Auf der Suche nach dem fehlenden Impfstoff

(C) Anna Psiaki / Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0
„Von einer Woche auf die andere war das halbe Krankenhauspersonal von COVID-19 betroffen, so ist es schwer, den Betrieb aufrechtzuerhalten“, berichtet Bernhard Kerschberger von der zweiten Welle in Eswatini.

„Von einer Woche auf die andere war das halbe Krankenhauspersonal von COVID-19 betroffen, so ist es schwer, den Betrieb aufrechtzuerhalten“, berichtet Bernhard Kerschberger von der zweiten Welle in Eswatini. Er ist dort Einsatzleiter für Ärzte ohne Grenzen. Normalerweise kümmern sie sich um Diagnosen wie HIV und Tuberkulose, nun um Corona. Sie sind gerade aus der zweiten Welle gekommen und sorgen sich bereits um die dritte.

„Derzeit können wir zwar durchatmen, aber wir befürchten, dass der Impfstoff nicht rechtzeitig vor der nächsten Welle da sein wird“, so Kerschberger. Während in Israel junge Erwachsene mit Drinks für Impfungen gelockt werden, wartet selbst das Gesundheitspersonal in Entwicklungsländern noch auf seine Impfungen. „Wir erwarten mit Anfang März die ersten Dosen. Diese reichen aber auch gerade mal für drei Prozent!“, so Kerschberger. Eine anfängliche Prognose von 100.000 Dosen wurde hier auch auf 20.000 reduziert.

Die Dosen kommen über das COVAX-Programm. COVAX steht für„COVID-19 Vaccines Global Access“ und ist ein multilaterales Programm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen mit GAVI (Global Vaccine Alliance) und CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations). Glaubt man ihren pathetischen Formulierungen wie „No one is safe, unless everyone is safe“, müsste man fast denken, dieses Programm löse das Problem der ungerechten Verteilung von Impfstoffen.

Bernhard Kerschberger, Einsatzleiter für Ärzte ohne Grenzen in Eswatini. (C) Ärzte ohne Grenzen/Jakub Hein

Tatsächlich ist das Ziel aber „nur“, zwanzig Prozent der Welt zu impfen. Das kritisiert auch Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen Österreich: „Das Ziel ist zu bescheiden. Zumal COVAX Mitte Jänner nur zu zwanzig Prozent finanziert war. Dieses Fünftel reicht gerade mal für das Gesundheitspersonal.“ Zwar haben die G7-Staaten kürzlich einer Erhöhung ihrer Mittel für COVAX zugesagt, „aber man müsse abwarten, ob dies nur ein Versprechen ist oder auch entsprechendes Handeln folgt“, so Bachmann.

Patente – verschlafen

Er sieht das eigentliche Problem aber woanders: „Es ist doch paradox, auf der einen Seite sind Impfstoffe ein Mangelprodukt, auf der anderen Seite gibt es weltweit ungenutzte Produktionskapazitäten.“ Als Beispiele nennt er Länder wie Indonesien, Thailand, Südafrika, Nigeria oder Senegal. Hier im Weg stehen laut Bachmann die Patente. Man habe hier aber auch verschlafen, die öffentliche Unterstützung an Bedingungen zu knüpfen.

„Preisobergrenzen oder leistbare Dosen für Entwicklungsländer wären möglich gewesen. Kein Unternehmen muss öffentliche Unterstützung annehmen, aber auf Public Investment muss Public Return folgen“, meint Bachmann. Dabei sei der Umstand, dass in so kurzer Zeit Impfstoffe entwickelt und zugelassen wurden, allein staatlicher Unterstützung zu verdanken: „Weltweit wurden Milliarden Euro an Steuergeld ausgeschüttet, dennoch bleiben Patente unangetastet.“

Marcus Bachmann, Ärzte ohne Grenzen Österreich. (C) H. Prammer

Der deutsche Ökonom Moritz Schularick, Professor für Makroökonomie Bonn, schlägt andere Wege vor, um aus der Impfstoffknappheit rauszukommen. Zusammen mit seinem Kollegen Gustav Oertzen von der Universität Lüneburg plädiert er für Prämien auf der einen Seite und eine „Kriegswirtschaft“ auf der anderen Seite. „Impfstoffhersteller haben keinen Anreiz, die Produktion massiv auszuweiten, sie würden sich dadurch sogar schlechterstellen“, schreiben sie in einem Gastbeitrag für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Angesichts der Kosten von Lockdowns wäre es am günstigsten, die Produktion schnellstmöglich hochzufahren, argumentieren sie außerdem in der „Financial Times“.

Kriegswirtschaft bedeute, „die staatliche Koordination der Zulieferung über Prämien und Eingriffe“, so Schularick, „alle Ressourcen werden dabei auf ein Ziel ausgerichtet: den Herstellern zu bringen, was sie brauchen!“

Er steht damit nicht allein da. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Alvin Roth plädiert ebenfalls dafür, Hersteller zur Weitergabe der Lizenzen zu verpflichten und als Staat weitere Produktionsanlagen in Auftrag zu geben. Angesichts der hohen vermeidbaren Kosten könne man Hersteller auch entsprechend entschädigen, meint er.

Doch nicht so einfach?

Christina Nicolodi, die sich auf die Beratung zur Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteln wie Impfstoffen spezialisiert hat, ist skeptisch gegenüber diesen Ansätzen: „Bei Impfstoffen handelt es sich um komplexe biotechnologische Produkte. Die Herstellung ist ausschließlich in den dafür vorgesehenen, genehmigten Herstellungsorten und Geräten durchführbar – von erfahrenem Personal.“ Aus ihrer Sicht solle man lieber Kooperationen fördern und bürokratische Hürden beim Ansuchen von Unterstützung abbauen: „Ich habe unglaublich viele gute Projekte kleiner Unternehmen kennengelernt, die letztendlich wegen fehlender – oftmals finanzieller – Unterstützung scheiterten.“

Christina Nicolodi hat sich auf die Beratung zur Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteln wie Impfstoffen spezialisiert. Foto (C) privat

Skepsis

Dietmar Katinger, Geschäftsführer von Polymun, einem Unternehmen aus Klosterneuburg, das sich auf Liposomen spezialisiert hat und daher das Know-how hat, RNA-Lipidnanopartikel (also „Fetttröpfchen“ mit RNA im Inneren) herzustellen, ist ähnlich skeptisch: „Produktionskapazitäten zu erhöhen ist ein komplexer Vorgang, der Zeit braucht. Kurzfristig kann das nichts lösen, ohne Abstriche in der Qualität. Zudem wird ohnehin bereits Know-how an andere Produktionsstätten weitergegeben.“

Das Problem am Aussetzen der Patente sieht er auch bei den Entwicklungskosten: „Wenn danach andere Unternehmen damit ein Geschäft machen können, ohne selbst dafür zuvor die Entwicklungskosten zu tragen, lässt der ursprüngliche Hersteller in Zukunft die Entwicklung sein.“ Für ihn ist die derzeitige Entwicklung trotz aller Engpässe eine Meisterleistung: Er könne sich nicht daran erinnern, dass jemals so viel eines völlig neuen Impfstoffs in so kurzer Zeit hergestellt wurde, zumal die Pandemie auch die Industrie nicht unberührt lässt: „Lieferungen dauern überall länger – sei es wegen Grenzkontrollen, reduzierten Flügen, bei denen sonst Ware mittransportiert wird, oder weil Teams an Standorten ausfallen.“

Damit spricht Katinger ein weiteres Problem an: die Anfälligkeit von Lieferketten für Störungen. Dadurch, dass die Pharmawirtschaft besonders stark differenziert und globalisiert ist, Lieferunternehmen sich teilweise regional konzentrieren, ist leicht die Versorgungssicherheit gefährdet. Bei den mRNA-Vakzinen konnte man dies gut am Lipidengpass sehen, berichtet er.

„Die Lipide sind speziell für die Firmen hergestellt worden. Niemand hat sie vorher in großem Maßstab gebraucht. Entsprechend hat sie auch anfangs nur ein Unternehmen überhaupt hergestellt“, erklärt Katinger. Sierk Poetting, Finanzvorstand von BioNTech, erklärte diesbezüglich in einem Interview im „ZDF heute journal“, dass letztes Jahr im April mit Zulieferern gesprochen wurde und nun schrittweise die Anzahl an Lieferpartnern von drei auf 13 erhöht wird. Das zeigt, dass zumindest BioNTech hier bereits Gegenmaßnahmen setzt.

Ungerechte Verteilung

Katharina Paul von der Forschungsgruppe Zeitgenössische Solidaritätsstudien an der Universität Wien und Christian Haddad vom Österreichischen Institut für internationale Politik (oiip) zeigen  sich wenig erstaunt über die ungerechte Verteilung von Impfstoffen: „Gesundheitspolitik ist traditionell innerhalb der EU national gesteuert, koordiniert und finanziert. Die EU-Kommission hat zwar versucht, einen gemeinsamen europäischen Ansatz zu finden, doch ist es insgesamt nicht überraschend, dass Regierungen in erster Linie an die „eigene“ Bevölkerung denken. Zudem ist selbst eine gemeinsame EU-Politik wenig solidarisch mit dem globalen Süden“, ordnet Katharina Paul die Lage ein.

Silo-Denken

„Globale Gesundheitssicherheit (global health security) als strategischer Ansatz hat sich selbst erst nach 2000 durch die USA etabliert, um nationale Sicherheitsinteressen vor globalen Bedrohungen zu schützen. ,Globale Gesundheit‘ war daher von Anfang an von nationalen Interessen und einer Asymmetrie zwischen globalem Norden und Süden geprägt“, ergänzt Christian Haddad. Zum Thema Patente meint Haddad: „Open Science wird zwar als wichtiges Innovationsmodell beworben, das auf Kooperation baut. Doch das ist im Rahmen kapitalistischer Produktions- und Eigentumsverhältnisse nur am Anfang eines Forschungsprozesses opportun. Wenn es um konkrete Produkte und erwartbare Profite geht, tendiert die Industrie weiter zum Silo-Denken.“

Die ungleiche Verteilung von Impfstoffen zeigt damit grundsätzliche Spannungen und Probleme auf. Zudem ist unklar, was man in einer Pandemie von einer profitorientierten Pharmaindustrie erwarten kann, die klassischerweise auf Patente und „Blockbuster“-Medikamente angewiesen ist, um die Kosten der oftmals erfolglosen Entwicklung zu decken. In der Schweiz sind Novartis und Roche bereits Jahre vor der COVID-19-Pandemie aus der Impfstoffentwicklung ausgestiegen, da diese zu unrentabel erschien.
Von staatlicher Seite übernimmt man aber auch ungern Kosten zur Pandemievorbereitung. So musste sich 2009 Thomas Zeltner als Direktor des Bundesamts für Gesundheit in der Schweiz für die Größe seines Einkaufs an Schweinegrippe-Impfstoff rechtfertigen: „Einem General werfen Sie ja auch nicht vor, dass er Panzer kauft und sie dann nie braucht.“

Über den/die Autor*in

Felix Schmidtner

Felix Schmidtner ist freier Journalist und hat bisher für das bioskop, dem Magazin der Austrian Biologist Association, progress (Zeitschrift der ÖH Bundesvertretung) und Unique (Zeitschrift der ÖH Uni Wien, heute: Zeitgenossin) geschrieben. Wenn er keine Texte schreibt, beschäftigt er sich mit den molekularen Grundlagen psychischer Erkrankungen im Masterstudium der Molekularen Biologie.