Zu viel Arbeit macht krank

Die Länge der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit, deren Lage und Verteilung sowie die Struktur der dazwischen liegenden Erholungszeiten (Ruhepausen) stehen in direktem Zusammenhang mit der Frage, ob die geforderte Arbeit auf Dauer ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgeübt werden kann.
Die Arbeitswissenschaft hat Bewertungskriterien für gesunde Arbeit aufgestellt. So sind regelmäßige Arbeitszeiten von täglich zwölf Stunden und wöchentlich 60 Stunden abzulehnen, weil durch lange Arbeitsdauer körperliche, psychische und gesundheitliche Belas­tungen entstehen, die die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen enorm gefährden. Bei Arbeitszeiten von täglich neun, zehn oder sogar zwölf Stunden ist mit folgenden fünf Risiken zu rechnen:

  1. Bei jeder Art der Arbeit nimmt mit der Dauer der täglichen Arbeitszeit die Ermüdung progressiv zu. Ohne ad­äquaten Ausgleich steigt die Beanspruchung, was mittelfristig zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann.
  2. Wenn länger als acht Stunden gearbeitet wird, ist bei schwerer körperlicher Arbeit mit geringerer Leistung pro Zeiteinheit zu rechnen.
  3. Analysen zeigen deutlich, dass das Arbeitsunfallrisiko jenseits der siebenten oder achten Arbeitsstunde exponentiell ansteigt.
  4. Neun-Stunden-Schichten in der deutschen Automobilindustrie führten zu einem deutlichen Anstieg der Krankenstände im Vergleich zu Acht-Stunden-Schichten.
  5. Probleme in Bezug auf die Aufnahme und den Abbau von gesundheitsschädigenden Arbeitsstoffen im Körper: Grenzwerte für gesundheitsschädigende Arbeitsstoffe (MAK-Werte und TRK-Werte) beziehen sich immer auf acht Stunden.

Fördern, fordern, nicht überfordern

Zahlreiche Studien belegen, dass verlängerte Arbeitszeiten (Überstunden) zu einem höheren Herzinfarktrisiko führen und Blutdruckwerte signifikant ansteigen lassen. Ein Zusammenhang besteht auch zwischen Mehrarbeit und mangelnder Bewegung, schlechter Ernährung und erhöhtem Kaffeekonsum. Daraus resultieren viele Folgeerkrankungen. Erhöhte Neigung für chronische Infektionen wurde ebenso festgestellt, wie stärkeres Krebsrisiko und höhere Mortalitätsraten. Stressbelastungen und Müdigkeit sind weitere Folgen, die im Rahmen wissenschaftlicher Studien nachgewiesen wurden.
Wissenschaftlich gesehen sind einige Studien zur Risikoabschätzung in Österreich nur eingeschränkt verwendbar, zumal die Lebensgewohnheiten und die damit zusammenhängenden Freizeitaktivitäten nicht vergleichbar sind. Trotzdem wird auf die deutliche Tendenz hingewiesen, wonach sich Mehrarbeit (Überstunden) "ungünstig auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirkt und auch die Mortalität steigert".1 Additive Effekte von Überstundenarbeit und zusätzlich belastende Faktoren wie psychosoziale Einflüsse, hohe Verantwortung und wenig Kontrolle bei der Arbeit sind dabei besonders zu berücksichtigen.
Ob eine tägliche Arbeitsdauer für bestimmte ArbeitnehmerInnen als zu belas­tend einzustufen ist, hängt von folgenden Faktoren ab: Arbeitsinhalt, Pausen, Belastungen aus der Arbeitsumgebung wie Lärm, Vibrationen, Hitze, Kälte, Arbeitsorganisation wie Arbeitsmenge, Zeit- und Termindruck, Verhalten der Vorgesetzten, KollegInnen und Kunden/-innen; persönliche Leis­tungsfähigkeit wie Qualifikationen, Gesundheitszustand, Motivation, Alter und Vorbelastungen von vorherigen Arbeitstagen.
Nach arbeitswissenschaftlicher Bewertung dieser Faktoren sollte die tägliche Arbeitszeit zumindest bei anstrengender körperlicher Arbeit für 14- bis 16-jährige Jugendliche, schwangere Frauen und ArbeitnehmerInnen jenseits des 55. Lebensjahres kürzer als acht Stunden sein, fand der Arbeitswissenschafter Rutenfranz 1993 heraus. Im Regelfall sollte daher eine tägliche Arbeitsdauer von acht Stunden (mit adäquaten Pausen) nicht zu einer unakzeptablen Beanspruchung führen. In Sonderfällen wie bei Hitze oder Kälte können auch täglich acht Stunden zu lang sein.

Regelmäßige Erholung notwendig

Jede Arbeit macht müde. Das ist die natürliche Folge der physischen und psychischen Ressourcenbeanspruchung des Menschen durch die Leistungsanforderungen sowie die Arbeitsbedingungen insgesamt. Zur Ermüdung kommt es, wenn die verbrauchten Ressourcen üblicherweise nicht gleichzeitig und vollständig nachgebildet werden können. Ab diesem Zeitpunkt werden vorhandene Leis­tungsreserven in Anspruch genommen. Bei dieser Ermüdung handelt es sich jedoch um einen sogenannten reversiblen Vorgang, der durch die Erholung wieder rückgängig gemacht werden kann. Und dazu sind zwingend Pausen erforderlich.
Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht müssen Belastungen möglichst rasch ausgeglichen werden. Nur dadurch lässt sich verhindern, dass mit zunehmender Ermüdung in einem immer größeren Ausmaß auf Leistungsreserven zurückgegriffen werden muss. Denn so steigt der Erholungsbedarf, der sich nur noch durch sehr lange Ruhezeiten ausgleichen lässt. Allerdings verläuft der Ermüdungsverlauf nicht linear. Mit fortschreitender Belastung nimmt die Ermüdung überproportional zu.
Daraus lässt sich folgendes Prinzip ableiten: Je öfter die Arbeit in kurzen Abständen durch Ruhepausen unterbrochen wird, desto höher ist deren Erholungswert. Dies führt im Ergebnis dazu, dass bei kurzen Arbeitszyklen und häufigeren Kurzpausen "insgesamt weniger Erholungszeit für den Ausgleich der gleichen Gesamtermüdung erforderlich ist". In der Literatur wurde in diesem Zusammenhang der Begriff der lohnenden Pause kreiert, weil "der Leistungsverlust durch die Pause geringer ist als die Leis­tungssteigerung durch die Erholung".

Stärkerer Verschleiß bei Älteren

Beeinträchtigungen der Gesundheit durch lange wöchentliche Arbeitszeiten sind stark altersabhängig. Mit zunehmendem Alter steigen die Beschwerden deutlich an. Dieses Phänomen ist besonders unter dem Aspekt der demografischen Entwicklung zu beachten. Ältere Beschäftigte, die bereits einer insgesamt höheren Belastungsdosis (durch Kombination von Belastungsintensität und Belastungsdauer über die Jahre ihres Berufslebens) ausgesetzt waren, sind mit steigender Wochenarbeitszeit stärker von beeinträchtigenden Belastungsfolgen betroffen als ihre jüngeren KollegInnen. Dem kann durch angepasste Arbeitszeitmodelle (Wahlarbeitszeit, Altersteilzeit) entgegengewirkt werden.
Eine andere Studie stellte fest, dass Wochenarbeitszeiten von über 40 Stunden zu einer relativ starken Zunahme gesundheitlicher Beschwerden führen. Besonders deutlich ist dies bei den Themen Nervosität, psychische Erschöpfung und Schlafstörungen festgestellt worden. Der Anteil jener, die an psychischer Erschöpfung leiden, nahm um fast 60 Prozent zu. Das bestätigt die grundsätzliche Richtigkeit, die tägliche Normalarbeitszeit gesetzlich mit acht Stunden zu begrenzen. Es handelt sich damit nicht, wie manchmal unterstellt, "um eine beliebige Arbeitszeitbegrenzung", sondern offensichtlich um das grundsätzlich richtige Ausmaß an Arbeitszeit, welches bei allen an sich unfallgeneigten Tätigkeiten vor steigenden Verletzungsrisiken schützt.
Zusammengefasst belegen alle verfügbaren Studien, dass permanente Überstundenarbeit (Wochenarbeitszeiten über 40 Stunden) zu zahlreichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. Sie bestätigen auch die Notwendigkeit öffentlich-rechtlicher Arbeitszeitgrenzen. Lange Tagesarbeitszeiten führen überdies zu einem exponentiellen Anstieg von Arbeitsunfällen. Auch aus Produktivitätsüberlegungen sind lange durchgehende Tagesarbeitszeiten daher nicht zielführend.

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Von Alexander Heider (Leiter Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit, AK Wien), Karl Schneeberger (Leiter Abteilung Betriebsbetreuung, ArbeitnehmerInnenschutz, AK Steiermark)

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 01/2011.

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