Die Volksrepublik China hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zur globalen Technologieführerschaft vorgearbeitet. Laut dem „Critical Technology Tracker“ des Australian Strategic Policy Institute nimmt China bei 66 von 74 untersuchten Schlüsseltechnologien eine globale Vorreiterrolle ein, die USA nur noch bei acht. Mit der Frage, wie sich China so schnell von der „Werkbank der Welt” weiterentwickeln konnte, beschäftigten sich kürzlich auch zwei Studien der AK Wien.
Offener Wissensaustausch
Lia Musitz, Sinologin und Doktorandin an der Goethe-Universität in Frankfurt, analysierte in ihrer Studie „Zukunftsvision mit System“ die nationalen Strategien Chinas, wie Zukunftsindustrien aufgebaut werden. Sie widmete sich vor allem drei Bereichen: Humanoide Roboter, künstliche Intelligenz und Flugtaxis („low altitude economy“). Für sie ein zentraler Faktor im chinesischen Innovationsökosystem: Die Institutionalisierung von offenem Wissenstransfer.
Klingt kompliziert, aber damit ist zum Beispiel gemeint, dass Firmen, die am Markt eigentlich in Konkurrenz zueinander stehen, in der Phase von Forschung und Entwicklung – staatlich gefördert – zusammenarbeiten. Wenn Produkte marktreif sind, setzt der Wettbewerb ein. Außerdem werden Forschungsergebnisse, Software, Daten und Innovationen auf Open-Source-Plattformen zur freien Verfügung gestellt.
„Ein chinesisches Unternehmen, das nicht bereit ist, diese Basisforschung gemeinsam mit anderen Unternehmen zu machen, kriegt schlicht keine staatliche Förderung“, erklärt Sinologin Musitz. „Wenn man Förderung haben will, muss man garantieren, dass man das Wissen, das aus diesen geförderten Projekten entsteht, allen zur Verfügung steht.“ Die europäische Innovationskultur sei im Vergleich dazu stärker proprietär ausgerichtet.
Beispiel laufender Roboter Tiangong: Humanoide Roboter wurden von der chinesischen Regierung als „disruptives Produkt“ ausgewiesen, also als Technologie mit dem Potenzial, wirtschaftliche Zweige entstehen zu lassen und dafür auch andere zu verdrängen. Bis 2025 sollte eine breite Anwendung von humanoiden Robotern in Industrie und bei Dienstleistungen erreicht werden, wichtiges Einsatzgebiet ist etwa die Altenpflege. Bis 2027 soll eine belastbare industrielle Lieferkette ausgeformt sein. „China hat dafür zwei regionale Innovationszentren eingerichtet“, erklärt Musitz.
Das Institut HUMANOID wurde etwa von der Stadtregierung Pekings initiiert. Zehn private chinesische KI-Unternehmen forschen dort in Zusammenarbeit mit Universitäten an ihren Robotermodellen. Ein weiteres Zentrum gibt es in Shanghai, dort sind staatliche Unternehmen zusammengeschlossen. Sie tüfteln an der Überführung von Robotern in die serielle Produktion.
Stichwort: Skalierung
„Es besteht schon jetzt eine immense Nachfrage unter chinesischen Konsument:innen für humanoide Roboter für die Altenpflege, da kommt die Industrie gar nicht nach“, sagt Doris Vogl. Die Lektorin für internationale Politik mit Schwerpunkt Asien an der Universität Wien zeichnet für die Literaturstudie „Chinas Position im Umgang mit künstlicher Intelligenz“ verantwortlich. Im Bereich KI hat sich China innerhalb des vergangenen Jahrzehnts zum größten Rivalen der USA entwickelt. Sie ist zum wesentlichen Treiber des inzwischen moderateren Wirtschaftswachstums in China geworden (2025: rund 5 Prozent).
Vogl spricht damit indirekt einen Wettbewerbsvorteil der Volksrepublik China gegenüber anderen Staaten an: seine Größe. Bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Personen kann allein der nationale Binnenmarkt Produkten und Unternehmen zu internationaler Tragweite verhelfen. Auch die öffentliche Beschaffung hat Vorgaben, insbesondere auf nationale Produkte zurückzugreifen.
Grundlegend sei die chinesische Bevölkerung offen für Innovationen, vor allem, weil der Staat damit höhere Lebensstandards verspricht. Der Eindruck, es gebe gar keine Kritik an dem raschen technologischen Fortschritt, trüge aber. Kritik von Bevölkerung oder Zivilgesellschaft wird laut Vogl zwar nicht über die staatseigenen Medien verbreitet, jedoch: „Auf Social Media wird viel kritisiert, da nehmen sich viele Staatsbürger:innen kein Blatt vor den Mund“, sagt sie. „Wir haben ein sehr aktives chinesisches Internet, wo es brodelt. Die staatlichen Instanzen kommen gar nicht nach mit der Zensur.“
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Zusammenfassend lässt sich mit Blick auf die beiden Studienpapiere sagen: China mag hinsichtlich des Innovationsökosystems vorbildlich die unternehmerische Kooperation fördern, es erarbeitet detaillierte Strategiepapiere mit relevanten Stakeholdern und schafft es binnen weniger Jahre, ganze Wertschöpfungsketten industriell aufzusetzen. Doch all dies geschieht im Rahmen einer Diktatur, mit einer allmächtigen Kommunistischen Partei, in der die Bevölkerung streng überwacht wird. Die soziale Absicherung der Bevölkerung ist dabei nicht ausgereift.
So kämpft die Volksrepublik mit einer schwächelnden Konsumrate der privaten Haushalte. Diese hänge laut Musitz auch damit zusammen, dass es sich – schlicht gesagt – bei China um keinen Wohlfahrtsstaat handle. Es gibt eine verpflichtende Sozialversicherung, aber die Selbstbehalte bei medizinischen Leistungen seien hoch. Ein großer Teil der Bevölkerung habe keinen gültigen Arbeitsvertrag mit vollumfänglicher sozialer Absicherung, sondern arbeite auf (schein)selbständiger Basis. „Es ist auch immer die Frage, ob Arbeitnehmer:innen überhaupt über ihre Rechte Bescheid wissen“, sagt Musitz.
Politikwissenschaftlerin Vogl verweist auch auf die seit einigen Jahren hohe Arbeitslosigkeit unter Akademiker:innen. „Mittlerweile ist die Arbeitsmarktsituation derart prekär, dass junge Absolvent:innen von Durchschnittsuniversitäten monate-, jahrelang auf Jobsuche sind und letztlich einen Job annehmen müssen, der nicht ihren Erwartungen entspricht“, sagt Vogl. Auch sie bestätigt: „Genauso wie im europäischen Raum hat das chinesische politische System allergrößte Probleme, die Binnennachfrage hochzuhalten. Der Durchschnittskonsument verhält sich vorsichtig, investiert weniger, legt mehr zur Seite, ist nicht mehr so risikofreudig, wie noch vor einigen Jahren.“ Die wirtschaftliche Situation in der Volksrepublik sei schwieriger geworden, ganz ähnlich wie in der EU.
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Dieser Artikel wurde am 25.03.2026 um 20:36 Uhr upgedatet.