne Journalist*innen gibt es für die demokratische Öffentlichkeit weder die notwendigen Informationen über die Entwicklung der Pandemie noch unabhängige Kontrolle der Regierung und ihrer Maßnahmen zur Bewältigung der Gesundheits- wie auch der Wirtschaftskrise.

Corona bringt für die (Qualitäts-)Medien die paradoxe Situation eines einerseits enorm gesteigerten Informationsbedürfnisses mit entsprechenden Rekordquoten und Clickzahlen, anderseits eine wirtschaftlich existenzbedrohende Situation.

Wie jedes Blatt hat auch die Corona-Krise im Journalismus zwei Seiten. Zwar ist für Journalist*innen die „Krise“ im Alltag ihrer Branche hierzulande so etwas wie ein Dauerzustand – doch Corona bringt für die (Qualitäts-)Medien die paradoxe Situation eines einerseits enorm gesteigerten Informationsbedürfnisses mit entsprechenden Rekordquoten und Clickzahlen, anderseits eine wirtschaftlich existenzbedrohende Situation aufgrund des Entfalls der Werbegelder – bis zu 70 Prozent betrage Letzterer laut dem Branchenverband VÖZ. Nie zuvor gab es mehr zu berichten, zu recherchieren und zu überprüfen, die Redaktionen aber sind bzw. waren bis vor Kurzem leer, viele Journalist*innen sind in Kurzarbeit und im Homeoffice. Binnen kürzester Zeit musste der gesamte Betrieb dezentral umgestellt werden. Eine enorme Herausforderung.

Wer Auflage hat, dem wird gegeben

Diese Situation, kritisieren Medienexpert*innen, Wissenschafter*innen, Oppositionsparteien und nicht zuletzt viele Kolleg*innen selbst, mache sich die Regierung geschickt zunutze. Da wäre zum einen die „Corona-Sondermedienförderung“, ausgeschüttet von Bundeskanzler Sebastian Kurz persönlich – und nicht von seinem Medienbeauftragten Gerald Fleischmann, wie einer parlamentarischen Anfragebeantwortung von NEOS zu entnehmen ist. Als Kriterium wurde die Druckauflage des vergangenen Jahres herangezogen. Der Effekt: Die ohnehin schon inseratenverwöhnten Boulevardmedien „Krone“, „Österreich“ und „Heute“ wurden mit Millionenhilfen unterstützt, auch Gratiszeitungen wurden mit einer Auflageförderung bedacht. Wäre da nicht der Protest der Qualitätsmedien, der Journalistengewerkschaft und von „Reporter ohne Grenzen“ gewesen, wäre der Geldsegen vermutlich sogar noch höher ausgefallen. Noch ein Beispiel: Sechs kleine Kirchenzeitungen erhalten zusammen mehr Förderung als jeweils „Presse“, „Standard“ oder „Profil“. Digitalmedien erhalten hingegen kaum Unterstützung – eine schwere Verkennung der längst weit fortgeschrittenen Digitalisierung im Medienbereich, so die Kritik.

Sechs kleine Kirchenzeitungen erhalten zusammen mehr Förderung als jeweils „Presse“, „Standard“ oder „Profil“.

Ausrichtung der Förderung an Qualitätskriterien? Fehlanzeige. Ein neues, eben an den Kriterien eines verantwortungsvollen Journalismus ausgerichtetes Medienförderungsgesetz hätte man längst umsetzen können, sagt der Geschäftsführer des Presserats, Alexander Warzilek: „Die Kriterien liegen längst am Tisch.“ Man wolle kein „Husch-Pfusch-Gesetz“ machen, rechtfertigte sich die Regierung – und stellt für die Zeit nach der Pandemie ein neues, repariertes Gesetz in Aussicht. Welche Wirkung hat das auf die Redaktionen?

„Eine Art Geiselhaft“

„Die Qualitätsmedien befinden sich in einer Art Geiselhaft der Regierung“, sagt Fritz Hausjell. Der bekannte Medienwissenschafter am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Uni Wien geht mit der Praxis der Regierung hart ins Gericht. Gerade das In-Aussicht-Stellen von mehr Geld für Qualität in der Zukunft in dieser für die (Qualitäts-)Medien extrem schwierigen, teilweise existenzbedrohenden Zeit berge die Gefahr der Selbstzensur in einer für die Regierung Kurz heiklen Phase, sagt er. Nach dem Motto: Wer die Karotte vor der Nase hat, wird automatisch eine gewisse Beißhemmung im Kopf entwickeln.

Niemand fragt nach, ob der Umfang der Inserate zur Erreichung einer Verhaltensveränderung in der Bevölkerung, die im Auftrag der Regierung geschaltet wurden und werden, sinnvoll ist und nach welchen Kriterien die Vergabe erfolgt.

Fritz Hausjell, Medienwissenschafter am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Uni Wien

„Der Boulevard hingegen ist doppelt alimentiert worden“, sagt Hausjell. Zur Medienförderung sei noch die Corona-Inseratenkampagne der Bundesregierung und des Roten Kreuzes gekommen. Auch da seien die Gelder überproportional an die drei großen Boulevardblätter geflossen. Der Medienwissenschafter nimmt aber gerade hier die Qualitätsmedien selbst in die Pflicht: „Niemand fragt nach, ob der Umfang der Inserate zur Erreichung einer Verhaltensveränderung in der Bevölkerung, die im Auftrag der Regierung geschaltet wurden und werden, sinnvoll ist und nach welchen Kriterien die Vergabe erfolgt.“ Spätestens mit dem Vorliegen einer Gallup-Studie, die zeigt, dass sich die Österreicher während der Corona-Pandemie viel stärker als angenommen über Qualitätsmedien informieren, hätten Qualitätsmedien die Vergabe der Informationsinserate der Regierung thematisieren müssen, kritisiert Hausjell.

Gerade das In-Aussicht-Stellen von mehr Geld für Qualität in der Zukunft in dieser für die (Qualitäts-)Medien extrem schwierigen, teilweise existenzbedrohen Zeit berge die Gefahr der Selbstzensur in einer für die Regierung Kurz heiklen Phase, sagt Medienwissenschafter Fritz Hausjell.

Zu dieser Medienpolitik komme ein „überbordender PR-Apparat“ auf Regierungsseite und damit eine immer stärkere Schieflage zwischen den Ressourcen der Redaktionen und der Regierungs-PR. Sage und schreibe 59 Personen sind laut einer Recherche von NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter in allen Abteilungen des Bundeskanzleramts mit Medien- und Öffentlichkeitsarbeit befasst. Der Journalismus in Österreich, resümiert Hausjell, werde von der Regierung „domestiziert“.

Späte Wahrnehmung der Kontrollfunktion

Auch wenn man über die Ziele und Absichten der Corona-Sonderförderung nur mutmaßen kann – die Annahme, dass dabei der Wunsch nach Selbstdisziplinierung mitspielt, sei angesichts der Ergebnisse im Boulevard „schwer von der Hand zu weisen“, meint auch Daniela Kraus. „Unentspannt“, so fasst die Generalsekretärin des Presseclubs Concordia das regierungsseitige Verhalten gegenüber den Qualitätsmedien zusammen. Offensichtlich gebe es ein recht geringes Vertrauen in die Mündigkeit der Bürger*innen.

Viele Kolleg*innen haben einfach die damalige Verordnung nicht genau gelesen. Da hat es wohl ein wenig zu viel Gutgläubigkeit gegeben und die Erwartung, dass das, was man serviert bekommt, von Experten und Politikern genau abgestimmt wurde.

Daniela Kraus, Generalsekretärin Presseclub Concordia

Wie ein Vergrößerungsglas habe die Corona-Krise die Probleme im Journalismus noch stärker sichtbar gemacht: zu wenig Zeit, weil zu wenig Journalist*innen in den Redaktionen. Die Aufregung, als Gesundheitsminister Rudolf Anschober richtigstellte, dass private Zusammenkünfte ohnehin immer erlaubt gewesen seien, sei nur durch eines zu erklären: „Viele Kolleg*innen haben einfach die damalige Verordnung nicht genau gelesen.“ Das sei „durchaus ein Versäumnis“ der Journalist*innen gewesen, sagt Kraus. „Da hat es wohl ein wenig zu viel Gutgläubigkeit gegeben und die Erwartung, dass das, was man serviert bekommt, von Experten und Politikern genau abgestimmt wurde.“ Aus der zu Beginn der Krise und des Lockdowns eingenommenen Rolle, zu informieren und die Maßnahmen zu kommunizieren, habe man zu spät wieder in die Rolle des Aufklärers und der Kontrollinstanz gefunden.

Als fatal habe sich dabei die Ausdünnung der Wissenschaftsredaktionen erwiesen – Stichwort Umgang mit den von der Politik gelieferten Daten während der Pandemie. Und auch die Tatsache, dass Frauen in der Berichterstattung zugunsten von männlichen Experten wieder weiter in den Hintergrund gerückt seien, kritisiert Kraus. Und dass direkte Interventionsversuche aus dem Kanzleramt, wie zuletzt bei der „Kleinen Zeitung“ und der Berichterstattung zum Kanzlerbesuch im Kleinwalsertal, nur selten transparent und sachlich öffentlich gemacht werden, liege an einem schwachen „professionellen Selbstbewusstsein“.

Textredakteure wählen Bilder aus

Ein solches ortet die Wiener Politikwissenschafterin Petra Bernhardt in einem wenig öffentlichkeitswirksam diskutierten Bereich: der visuellen Inszenierung des Corona-Managements der Regierung. „Mangels öffentlicher Auftrittsmöglichkeiten versuchte man, mit der fast täglichen Pressekonferenz den Takt vorzugeben und das Inszenierungs-Zepter in der Hand zu behalten. Mal mit Maske, dann hinter Plexiglas, und oftmals ohne dass die im Hintergrund in den Krisenstäben wirkenden Experten sichtbar geworden sind“, sagt Bernhardt.

Mangels öffentlicher Auftrittsmöglichkeiten versuchte man, mit der fast täglichen Pressekonferenz den Takt vorzugeben und das Inszenierungs-Zepter in der Hand zu behalten. Mal mit Maske, dann hinter Plexiglas, und oftmals ohne dass die im Hintergrund in den Krisenstäben wirkenden Experten sichtbar geworden sind.

Petra Bernhardt, Politikwissenschafterin

Nicht überall in Europa sei das so. In Frankreich hätten die offiziellen Fotograf*innen der Regierung Macron aktiv versucht, ein anderes, vielschichtigeres Bild des Krisenmanagements zu vermitteln: „Der Austausch der Regierungsspitze mit Expert*innen, Besuche in Krankenhäusern, die Alltagssituation der Politik, Videokonferenzen – die offizielle Darstellung der Regierung in den Bildern war hier weitaus differenzierter.“

Dass österreichische Medien vielfach einfach das Bildangebot der offiziellen Regierungsfotograf*innen übernehmen, sei auch einem grundsätzlich falschen Zugang geschuldet: „Es sind häufig die Textredakteur*innen, die die Bilder auswählen. Fotojournalist*innen werden vielfach noch immer nicht als gleichwertige Vermittler von Inhalten wahrgenommen und haben auch selbst oft nicht dieses Bewusstsein“, sagt die Politologin.

Falsche Angst vor Parteilichkeit

Auch hier spiele aber der Zeitdruck in der Redaktion eine große Rolle: „Was kann ich schnell, kostenlos und in guter Qualität bekommen?“ Weniger professionelle Bilder von Politveranstaltungen, beispielsweise von Citizen-Photographers, schaffen es kaum in die Berichterstattung. Deren Verifizierung koste Zeit. Und zu sehr herrsche noch eine „falsche Angst vor Parteilichkeit“ vor. Die Phrase der „lügenden Bildern“ ist nicht wegzubekommen. Das Bewusstsein, dass jedes Bild nur einen Ausschnitt wiedergebe und daher nie ein Ereignis in seiner Gesamtheit abbilden könne, sei ebenfalls in den Redaktionen kaum vorhanden.

Dabei, sagt Bernhardt, werde die Message-Control überschätzt. Mit einer „Mischung aus Belustigung und Befriedigung“ würden die Message-Controller selbst auf die Journalist*innen blicken, und Letztere würden ihren eigenen Handlungsspielraum unterschätzen.

Dabei, sagt Bernhardt, werde die Message-Control überschätzt. Mit einer „Mischung aus Belustigung und Befriedigung“ würden die Message-Controller selbst auf die Journalist*innen blicken, und Letztere würden ihren eigenen Handlungsspielraum unterschätzen. „Wir hören immer wieder einzelne Fälle von Interventionen, wissen aber wenig über die Art und Weise, die Häufigkeit, wer wann wo interveniert. Hier fehlt es an der Bereitschaft der jeweiligen Medien, das zu artikulieren.“ In einem sind sich die Medienexperten einig: Es fehle massiv an Selbstreflexion in den Redaktionen.

Über den/die AutorIn

Werner Reisinger

Werner Reisinger

Werner Reisinger ist Journalist, studierter Zeithistoriker und Politikwissenschafter. Seit 2005 war er als Redakteur und Gestalter für den ORF (ua. Club 2, Zeit im Bild, Im Zentrum) tätig, von 2015 bis 2019 Innenpolitikjournalist für die „Wiener Zeitung“. Aktuell berichtet er aus Wien unter anderem für das deutsche RND und die „Augsburger Allgemeine Zeitung".