Wer heute sagt, was relevant ist

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Es ist bekannt, dass Social Media den Medienkonsum in der Gesellschaft maßgeblich verändert haben und klassische MedienmacherInnen davon durchaus profitieren. Dass dadurch auch Hierarchien aufgeweicht wurden, gefällt vielen jedoch nicht. Ein Kommentar von Nicole Schöndorfer.
Aufgeweichte Hierarchien im Mediensektor sind einerseits eine legitime Sorge. Denn dass heute jegliche Inhalte mit einer potenziell unbegrenzten Reichweite online veröffentlicht werden können, birgt die Gefahr der noch schnelleren und umfassenderen Verbreitung von rechtsextremen Verschwörungstheorien, traumatisierenden Gewaltdarstellungen und folgenschweren Falschinformationen. Sind solche Fake News erst einmal draußen, ist es für JournalistInnen oft nicht einfach, sie rechtzeitig zu korrigieren oder etwaige Manipulation nachzuweisen. Auch deshalb, weil das den sogenannten Backfire-Effekt auslösen kann. Das bedeutet, dass besagte falsche Inhalte sich durch Berichtigung erst recht in den Köpfen der RezipientInnen verfestigen können.

Dass heute jegliche Inhalte mit einer potenziell unbegrenzten Reichweite online veröffentlicht werden können, birgt die Gefahr der noch schnelleren und umfassenderen Verbreitung von rechtsextremen Verschwörungstheorien, traumatisierenden Gewaltdarstellungen und folgenschweren Falschinformationen.

Andererseits spielt im deutschsprachigen Raum – insbesondere in Österreich aufgrund der kleinen und konzentrierten Medienlandschaft – noch ein anderer Grund eine wesentliche Rolle dabei, weshalb klassische MedienmacherInnen ihren seit Jahren schwindenden Gatekeeping-Privilegien so hörbar nachweinen.

Gatekeeper waren als „TorwächterInnen“ oder „SchleusenwärterInnen“ dafür verantwortlich, welche Informationen in welcher Form an die Öffentlichkeit gelangten und welche nicht.
Es war der US-amerikanische Journalist und Medienkritiker Walter Lippman, der den Begriff „Gatekeeper“ für JournalistInnen einst prägte. Demnach waren sie als „TorwächterInnen“ oder „SchleusenwärterInnen“ dafür verantwortlich, welche Informationen in welcher Form an die Öffentlichkeit gelangten und welche nicht. Sie setzten Themen und konnten somit den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbestimmen. Dabei stand in der Nachrichtenforschung immer schon außer Frage, dass bereits die Auswahl der vermeintlich relevanten Nachrichten ein sehr subjektiv gefärbter Vorgang ist und mit Objektivität weniger zu tun hat, als noch heute vielerorts kolportiert wird. Aber zum übersteigerten Distinktionsbedürfnis von JournalistInnen später.

Öffentlichkeit ist Macht

Durch das Aufkommen sozialer Medien und anderer Self-Publishing-Plattformen wie Blogs und audiovisuellen Kanälen, für die es auch immer bessere Finanzierungsmöglichkeiten gibt, wurde diese Gatekeeping-Funktion jedenfalls mehr und mehr außer Kraft gesetzt. Natürlich gibt es sie nach wie vor, aber sie ist kein Alleinstellungsmerkmal von JournalistInnen mehr, was das Einbüßen von Deutungshoheit und somit Macht zur Folge hatte. Denn Öffentlichkeit ist bekanntlich Macht. Das finden viele, die stets von diesen Hierarchien, von dieser klaren Trennlinie zwischen ihren als wichtig geltenden und anderen als weniger wichtig geltenden Stimmen profitiert haben und die Bühne nunmehr teilen müssen, wenig überraschend nicht so toll. Im Gegensatz zu jenen, die bis dahin systematisch ausgeschlossen wurden, weil sie keine Plattform in Form eines Mediums hatten. Das betrifft unter anderem Frauen, schwarze Personen, People of color und die LGBTIQ-Community.

Feministische, herrschafts- und systemkritische Positionen waren nicht mehr länger vom Goodwill klassischer MedienmacherInnen abhängig, sondern konnten mithilfe eigener Plattformen und Netzwerke selbst in Umlauf gebracht werden.

Damit waren feministische, herrschafts- und systemkritische Positionen nicht mehr länger vom Goodwill klassischer MedienmacherInnen abhängig, sondern konnten mithilfe eigener Plattformen und Netzwerke selbst in Umlauf gebracht werden. Dass so auch potenziell jenen Platz weggenommen werden konnte, die das an sich ausschließende System nicht infrage stellen, ist ein willkommener Nebeneffekt. Jenen, die anders als die „Neuen“ auf der Bühne keine Bedrohung für den Erhalt bestehender Machtverhältnisse sind, da sie durch sie ihre eigene Vormachtstellung festigen.

Alternative MedienmacherInnen werden diskreditiert

Dementsprechend wehren sie sich und versuchen, alternative MedienmacherInnen auf unterschiedliche Arten zu diskreditieren. Entweder werden ihre Positionen mit Ignoranz abgestraft oder es wird ihnen ihre Objektivität abgesprochen, auf die sie allerdings niemals einen Anspruch gestellt hatten. Mit diesem Objektivitätsanspruch soll wohl traditioneller Journalismus erhöht werden, obwohl er – wie oben geschrieben – nur eine Illusion sein kann.

Das Video von Rezo wurde bisher über 14 Mio. Mal angesehen – eine Reichweite, von der sich JournalistInnen zu Recht bedroht fühlen.
Gut erkennen ließ sich diese zwanghafte Abgrenzung kürzlich in der Debatte um ein Anti-CDU-Videostatement des deutschen Youtubers Rezo im Vorfeld der EU-Wahl. Rezo hatte sich nie als Journalist oder als dem Journalismus in irgendeiner Weise verpflichtet bezeichnet, was JournalistInnen jedoch nicht davon abhielt, ihm deshalb das Recht, sich kritisch zu rechtskonservativer Politik zu äußern, abzusprechen. Das Video wurde bis jetzt über 14 Millionen Mal angesehen. Das Wahlergebnis der CDU war schlecht. Zufall? Schwer zu sagen. Jedenfalls haben alternative MedienmacherInnen wie Rezo eine Reichweite und damit eine Macht, von der sich JournalistInnen vielleicht sogar zu Recht bedroht fühlen. Der „SPIEGEL“ reagierte angemessen und, na ja, marketingtechnisch schlau auf die Causa. Er packte Rezo und einige seiner KollegInnen direkt auf das Cover.

Die Bühne teilen

Jedenfalls gibt es neben der Herabsetzung von „KonkurrentInnen“ eben auch den Weg, anzuerkennen, dass es nicht mehr nur JournalistInnen im klassischen Sinne sind, die etwas zu sagen haben bzw. die etwas sagen dürfen und damit den öffentlichen Diskurs prägen. Die Gatekeeping-Funktion ist zu schwammig geworden, um sich weiter an ihr und den mit ihr einhergehenden Privilegien festzukrallen. Das bedeutet unweigerlich ein Teilen der Bühne, eine nicht nur symbolische teilweise Aufgabe des eigenen prominenten Platzes und der damit verbundenen Deutungshoheit. Wer sich dagegen weiterhin sträubt, darf sich nicht wundern, wenn er/sie irgendwann von RezipientInnen im Regen stehen gelassen wird.

Über den/die AutorIn

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer ist 1990 in Oberösterreich geboren und lebt seit neun Jahren in Wien. Sie hat Publizistik, Anglistik und Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für verschiedene Medien.