Srebrenica – Gedenken und lernen

Wie lange bleibst du noch in Österreich?«, »Wann fährst du wieder nach Hause?«, »Der Krieg ist ja schon vorbei.« Mit solchen und ähnlichen Fragen wurden viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihren ersten Jahren in Österreich konfrontiert. Erwachsene hätten damals mit Sicherheit eine mehr oder weniger kluge Antwort parat gehabt, doch die nötigen Sprachkenntnisse fehlten. Jugendliche, die sich aber an das Leben in Wien, Baden oder Graz gewöhnt hatten, antworteten meist bissig: »Glaubst du, wir sind freiwillig hier? Stell dir vor, hier wäre der Krieg ausgebrochen, wärst du glücklich, wenn dich jemand so schnell wie möglich aus dem dir fremden Land haben möchte?« So auch Adelina Zizak. Damals war sie ein zehnjähriges Kind, doch machten auch sie solche Fragen wütend. Dass Adelina aus dem Ort »Srebrenica« stammt, der einige Jahre später europaweit – nein weltweit – wegen Völkermordes bekannt wurde, wussten damals wenige.

Srebrenica für Anfänger

Srebrenica ist eine Kleinstadt in Ostbosnien, die verborgen in einem tiefen Talkessel unweit des Flusses Drina und der Grenze zu Serbien liegt. Während des Bosnienkriegs war Srebrenica 1993 zur Schutzzone der Vereinten Nationen erklärt worden. Ein Bataillon von 450 Blauhelm-Soldaten sollte die Sicherheit der zum größten Teil muslimischen Bevölkerung garantieren. Vor dem Bürgerkrieg lebten etwa 6.000 EinwohnerInnen in dem Städtchen, nach der Erklärung zur »Schutzzone« suchten 40.000 Zivilis­tInnen aus dem Umland hier Zuflucht. Anfang Juli 1995 überrannten serbische Truppen den Ort. Die systematische Aussonderung der ganz jungen bis ganz alten Männer begann – vor den Augen der UN-Soldaten. Sie wurden verschleppt, erschossen und verscharrt. Geschätzte 8.000 Menschen wurden so ermordet. Im Umland von Srebrenica werden heute noch Massengräber gefunden. Dabei handelt es sich meist um Sekundärgräber, die Toten wurden wieder ausgegraben und ein zweites Mal verscharrt, um die Spuren zu verwischen. Jedes Jahr am 11. Juli finden eine Beerdigung der Identifizierten und eine Gedenkveranstaltung für alle Opfer statt. In Srebrenica geschah das einzige Kriegsverbrechen auf europäischem Boden in den letzten 60 Jahren, das mit einem rechtskräftigen Gerichtsurteil als Völkermord tituliert wird.
Ob in Wien, Sarajevo, Srebrenica oder Graz; ob Krankenschwester, Lehrerin, Bürokauffrau oder Anwältin; was aus Adelina und ihrer jüngeren Schwester eines Tages werden sollte, welchen Beruf sie ausüben würden, in welchem Land sie leben werden, darauf hatten die Eltern in den Jahren nach ihrer Flucht auch keine Antwort. Heute, 18 Jahre später, haben die jungen Frauen ihren Lebensmittelpunkt in Wien. Adelina studiert Bildungswissenschaften an der Universität Wien und finanziert sich ihren Lebensunterhalt als Assistentin in Teilzeit. Dabei unterstützt sie ein Programm, welches mit SchülerInnen zusammenarbeitet. »Ich kann mir sehr gut vorstellen, nach meinem Studium in diesem Programm weiterzuarbeiten, aber auch etwas im ›Beratungsbereich‹ würde mich interessieren«, erzählt Adelina über ihre Pläne nach Studienabschluss. Wie für Adelina, so ist auch für ihre jüngere Schwester Mersiha die Bundeshauptstadt zur zweiten Heimat geworden. Zurzeit genießt Mersiha ihre freie Zeit mit ihrer kleinen Tochter, nach der Karenz möchte sie wieder als Programm-Assistentin tätig sein. »Für ein friedliches Zusammenleben ist es wichtig, anderen Kulturen offen gegenüberzutreten und Menschen zu akzeptieren. Meine Familie ist dankbar, dass wir damals so gut aufgenommen und beim ganzen Integrationsprozess unterstützt wurden«, sagt die 26-jährige Adelina.

Integration

Obwohl in Österreich aufgewachsen und der deutschen Sprache mächtiger als der eigentlichen Muttersprache, sind nicht alle Angehörigen der zweiten Generation bei der Integration am Arbeitsmarkt erfolgreich. Laut dem Arbeitsklimaindex 2010 liegen diese noch weit hinter den Beschäftigten ohne Migrationshintergrund. Zwar haben es diese jungen Menschen leichter als ihre Eltern, trotzdem bleibt die Diskriminierung aufgrund Zuwanderung – Name, Aussehen, mangelnde Sprachkenntnisse – bestehen. Oft ist aber auch der Wunsch, möglichst früh eigenes Geld zu verdienen, der ausschlaggebende Grund, weswegen viele MigrantInnen auf höherwertige Ausbildung verzichten. »Mittlerweile nehmen immer mehr Kinder am Muttersprachenunterricht teil. Das ist genauso wichtig für ­ihre berufliche Zukunft wie auch zur Kommunikation mit den eigenen Landsleuten«, ist sich Suljo Nalic, Mutter­spra­chenlehrer, sicher. »Das sind Kinder, deren Eltern oder Großeltern ohne Sprachkenntnisse, ohne Dach über dem Kopf und ohne Arbeit nach Wien kamen. Sie mussten sich eine neue Existenz aufbauen.« Der 52-Jährige war einst Geografie-Professor, unterrichtete in Srebrenica und floh kurz vor Kriegsausbruch nach Österreich. »Viele Statis­tiken zeigen, dass sogenannte Kriegsflüchtlinge, die hier die Pflichtschule besuchten, immer größeren Wert auf eine gute Ausbildung legen und höhere Schulen abschließen. Im Gegensatz zu früheren Wirtschaftsflüchtlingen haben wir es hier mit gut ausgebildeten Personen zu tun, die für ein Land wie Österreich auch viel beitragen können.«

Die Mühe lohnt sich

Was wäre mit Nalic geschehen, hätte er sich nicht zur Flucht entschieden? Hätte er sich im Juli 1995 für den »Pfad von Leben und Tod« entschieden, der sich zwischen Srebrenica und Tuzla erstreckt und in dem Tausende Menschen die einzige Chance zum Überleben sahen? Hätte er den Juli 1995 überlebt? Aus heutiger Sicht entschied er sich damals für das einzig Richtige: die »rechtzeitige« Flucht. Aber aller Anfang ist schwer. Nalic belegte kurz nach der Ankunft in Wien einen Deutschkurs, lange kämpfte er um die Anerkennung seines Studiums. Zwar unterrichtet er heute nicht mehr Geografie, aber er vermittelt bosnischen Kindern die eigene Muttersprache an einer Wiener Volksschule. Die Chance, sein Wissen weitergeben zu können, half ihm dabei, seine Deutschkenntnisse zu verbessern. »Die Mühe zahlt sich aus, das Gefühl, wieder als Mensch gesehen zu werden und nicht als Migrant, ist viel wert«, erzählt der Lehrer. MigrantInnen sind auf die Hilfe anderer angewiesen, leben in einer ungewohnten Umgebung, und nicht immer besitzen sie die Kraft sich zu engagieren. Jeder Flüchtling hat seine Geschichte, eine Vergangenheit, mit der er lernen muss umzugehen. So wie Nalic, der am Begräbnis seiner Mutter nicht teilnehmen konnte und dessen Vater eines der Opfer vom 11. Juli 1995 war. Ein respektvoller Umgang und Verständnis von Zuwanderern und Einheimischen fördert die gesellschaftliche Integration. Mittlerweile hat Nalic Bekannte und Freunde in Wien, mit seinen ArbeitskollegInnen versteht er sich gut. Doch seine freie Zeit im Sommer verbringt er in Srebrenica. Ob er sich vorstellen kann eines Tages zurückzukehren? »In der Pension, wahrscheinlich ja – auch wenn in Srebrenica oft eine traurige Atmosphäre in der Luft liegt. Vergessen können wir nicht, aber lernen damit zu leben.«

11. Juli 2010

Zum 15. Jahrestag der Massaker wurden in diesem Sommer mehr Opfer bestattet als in den Jahren zuvor. Ein Konvoi mit 775 Särgen, begleitet von TeilnehmerInnen eines Friedensmarsches, brachte die sterblichen Überreste zur Gedenkstätte Potocari, wo sie zeremoniell bestattet wurden. Rund 40.000 BesucherInnen wurden gezählt, darunter viele Mütter Srebrenicas. Frauen, die Väter, Ehemänner, Söhne und Brüder verloren haben. Viele brachen beim Anblick der Särge zusammen; auch viele junge Männer, die um ihre Väter trauerten, die sie nicht kennenlernen durften, ohne die sie erwachsen werden mussten. »Srebrenica darf nicht nur der 11. Juli sein, beim Anblick dieser Menschen ist Srebrenica 365 Tage im Jahr. Unfassbar, und das am Ende des 20. Jahrhunderts«, ist Haris Jatic, Schüler aus Wien, entsetzt. Der Schüler stammt nicht aus Srebrenica, aber nur eine Stunde Autofahrt trennt seinen Heimatort von Srebrenica. Heuer war er zum ersten Mal bei der Gedenkfeier dabei. »Darüber sollte auch in den Schulen erzählt werden, denn das geschah nicht hinter einem Busch am Ende der Welt, sondern mitten in Europa«, sagt Jatic. »Die Toten können wir nicht mehr retten, aber den Überlebenden helfen und dafür kämpfen, dass nie wieder Srebrenica geschieht«, weint eine Mutter am Sarg ihres Sohnes.

Weblink
Dokumentarfilm Srebrenica 360°:
www.srebrenica.ch

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Von Amela Muratovi (Mitarbeiterin ÖGB-Öffentlichkeitsarbeit)

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 09/2010.

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