Geschäft mit schwarzem Gold

Jeremias Vunjahne ist wütend. Der 27-jährige Journalist arbeitet für die Umweltorganisation Justica Ambiental in Mosambik und beobachtet die sozialen und ökologischen Ereignisse rund um den Kohleabbau in Tete. Seit sich die beiden Bergbaukonzerne Vale und Rio Tinto in der nordmosambikanischen Provinz niedergelassen haben, wurden Tausende Menschen umgesiedelt. „Von der Regierung haben die Menschen gehört, wie gut die Bergbaukonzerne für sie seien. Beschäftigung und Entwicklung würden sie bringen, Geld und bessere Lebensgrundlagen. Nun wohnen sie auf unfruchtbarem Land und nagen am Hungertuch“, beklagt Vunjahne. An den angekündigten Reichtum glaubt hier niemand mehr.

Kohle, wohin das Auge reicht

Die Provinz Tete ist eine wahre Goldgrube. Die größten unerschlossenen Kohlelagerstätten der Welt liegen hier. Mit den Minen von Tete soll künftig ein Viertel des weltweiten Kohlebedarfs gedeckt werden. Seit sich der australische Konzern Rio Tinto (ehemals Riversdale) und sein brasilianischer Konkurrent Vale zur Erkundung der Vorkommen vor einigen Jahren niedergelassen haben, kaufen sie immer mehr Konzessionen auf. 18 Mio. Tonnen Kohle soll der jährliche Ertrag für Rio Tinto ab 2015 ausmachen; bei Vale sollen es in der zweiten Projektphase sogar bis zu 25 Tonnen werden. Das Geschäft mit den Bodenschätzen ist lukrativ. Die Regierung hat die Konzerne mit offenen Armen und großzügigen Steuerzuckerln empfangen. Immerhin könnte Mosambik dadurch in den nächsten Jahren zum größten Rohstoffexporteur Afrikas werden. Und das Land, eines der ärmsten der Welt, könnte es endlich aus der Armut schaffen. Das war auch die Prämisse, als die Regierung den Konzernen die Pforten öffnete. Doch niemand weiß, wie viel Geld von den Konzernen an die Regierung geflossen ist und was damit passiert ist. Vom Boom profitieren derzeit nur wenige, die mit neuen Lokalen, Restaurants oder Hotels am Geschäft mit der Kohle mitnaschen. Die einheimische Bevölkerung gehört nicht dazu.
Anfang Jänner blockierten 700 Familien die Straßen und eine Eisenbahnlinie in Tete, um gegen ihre prekäre Lebenssituation zu protestieren. Fruchtbares Land, gute Häuser mit entsprechender Infrastruktur, Schulen und Transportmöglichkeiten in die Stadt sollte die Bevölkerung von Vale erhalten. Nun wohnen viele 40 Kilometer von ihrer Heimat entfernt auf unbrauchbarem Brachland. Für den Anbau ist das Land nicht geeignet, die Transportmöglichkeiten sind ebenso schlecht wie die Wasserversorgung und der Zustand der Häuser. Zudem erfolgten einige Umsiedlungen zu einem Zeitpunkt, als die Häuser noch gar nicht fertiggestellt waren. „Familien von vier und mehr Personen mussten wochenlang in Zelten wohnen, ohne Zugang zu Elektrizität, mit mangelnder Wasserversorgung und schlechten hygienischen Bedingungen“, berichtet Vunjahne. Mit der Umsiedlung verloren Hunderte Menschen auf einen Schlag ihre Lebensgrundlage. Nachdem das Ultimatum der Bevölkerung zur Behebung der Missstände ignoriert wurde, gingen die Menschen auf die Straße. Jedoch nicht lange. Die Polizei schlug die Proteste gewaltsam nieder. 14 Personen wurden festgenommen, es gab zahlreiche Verletzte. Seither ist die Bevölkerung eingeschüchtert. „Der Zugang zu ihren Dörfern wird polizeilich kontrolliert, damit keine Informationen an die lokale Presse gelangen“, berichtet Vunjahne.

Soziale Kosmetik

Rio Tinto wollte es besser machen als sein Konkurrent Vale. Von sozialer Verantwortung und Einbeziehung der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse sei laut Peter Pichler die Rede gewesen, der bis vor Kurzem für Rio Tinto gearbeitet hat. Der Vorarlberger wurde vor einem Jahr vom Konzern angeworben, um darauf zu achten, dass alle vom Kohleabbau Betroffenen davon profitieren. Davor arbeitete Pichler mehr als 20 Jahre für NGOs, um in unterschiedlichen Teilen der Welt Häuser und ganze Dörfer nach Katastrophen wiederaufzubauen. Rio Tinto schien sich Mühe zu geben. Der Konzern ließ für die umzusiedelnde Bevölkerung schöne und hochwertige Häuser bauen, mit Glasfenstern, Strom- und Wasseranschluss. Dennoch sind die Menschen unzufrieden. „Die Häuser sind zwar besser als jene von Vale, doch die wenigsten können sich den Strom oder die Reparatur von Fenstern leisten oder die Elektropumpen fürs Wasser reparieren“, so Pichler. Das Schlimmste sei aber der Ort, an den die Familien umgesiedelt wurden. Unfruchtbares Ackerland, auf dem nichts angebaut werden könne. Der Fluss, auf dem sie bisher fischten, ist nun knapp 40 Kilometer entfernt und der Transport in die Stadt Tete koste mehr als der Tageslohn einbringe. Experten wie Pichler wiesen Rio Tinto mehrfach auf Fehlkonstruktionen und unbrauchbares Land hin. Doch der Konzern und die Regierung hörten nicht darauf. Nach einiger Zeit wurden Pichler andere Aufgaben zugewiesen, bis er vor Kurzem beschloss, den Job an den Nagel zu hängen. An soziale Verantwortung und die guten Vorhaben von Rio Tinto glaubt er seither nicht mehr.

Mehr Transparenz

Die Praktiken des brasilianischen Bergbauriesen Vale und seines australischen Konkurrenten Rio Tinto haben in Mosambik einen tiefen Spalt zwischen Regierung, Konzernen und lokalen Menschenrechtsorganisationen aufgerissen. Die Gemeinden beklagen, dass sie nicht ausreichend in den Umsiedlungsprozess miteinbezogen wurden. Vale und Rio Tinto weisen die Vorwürfe zurück. Sie hätten ausreichend konsultiert und für die Landzuweisung seien sie nicht zuständig, das sei Angelegenheit der Regierung. Die Bevölkerung fühlt sich betrogen. Gesetze und internationale Abkommen werden einfach missachtet. Das Problem sind nicht nur die zweifelhaften Praktiken von Bergbaukonzernen, die soziale Verantwortung höchstens als äußere Kosmetik verstehen. Das Problem ist eine Regierung, die Dezentralisierungsprozesse aus Angst vor Kontrollverlust unterminiert, Geldflüsse mit den Konzernen nicht transparent macht und nur zögerlich an Lösungen für die zahlreichen Schwierigkeiten im Zuge des Rohstoffabbaus arbeitet. Zivile Organisationen wie Justica Ambiental verlangen mehr Transparenz im Rahmen der Megaprojekte und die Einhaltung der Gesetze, die im Falle von Umsiedlungen mindestens gleich gute Lebensbedingungen vorschreiben. Ein zentrales Ziel, so Vunjahne, sei die Neuverhandlung der Verträge und deren Veröffentlichung. Lange Zeit war die Regierung verschlossen gegenüber diesen Forderungen. Die Verträge zwischen Regierung und den Konzernen werden als Staatsgeheimnis betrachet. Nun hat sie sich bereit erklärt, mögliche Neuverhandlungen zu prüfen, nachdem auch internationale Organisationen sich den Forderungen angeschlossen haben.
Vale und Rio Tinto sind längst auch außerhalb der betroffenen Provinz kein unbeschriebenes Blatt mehr. Die vielen Negativschlagzeilen und der zunehmende Druck ziviler Gesellschaften, auch über die Grenzen Mosambiks hinaus, haben Regierung und Konzerne zum Handeln veranlasst. Rio Tinto hat sich aufgrund eines vernichtenden Berichts der South African Resource Watch (SARW) in einer Stellungnahme zu einem Treffen bereit erklärt, um gemeinsame Lösungen zu finden. Vale hat nach den Protesten zugesagt, die Missstände innerhalb von sechs Monaten zu lösen. Dieses Versprechen wartet noch auf vollständige Umsetzung, wesentliche Schritte wurden aber unternommen. Neue und reformierte Gesetze verpflichten Unternehmen nun zu Ausgleichszahlungen an betroffene Gemeinden und zu Investitionen im sozialen Bereich. Damit soll den viel kritisierten Steuergeschenken an ausländische Investoren ein Ende gemacht werden. Auch wenn die Umsetzung dieser Gesetze noch mangelhaft ist, so sind diese sinnvollen Instrumentarien ein wichtiges Zugeständnis der Regierung an die mosambikanische Zivilgesellschaft.

Ein Kind im Wachstum

Noch gibt es keine Garantie, dass die Bevölkerung Mosambiks von den massiven Kohleabbauprojekten profitieren wird. Berücksichtigt man, dass das heutige Mosambik erst vor Kurzem aus den Trümmern der Kolonialherrschaft und des jahrelangen Krieges neu geboren wurde, sind die Entwicklungen dieses Landes enorm. Das trifft auch auf die zivilen Organisationen zu, die im politischen Diskurs langsam, aber immerhin an Öffentlichkeit gewinnen. Dass wirtschaftliche Fortschritte sich bisher wenig in der Gesellschaft widerspiegeln, liegt auch daran, dass diese kaum an die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Armutsbekämpfung gekoppelt wurden. Dennoch muss ein junges Land wie Mosambik die Chance erhalten, zu lernen und zu wachsen. Die Träger der Megaprojekte könnten hier eine wichtige Rolle einnehmen. Sie sind weder als Arbeitgeber noch als Investoren aus dem Land wegzudenken. Bei entsprechender Besteuerung und der Implementierung sozialer und ökologischer Normen bieten sie größtes Potenzial, die soziale und wirtschaftliche Entwicklung im Land voranzutreiben.

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Von Irene Steindl, Freie Redakteurin

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 11/2012.

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