Gegeneinander geht jetzt nichts

Systemrelevant: Supermarkt
Illustrationen (C) Adobe Stock
Zwischen Verzweiflung und Erleichterung darüber, überhaupt noch einen Job zu haben, zwischen kollegialem Zusammenhalt und privater Selbstisolation. Angestellte in Supermärkten sind überarbeitet und unterbezahlt – und dem Corona-Virus massiv ausgesetzt. Wie sieht ihr Alltag während der Krise aus? Eine Mitarbeiterin aus Oberösterreich hat erzählt. Nicole Schöndorfer hat mitgeschrieben.
Um 5 Uhr stehe ich auf, um 6 Uhr bin ich im Geschäft. Als Erstes muss ich Obst und Gemüse einräumen. Das muss schnell gehen, denn sobald die Tür aufgeht, schießen alle zum Obst und Gemüse hin. Die Kund*innen wollen frische Ware. Dann muss ich das Personal koordinieren für den Bereich, den ich leite. Von den zwanzig Mitarbeiter*innen im Geschäft bin ich für 15 verantwortlich. Ich muss schauen, dass ihre Arbeit verteilt ist und dass alles läuft. Ich muss mich um den Einsatzplan kümmern, und wenn der Chef anruft, muss ich ihm berichten, was los ist und was zu tun ist. Normalerweise arbeite ich offiziell sechs Stunden pro Tag, 35 Stunden pro Woche, aufgeteilt auf sechs Tage.

Seit Corona ist mein Tag körperlich und psychisch viel anstrengender geworden. 

Seit Corona ist mein Tag körperlich und psychisch viel anstrengender geworden. Ich muss ständig alles neu koordinieren und Waren nachbestellen. Ich renne von der Früh bis am Abend. Ich gebe keine 100-prozentige, sondern eine 120-prozentige Leistung. Dann sind da noch die Kund*innen, die zum Teil sehr unangenehm sind. Manche kommen uns so nahe, dass es arg ist. Als es noch keine Maskenpflicht gab, hat mir einmal eine alte Frau ins Gesicht gehustet. Darauf angesprochen, fragte sie nur lästig, was denn mein Problem sei. Es ist für alle ganz selbstverständlich, dass wir in dieser Zeit arbeiten, dass wir funktionieren, dass alles da ist im Geschäft. Es ist ein Wahnsinn. Gerade am Wochenende nach dem 1. Mai haben wir so viel Umsatz gemacht, da geht natürlich auch die Ware aus. Und dann beschweren sich viele. Mehr als arbeiten können wir nicht. Langsam pfeift das gesamte Personal aus dem letzten Loch.

Überstunden ohne Erholung

Dazu kommt die Frustration über die ungleichen Verhältnisse. Wir sehen, dass so viele Leute in Kurzarbeit sind und dabei fast normal verdienen, während wir aber 120 Prozent arbeiten und dafür keinen Cent mehr bekommen. Wir hackeln und hackeln, während sich andere schöne Tage zu Hause machen. Was ich ihnen auch gönne! Aber wir bräuchten auch dringend Ruhe und Erholung. Es gibt im Geschäft keine Securitys, auch weil wir eine selbstständig geführte Filiale sind (Franchise-Geber ist ein großer österreichischer Konzern, Anm.).

Es wundert mich, dass sich im Handel noch nicht so viele Leute angesteckt haben, wenn ich mir diese Zustände so anschaue. 

Wir müssen die Einkaufswagen also selbst desinfizieren, schauen, dass die Kund*innen die Masken tragen, wir haben gar keine Hilfe. Wenn viel los ist im Geschäft, wird auch kein Abstand eingehalten. Manchmal kommen wir überhaupt nicht mehr durch die Gänge, so eng ist es. Es wundert mich, dass sich im Handel noch nicht so viele Leute angesteckt haben, wenn ich mir diese Zustände so anschaue. Ich weiß nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist. Ich gehe davon aus, dass eine zweite Welle kommen wird.

Das Virus im Hintergrund

Mittlerweile denke ich gar nicht mehr daran, dass ich mich anstecken könnte, weil ich so viel zu tun habe. Ich habe so viel im Kopf und muss so viel arbeiten, dass ich vergesse, was eigentlich los ist. Momentan habe ich einen 8-Stunden-Tag im Geschäft und zu Hause bin ich bis am Abend mit Telefonieren beschäftigt. Ich muss das Personal koordinieren, die veränderten politischen Regelungen besprechen, Dienstpläne umändern.

Momentan habe ich einen 8-Stunden-Tag im Geschäft und zu Hause bin ich bis am Abend mit Telefonieren beschäftigt.

Die Öffnungszeiten haben sich auch mehrmals geändert. Ich muss Krankenstände einplanen und dann wieder alles neu koordinieren. Gerade am Anfang war das ein Horror. In den ersten Wochen haben wir jeden Tag um 5 Uhr angefangen, damit wir überhaupt die Regale noch auffüllen können bis zum Aufsperren. Ich war und bin echt am Limit.

Die Maske, eine Last

Die Maskenpflicht ist auch belastend. Den ganzen Tag muss ich in ein Stück Stoff schnaufen, während ich die Lieferungen annehme, Getränke schleppe oder für Kund*innen etwas hole – im Laufschritt natürlich, weil sie haben es ja eilig. Ich habe die Maske zwischendurch immer wieder abgenommen, einmal auch vor zwei Polizisten, als ich an der Kassa gesessen bin, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Und der Sommer kommt erst. Sobald ich im Lager bin, wo mich niemand sieht, reiße ich mir das Ding herunter. Gewöhnen werde ich mich daran nie.

Die Maskenpflicht ist auch belastend. Den ganzen Tag muss ich in ein Stück Stoff schnaufen, während ich die Lieferungen annehme, Getränke schleppe oder für Kund*innen etwas hole – im Laufschritt natürlich, weil sie haben es ja eilig. 

Überstunden abzubauen ist unmöglich. Vor allem im Mai und Juni mit all den Feiertagen. Bald steht die Sommerzeit vor der Tür, die große Urlaubszeit. Ich müsste meine Stunden noch vorm Sommer abbauen, weil dann wieder Überstunden aufgebaut werden. Es sind meistens vier Leute auf einmal auf Urlaub im Sommer, da müssen die anderen umso mehr arbeiten. Der Chef macht zum Glück keinen Druck. Wegen der Ansteckungsgefahr hat er uns eine Weile nicht besucht, deshalb haben eine Kollegin und ich das Geschäft allein geführt. Aber er motiviert alle.

Gewerkschaft auf die Barrikaden

Niemand sieht von außen, was die Angestellten im Handel gerade leisten müssen, damit die Supermärkte so selbstverständlich laufen, wie es die Leute wünschen. Wie viele Waren wir angreifen müssen, wie viel Gewicht wir tragen müssen. Es ist körperliche Arbeit. Für einen Hungerlohn. Die Leute müssten spätestens jetzt munter werden, und unsere Gewerkschaft muss auf die Barrikaden gehen. Wir brauchen endlich mehr Geld.

Es ist körperliche Arbeit. Für einen Hungerlohn. Die Leute müssten spätestens jetzt munter werden, und unsere Gewerkschaft muss auf die Barrikaden gehen.

Ich bin so kaputt, dass ich jeden Tag um 20 Uhr ins Bett gehe. Mein Mann hat gar nichts von mir momentan. Freizeit habe ich kaum. Wann denn? Wenn ich nach Hause komme, muss ich schauen, dass ich runterkomme. Dann esse ich noch etwas und lege mich hin. Ich habe nicht viel vom Leben momentan. Viele sagen ja, dass sie jetzt Zeit haben zu entschleunigen. Bei mir ist es das Gegenteil.

Stress bis in den Schlaf

Ich mache den Job seit 24 Jahren. Die Arbeit geht auf die Wirbelsäule. Der Großteil der Mitarbeiter*innen jammert. Gerade gibt es aber ja auch keine Physiotherapeut*innen oder Masseur*innen. Mein Mann hat mir schon Muskelentspannungs- und Schmerzmedikamente aus der Apotheke geholt, ohne die ich gar nicht schlafen könnte. Am Anfang hatte ich Beruhigungstropfen, damit ich wenigstens ein paar Stunden zur Ruhe komme. Der Stress arbeitet ja auch in der Nacht. Was muss ich morgen machen? Was kommt auf mich zu?

Der Stress arbeitet ja auch in der Nacht. Was muss ich morgen machen? Was kommt auf mich zu?

 

Die Lage ist beschissen. Wir verzweifeln teilweise wirklich. Aber wir müssen funktionieren. Wenigstens haben wir überhaupt noch Arbeit. Wir haben uns mittlerweile einige Rituale ausgedacht, die unser Gemeinschaftsgefühl stärken. Weil gegeneinander geht jetzt nichts!

Unterzeichnen!

Petition für den Corona-Tausender

Über den/die AutorIn

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer ist 1990 in Oberösterreich geboren und lebt seit neun Jahren in Wien. Sie hat Publizistik, Anglistik und Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für verschiedene Medien.