In Österreich ist etwa jede fünfte Person kaufsuchtgefährdet. Wie aus einer 2023 vom Gallup-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien durchgeführten Befragung von 1.000 Personen hervorgeht. Vor allem Frauen, Menschen unter 30 Jahren und Personen mit geringer formaler Bildung sind betroffen, ebenso Leute, die einen schlechten Überblick über ihre Finanzen haben. Auch wenn die Zahlen im Vergleich zu früheren Erhebungen leicht rückläufig sind: Sie alarmieren und machen Gegenstrategien notwendig.
Unbehelligte Sucht
Für Nina Birkner-Tröger, Konsumforscherin und Referentin in der Abteilung Konsument:innenpolitik der Wiener Arbeiterkammer, ist Kaufsucht als „stark schambehaftete und unsichtbare Abhängigkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen“. Die Erhebung zeige, dass 9 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 14 Jahren zumindest episodisch ein unkontrolliertes Kaufverhalten an den Tag legen. „Wir sprechen da von rund 700.000 Personen“, sagt die Expertin. Auch Menschen mit hohem Einkommen sind stark kaufsuchtgefährdet. „In dem Fall ist das toxisch, aber meist nicht existenzgefährdend.“
Konträr zur hohen Betroffenenzahl spielt Kaufsucht in der öffentlichen Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle, gerne wird sie als privates Thema abgetan. Konsum ist schließlich auch politisch und wirtschaftlich erwünscht. Ein ungesundes Konsumverhalten könne jedoch das gesamte Leben auf den Kopf stellen. „Kaufsüchtige haben eine Impulskontrollstörung, sie müssen kaufen, ohne dass ihnen wichtig ist, was sie kaufen“, sagt Birkner-Tröger. „Das Anhäufen von Dingen und der Kick des Erwerbs stehen im Vordergrund.“

Das Gefährliche an Kaufsucht ist, dass der Übergang von einem alltäglichen Kaufverhalten mit gelegentlichen Belohnungskäufen zu einem problematischen sehr fließend und unauffällig verläuft. Die Grenze zu pathologischem Verhalten ist laut Beratungsstellen dort überschritten, wo Frustkäufe zur Gewohnheit werden und regelmäßig versucht werde, bestehende negative Gefühle durch Einkaufen zu verändern. Betroffene können nicht mehr selbst steuern, ob und wann sie etwas erwerben. Pathologisch wird es auch, wenn gekaufte Dinge originalverpackt im Kasten oder Mistkübel landen und das Einkaufen so viel Zeit in Anspruch nimmt, dass andere Lebensbereiche wie Schule, Beruf oder Beziehungen vernachlässigt werden.
Im Betrieb ansetzen
Birkner-Tröger wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für den Themenkomplex – gezielte Prävention könnte auch auf betrieblicher Ebene stattfinden: „Die Belegschaftsvertretung könnte Weiterbildungen zum Umgang mit Geld anbieten. Auch Tauschbörsen und Repair-Cafés schärfen das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum.“ Im Rahmen einer erweiterten Fürsorgepflicht könnte die Aufklärung über Schuldenfallen und Kaufsucht laut der Expertin sogar als betriebliche Aufgabe gesehen werden: „Junge Erwerbstätige müssen erst lernen, wie wichtig es ist, den Überblick über die eigenen Einnahmen und Ausgaben zu behalten.“
Gerade jungen Arbeitnehmer:innen würden systematische Beratungsangebote helfen, ein höheres Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass „unser Status nicht immer nur über neuwertige Sachen definiert werden muss, sondern nachhaltiges Konsumverhalten ökologisch sinnvoll ist und sozial belohnt wird.“ Im digitalen Zeitalter prasseln besonders viele Reize auf uns ein. Die Begehrlichkeiten nach einem modernen Handy, neuester Mode oder besonderen Accessoires werden auf unzähligen Kanälen geweckt. Die permanente und niederschwellige Verfügbarkeit von Konsumgütern wird schnell zum Problem. Und durch Möglichkeiten der Vorfinanzierung steigt das Risiko, sich mit Ratenzahlungen zu übernehmen. Menschen, die hauptsächlich digital bezahlen, sind laut Expert:innen besonders gefährdet, den Überblick über ihre Ausgaben zu verlieren.
In der Schule ansetzen
Ein weiterer Weg, Kaufsucht und auch Verschuldung gegenzusteuern, führt über die Bildung: Die Arbeiterkammer spricht sich für eine Stärkung der Finanzkompetenz sowie des Bewusstseins für nachhaltigen Konsum in der Schule aus. Das Aufklären junger Menschen wird besonders relevant, wenn man sich die Sachlage zum Thema Verschuldung ansieht. Der 2024 erstellte Jugendmonitor der Arbeiterkammer zeigt, dass die finanzielle Lage für 30 Prozent der 16- bis 29-Jährigen „schwierig“ ist. 21 Prozent haben das eigene Bankkonto überzogen, jede:r Fünfte hat also Schulden bei der Bank. Den signifikanten Zusammenhang zwischen Kaufsucht und der Höhe der Verschuldung bestätigt auch die AK-Studie. 45 Prozent der Personen, die mehr als 5.000 Euro an Schulden haben, gelten auch als kaufsuchtgefährdet.

Finanzbildung und Nachhaltigkeitsbewusstsein stellen deshalb auch für Christian Holzhacker, pädagogischer Bereichsleiter des Vereins Wiener Jugendzentren, wichtige Querschnittsthemen dar. Pro Jahr erzielt der Verein mehr als 520.000 Kontakte mit Jugendlichen, Kernzielgruppe sind 10- bis 19-Jährige, meist Lehrlinge oder Pflichtschulabsolvent:innen. „Wir beobachten massive Formen von Armut. Die meisten der von uns betreuten Jugendlichen haben sehr wenig Geld zur freien Verfügung.“ Dennoch würden sich zahlreiche Gespräche um den Wert und die Verfügbarkeit von Alltagsgegenständen, Statussymbolen oder Kleidung drehen.
Weg vom Materialismus!
Dagegen hilft, wenn Jugendliche ihr eigenes Kaufverhalten unter die Lupe nehmen. Und darauf achten, was Impulskäufe in ihrem Leben für eine Funktion erfüllen bzw. was sie ersetzen sollen. Sind ungesunde Kaufgewohnheiten erst einmal identifiziert, kann man sich österreichweit Hilfe bei den Schuldnerberatungsstellen oder im Osten beim Anton-Proksch-Institut suchen.
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Jugendliche müssten lernen, wie „Identitätsfindung zwischen plakatierten Konsumbedürfnissen, Prestigedenken und den vorhandenen Finanzmitteln stattfinden kann“, meint die AK-Expertin Birkner-Tröger. „Wir brauchen eine breite gesellschaftspolitische Diskussion. Weg vom Materialismus, der sich über das Ankaufen ständig neuer Dinge definiert. Hin zu Nachhaltigkeit und Solidarität, die uns glücklich machen kann.“