Steiner schimpft: Die große Teilzeit-Show

Eine Frau sitzt nachts vor einem Computer. Symbolbild für den Vorwurf der Lifestyle-Teilzeit.
Schluss mit langen Abenden im Büro! Warum wir in Zukunft mehr Teilzeit arbeiten werden. | © Adobe Stock/BalanceFormCreative
Vollzeit für alle? Kolumnistin Lisa Sophie Steiner fragt sich, wie das funktionieren soll, wenn Demografie, Pflegenotstand und KI alles auf den Kopf stellen werden.
Na geh … jetzt muss ich mich schon wieder aufregen.

Einen Grant hab‘ ich. Wegen der Teilzeit-Debatte warat‘s. Weil Lifestyle und so, haben Sie sicher schon gehört. Frauen, vor allem Alleinerzieherinnen, aber auch die faule, arbeitsunwillige Gen Z würden lieber mehr “life” als “work” mögen. Ja eh. Und dann tauschen die immer gleichen Verdächtigen den immer gleichen ideologischen Sermon aus. Seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Kann man alles diskutieren.

Warum red‘ ma immer noch über die gleichen Missstände in Punkto Care-Arbeit, Gleichberechtigung, Gender Pay Gap? Dazu haben doch eh schon alle was gesagt (und zu wenig getan).

Deswegen konzentrier’ ich mich jetzt darauf, dass diese ganze Lifestyle-Teilzeit-Debatte ein schönes Feigenblatt ist. Eines von vielen. Nebelgranate, könnte man sagen. Damit wir nicht über die Sachen diskutieren müssen, die eigentlich wichtig sind – beim Thema Arbeit und Zukunft und Arbeit in Zukunft und beim Sozialstaat und bei Pensionen und Altersarmut und und und … Und dabei haben wir voll die Probleme. Auch schon seit Jahrzehnten.

Die Probleme?

Hashtag Demografie: Auf gut Deutsch kriegen wir zu wenige Kinder und werden zu alt.

Hashtag Bildungsmisere: Wer soll das alles bezahlen, wenn immer mehr Jugendliche zu wenig können, wenn sie aus der Schule rausgehen – die dann bestenfalls Hilfshackler:innen werden können. Andererseits gibt’s immer mehr Akademikerinnen, die dann bis 35 ein Praktikum nach dem anderen absolvieren, bis sie endlich genug überqualifiziert sind, um den Job dann doch nicht zu bekommen – oder es wagen, ein Kind zu wollen – und Ende.

Hashtag Pflegenotstand: Frauen hackeln jetzt schon unbezahlt, um Angehörige und Kinder zu versorgen. Gleichzeitig werden mehr Leute alt und pflegebedürftig und gleichzeitig sind aber jetzt schon zu wenig gute Pflegerinnen da und kein Geld fürs Gesundheitsystem – den logischen Schluss können Sie sich jetzt selber denken.

Ältere Menschen kriegen jetzt schon keine Jobs, Behinderte verdienen Hungerlöhne, KI ist gekommen, um zu bleiben, und das rationalisiert Arbeitsplätze weg (und Automatisierung generell und Konkurrenz in Billiglohnländern und Gewinnsucht internationaler Konzerne).

Wie soll das Wirtschaftssystem dann bitte so weiter funktionieren? Vollzeit für alle ist eine Illusion. Und sicher auch nicht die Lösung für die Zukunft.

„Diese ganze Lifestyle-Teilzeit-Debatte ist ein schönes Feigenblatt.“ | © Markus Zahradnik

Die Lösungen?

Wir müssen überlegen, wie wir so umsortieren, dass wir sogar mit noch mehr Teilzeitarbeit ein faires, gutes Leben für möglichst viele schaffen. Und darüber, woher die Kohle dafür kommen könnte. Und es wird Einschnitte geben müssen. Und einen Systemwandel. Aber das wird seit Jahrzehnten öffentlich debattiert und damit müssten es eigentlich eh alle Beteiligten längst wissen. Und keiner will Macht abgeben oder der eigenen Klientel die Wahrheit zumuten. Und so bleibt alles so wie‘s ist und wir streiten uns monatelang um Lifestyle-Teilzeit.

Kann man machen. Ist aber halt ein Schaß so. Die Krise holt dann eh nur unsere Kinder oder Enkel ein. Oder die der anderen, die nicht irgendwo in Immobilien investiert haben, weil sie dafür mit ihrer Lifestyle-Teilzeit im Hilfshacklerjob nicht die nötige Finanzierung hatten. Man muss sich halt rechtzeitig kümmern und schauen, wo man bleibt. Hahaha.

Ja, schaut‘s ned so. Ihr wisst‘s es ja eh: Schimpfen ist super. Aber vielleicht tät ein bissi mehr Handeln gut.

Im Übrigen bin ich der Meinung, die Macht der Moloch-Monopole* muss gebrochen werden.

Bussis von eurer Lieblingsschimpferin

Lisa Sophie Steiner

Fanpost an: redaktion@arbeit-wirtschaft.at

*Moloch-Monopole ist meine Bezeichnung für multi- und internationale Konzerne, die oft vorbei an nationalstaatlichen Rechtssystemen eine weltweite Übermacht erlangt haben – und so alles andere „fressen“. Beispiele: Google, Meta, Amazon.

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Über den/die Autor:in

Lisa Sophie Steiner

Lisa Sophie Steiner ist Journalistin, Autorin und Podcasterin. Außerdem ist sie neurodivergent. Ihr autistisch-analytischer Blick auf die Gesellschaft generell und ganz persönlich aufs (Über-)Leben als Frau mit Behinderung prägt ihren scharfen Blick und ihre ungeschönten Analysen. Dass sie aus Wien ist, hilft. Weil: der Humor! Steiner gewann mehrere Journalistenpreise, betreibt den Interviewpodcast AgehWIRKLICH und betätigt sich als Anastasia Schmierer auch poetisch.

Foto: Markus Zahradnik

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