Freiheit, die sie meinen (3)

Die Gesichte des Neoliberalismus Teil 03
Von links nach rechts: Alexander Rüstow, der den Begriff „Neoliberalismus“ prägte, der chilenische Diktator Augusto Pinochet und Milton Friedman, dessen Schüler Pinochet beraten haben.
Fotos (C) Wikimedia Commons / Adobe Stock / Montage
Ein starker Staat für den freien Markt: von den ersten Experimentierfeldern in der Zwischenkriegszeit in Portugal und Österreich über den Putsch in Chile bis zur „sozialen Marktwirtschaft“ in Deutschland. Teil 3 der Geschichte des Neoliberalismus.
Die gängige Formel lautet „Mehr privat, weniger Staat“, um die Ziele neoliberaler Politik zu beschreiben. Während Neoliberale dem Sozialstaat eine Schlankheitskur verpassen möchten, befürworten sie aber in der Regel, wenn Regierungen um Milliarden Steuermittel Sicherheits- und Kontrollapparate aufrüsten – manchmal sogar auf Kosten der Demokratie. Wie passt das mit dem Anspruch zusammen, die Handlungsfreiheit der BürgerInnen vor der Entmündigung durch die Staatsmacht zu bewahren? Andere neoliberale Propheten (wenn auch eine Minderheit) unterstützten sogar den Aufbau eines Wohlfahrtsstaats. Wie passt das mit dem Anspruch zusammen, der Staat habe die Freiheit des Marktes zu schützen? Hier werden einige Antworten auf diese Fragen versucht.

Freiheit vor Demokratie – Freiheit vor Gerechtigkeit

Die Liberalen im Europa des 19. Jahrhunderts sahen in der Regel ein Mindestmaß an politischer Freiheit als Voraussetzung für wirtschaftliche Freiheit. Die „neuen Liberalen“ des 20. und 21. Jahrhunderts drehen den Spieß um. Für sie gilt der von ihrem Ideologen Milton Friedman formulierte Grundsatz: „Wirtschaftliche Freiheit ist eine Voraussetzung für politische Freiheit.“ Liberalismus und Demokratie seien „zwar miteinander vereinbar, jedoch nicht identisch“, schrieb Friedrich August Hayek als einer der frühen neoliberalen Propheten 1969 in seinen „Grundsätzen einer liberalen Gesellschaftsordnung“. Das sei am besten zu erkennen, „wenn man das jeweilige Gegenteil betrachtet: das Gegenteil von Liberalismus ist Totalitarismus, das Gegenteil von Demokratie aber Autoritarismus. Demnach ist es zumindest grundsätzlich möglich, dass eine demokratische Regierung totalitär ist und dass eine autoritäre Regierung nach liberalen Grundsätzen handelt“.

  • Die „Marianne“, die Symbolfigur der französischen Revolution, mit der revolutionären Jakobinermütze und den Symbolen der abgeschafften Monarchie. Die Menschen sind von den Fesseln der feudalen Ordnung befreit. (Bildnachweis: akg-images)

Ganz in den Hintergrund zu treten hat die Demokratie, wenn es darum geht, die Feinde der Marktfreiheit auszubooten – alles „Sozialistische“ von den Gewerkschaften über den demokratischen Sozialstaat bis zu linken Bewegungen.

Ganz in den Hintergrund zu treten hat die Demokratie, wenn es darum geht, die Feinde der Marktfreiheit auszubooten – alles „Sozialistische“ von den Gewerkschaften über den demokratischen Sozialstaat bis zu linken Bewegungen.

Ludwig Mises, der Neoliberale der ersten Stunde, erklärte schon 1927, der italienische Faschismus habe „für den Augenblick die europäische Gesittung (vor dem Sozialismus) gerettet“, und fungierte wie Hayek als Berater des austrofaschistischen Regimes. Sowjetischer Stalinismus und Nationalsozialismus stießen zwar auf keine Gegenliebe, aber in den 1960er-Jahren flammte die neoliberale Zuneigung zu Diktatoren wieder auf. 1962 übermittelte Hayek dem faschistischen portugiesischen Machthaber António de Oliveira Salazar ein Exemplar seiner „Verfassung der Freiheit“ als Unterstützung für dessen „Bemühen um das Gestalten einer Verfassung, die gegen den mehrfachen Missbrauch der Demokratie immun ist“. Die Kontakte zu den rechten lateinamerikanischen Diktaturen waren generell gut, besondere internationale Aufmerksamkeit erregte aber die positive Bewertung der Terror-Diktatur des Putsch-Generals Augusto Pinochet in Chile durch Hayek und Friedman. Milton Friedman, der in Chicago einen Teil der Pinochet-Berater ausgebildet hatte, bezeichnete deren Politik der fast vollständigen Marktliberalisierung und Privatisierung als „das Wunder von Chile“.

  • Die Achse der rechten „Autoritären“ in Rom im März 1934: Italiens faschistischer Regierungschef Benito Mussolini (Mitte), Ungarns Ministerpräsiden Gyula Gömbös und Engelbert Dollfuß, der erste Diktaturkanzler des Austrofaschismus. Ein gemeinsames Ziel: Das Zerschlagen oder Gleichschalten aller Parteien und Interessenorganisationen der ArbeiterInnenbewegung. (Bildnachweis: wikimedia commons)

Um die Demokratie gegen ihren „mehrfachen Missbrauch“ zu immunisieren, das heißt, den Bedürfnissen der Marktfreiheit anzupassen, kommt auch sie selbst als Staatsform nicht ungeschoren davon. Zwar werden ihre Organe formal nicht angetastet, aber seitdem der US-amerikanische Journalist und Diplomat Walter Lippmann 1922 die eigentliche Regierungsgewalt zu nicht gewählten Expert*innenteams verschieben wollte, wurden weitere Konzepte entwickelt, um zu verhindern, dass zu viel „Recht vom Volk ausgeht“. Hayek nannte die Verteidigung des demokratischen Wahlrechts und von Mehrheitsentscheidungen zynisch „Demokratismus“ und sprach den gewählten Parlamenten letzten Endes das Gesetzgebungsrecht ab: „Das Prinzip des Rechtsstaates ist … gleichbedeutend mit einer Einschränkung des Bereiches der Gesetzgebung.“

Die Vertreter*innen der „Neuen politischen Ökonomie“ oder „Public Choice-Schule“, deren Zentrum die Universität von Virginia ist, ziehen aus den Vorgaben von Ludwig Mises, Lippmann, Hayek, Friedman & Co den Schluss: Die Politik ist nichts anderes als ein spezifischer Markt, politische Programme dienen ausschließlich dem Gewinnen von Wähler*innenstimmen, darüber hinaus ist ihr Inhalt egal. Und je weniger Mehrheitsentscheidungen, desto besser.

Während der letzten Jahrzehnte wurden auch in Österreich Kernbereiche der Demokratie zunehmend im Sinn neoliberaler Ziele infrage gestellt. Dies gilt zum Beispiel für die Gesetzgebungsrechte des Parlaments, die man während des Corona-Shutdowns unbekümmert ignoriert hat. Und das gilt auch für die Abwertung von Politik.

Während der letzten Jahrzehnte wurden auch in Österreich Kernbereiche der Demokratie zunehmend im Sinn neoliberaler Ziele infrage gestellt. Dies gilt zum Beispiel für die Gesetzgebungsrechte des Parlaments, die man während des Corona-Shutdowns unbekümmert ignoriert hat. Und das gilt auch für die Abwertung von Politik.

Die ersten Experimentierfelder: Portugal und Österreich

Die Kontakte zur portugiesischen Diktatur bestanden zweifellos schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Der neoliberale Wirtschaftsprofessor Salazar errichtete sein Regime 1932 kurz vor dem Beginn der austrofaschistischen Diktatur und galt dieser in vieler Hinsicht als Vorbild, sowohl was die Zerschlagung der Arbeiter*innenbewegung betrifft als auch hinsichtlich der Budget- und Wirtschaftspolitik. Schon vor der Beseitigung der Demokratie hatten die rechts-konservativen österreichischen Regierungen und ihr portugiesisches Gegenstück auf beinharte Sparpolitik und die Förderung der „Marktkräfte“ gesetzt. Die Folgen in beiden Ländern: anhaltende Arbeitslosigkeit und zunehmende soziale Schieflage.

Schon vor der Beseitigung der Demokratie hatten die rechts-konservativen österreichischen Regierungen und ihr portugiesisches Gegenstück auf beinharte Sparpolitik und die Förderung der „Marktkräfte“ gesetzt. Die Folgen in beiden Ländern: anhaltende Arbeitslosigkeit und zunehmende soziale Schieflage.

In Portugal wurde die Diktatur unter Salazar-Nachfolger Marcelo Caetano erst 1974 durch die „Nelkenrevolution“ beseitigt, bis dahin galt das Land als das „Armenhaus Europas“. In Österreich endete das neoliberale Experiment 1938 mit der Übernahme der Macht durch den deutschen Nationalsozialismus.

  • Erschießung eines Zivilisten in Moçambique. Portugal führte ab 1964 einen blutigen Krieg gegen die Befreiungsbewegungen in seinen afrikanischen Kolonien. Aussichtslosigkeit und Kosten des Gemetzels veranlassten führende Militärs zum Putsch gegen die Diktatur. 1975 erhielten Angola und Moçambique ihre Unabhängigkeit. (Bildnachweis: Keystone)

Mises, Hayek und andere Wirtschaftsexperten der „österreichischen Schule der Nationalökonomie“ befürworteten die Budget-, Finanz- und Wirtschaftspolitik der rechts-konservativen Regierungen ab 1922. Sie kamen aus dem gehobenen Bürgertum der Habsburgermonarchie, und etliche unter ihnen, darunter Mises und Hayek, führten einen Adelstitel. Die 1918 gegründete demokratische Republik nahm ihnen mit dem Verbot dieses Titels ihre soziale Sonderstellung. Sie fühlten sich herabgesetzt und wünschten die Republik samt ihrem „sozialen Schutt“ zum Teufel. Obwohl auch andere Möglichkeiten bestanden hätten, bestärkte Mises Bundeskanzler Ignaz Seipel darin, die Bedingungen internationaler Kreditgeber für eine Völkerbundanleihe anzunehmen.

Sie liefen auf ein Nulldefizit mit harter Währung, Steuerpolitik für Großunternehmen und das Finanzkapital und Sozialabbau hinaus. Ein Kontrollor überwachte, ob die Zusagen eingehalten wurden, das Parlament und damit die Opposition waren auf diesem Weg kaltgestellt.

  • „Cispleithanien – Der Weg zum Staatsbankrott ist mit Banknoten gepflastert.“ Mit Anspielung auf die Bezeichnung „Cisleithanien“ für die westliche Hälfte der Habsburgermonarchie, verwiest die Karikatur 1919 darauf, dass das marode Staatsbudget der Republik ein Erbe der Kriegspolitik war. Gleichzeitig richtet sich die Kritik gegen die inflationäre Geldentwertung als alleinige Ursache für die Staatspleite. (Bildnachweis: Die Muskete, 5. 6. 1919, S. 80 - ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)

Auch als es ab 1929 darum ging, gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise anzukämpfen, hieß das Motto: Der Staat muss sparen. Auf Empfehlung von Mises & Co wurden Unternehmenssteuern gesenkt und Massensteuern erhöht, Arbeitslosenunterstützung und Krankengeld gekürzt und Arbeitslose zur „Selbsthilfe“ durch Bewirtschaftung stillgelegter Bauernhöfe gezwungen. Damit sollten, so der Ökonom Oskar Morgenstern, „verfehlte Anspruchshaltungen“ innerhalb der Gesellschaft gebremst und die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums „nach den tatsächlichen Anteilen, die sich durch die Marktlage ermitteln lassen“, erreicht werden.

Noch vor dem Pariser Initialtreffen der „neuen Liberalen“ 1938 organisierte das „Österreichische Institut für Konjunkturforschung“ 1936 ein Treffen gleichgesinnter Ökonomen in Wien. Ludwig Mises sitzt, mit Zigarre und Stecktuch, in der Mitte, den Vorsitz führt Oskar Morgenstern (am erhöhten Pult neben der Protokollantin), hinter dem Teilnehmer mit den starken Brillen sitzt Jan Tinbergen, der erste Träger des sogenannten Wirtschaftsnobelpreises. / Bildnachweis: Archiv des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO)

Aus Sicht der Neoliberalen und der gesellschaftlichen Eliten fielen die ersten Praxistests des „neuen Liberalismus in den 1920er- und 1930er-Jahren zufriedenstellend aus. Für die große Mehrheit der betroffenen Bevölkerung und für die Demokratie erwies sich das Ergebnis allerdings als katastrophal.

Aus Sicht der Neoliberalen und der gesellschaftlichen Eliten fielen die ersten Praxistests des „neuen Liberalismus in den 1920er- und 1930er-Jahren zufriedenstellend aus. Für die große Mehrheit der betroffenen Bevölkerung und für die Demokratie erwies sich das Ergebnis allerdings als katastrophal.

Das zweite Experimentierfeld: Chile

1973 bot sich wieder die Gelegenheit für einen Praxistest, aus Sicht des Neoliberalismus sogar unter idealen Bedingungen, ohne den störenden „Kollektivismus“ und organisierte Massenbewegungen, wie sie für den Faschismus doch auch kennzeichnend gewesen waren. Am 11. September dieses Jahres stürzten putschende Militärs, angeführt von General Pinochet und mit massiver Unterstützung der US-Geheimdienste, den demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende und seine linke Koalition „Unidad Popular“. Der Präsidentenpalast wurde bombardiert, der Präsident beging Selbstmord, Anhänger*innen und Sympathisant*innen der „Unidad Popular“ wurden verschleppt, gefoltert und ermordet. Einige entkamen ins Ausland, und auch Österreich nahm verfolgte Chilen*innen auf.

  • Salvador Allende 1970 mit Minenarbeitern. Der Kupferbergbau ist bis heute Chiles wichtigster Wirtschaftszweig. (Bildnachweis: Conclusion)

Hinter dem Putsch der Militärs steckten die Interessen einheimischer Großgrundbesitzer und Unternehmergruppen, vor allem aber US-amerikanischer Bank- und Mineneigentümer. Die Allende-Regierung hatte ein Umverteilungsprogramm zugunsten der großen Bevölkerungsmehrheit in die Wege geleitet und die Kupferminen verstaatlicht. Der Gewinn aus dem Kupferexport floss bis 1970 fast vollständig ins Ausland ab, die eigene Volkswirtschaft hatte das Nachsehen. Unter dem Schutzschild der Diktatur starteten die von Friedman, Hayek und anderen neoliberalen Professoren ausgebildeten „Chicago Boys“ als Wirtschafts- und Finanzberater ihr „Liberalisierungsprogramm“. Unterstützung erhielten sie durch ihre ehemaligen Lehrer Hayek und Friedman, die den Weg zur Marktfreiheit in Gesprächen mit dem Diktator und auf Vortragsreisen propagierten.

  • In seiner TV-Serie „Free To Choose“, die erstmals 1980 ausgestrahlt wurde, präsentierte Friedman stolz ein Foto, das ihn als Professor mit einigen der „Chicago Boys“ als seine Studenten zeigt. (Bildnachweis: Free To Choose Network)

Die „Chicago Boys“ privatisierten (fast) alles, was irgendwie „marktfähig“ war, von der Autobahn bis zu Krankenhäusern, Gefängnissen und Grundschulen und natürlich die Kupferminen – mit einer Ausnahme: Die größte Kupfermine blieb in Staatsbesitz, hier hatte die Liebe des Diktators zum „freien Markt“ ihre Grenzen. Auch nach dem Ende der Pinochet-Diktatur 1990 blieb der Neoliberalismus politikbestimmend, denn er erwies sich auf den ersten Blick als Erfolgsrezept: Die Arbeitslosenrate ist im Vergleich niedrig, die Inflationsrate ebenfalls und chilenische Staatsanleihen sind gut bewerte. Der Lebensstandard stieg vor allem nach 2010 merkbar. Doch hinter der schönen Fassade bröckelt das neoliberale Vorzeigemodell. Chile ist eines der Länder mit der größten Ungleichheit und meilenweit von einem „guten Leben für alle“ entfernt.
Isabel Allende, Schriftstellerin und Nichte des 1973 gestürzten Präsidenten, schilderte im Jänner 2020 angesichts der Proteste von Millionen gegen die politische und wirtschaftliche Elite das Bild hinter der Fassade: „Die Menschen haben … das neoliberale Modell (satt) … 40 Prozent können die Grundversorgung nicht bezahlen. Sogar Wasser wurde privatisiert. Einige Geschäftsleute (wie der Präsident), Politiker, Unternehmen und die privilegierte Klasse der Ultra-Reichen profitieren schamlos seit der Zeit von Pinochet.“

Personen, die qua Amt oder – wie vor allem in der Wirtschaft – qua Eigentum in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen. Der zentrale Maßstab für die Zugehörigkeit zu einer Elite ist daher die Macht, über die eine Person verfügt.

Isabel Allende über Chile, 2020

  • In Chile konzentriert das eine Prozent der reichsten Bevölkerung 30,5 Prozent des Gesamteinkommens des Landes auf sich, einschließlich der Kapitalertragssteuer (Daten von 2017). (Bildnachweis: celag.org)

Der neoliberale Wohlfahrtsstaat

Wie in allen großen Religionen und Weltanschauungen bildeten sich innerhalb der neoliberalen Ideologie unterschiedliche „Konfessionen“ heraus. Eine davon ist der Kreis um Karl Popper, ein anderer der „Ordoliberalismus“, der vor allem von deutschen Ökonomen propagiert wurde und dem Staat ein stärkeres Gewicht bei der Sicherung der Marktfreiheit zuweist als etwa die „Marktfundamentalisten“ Hayek und Friedman.

Alexander Rüstow, der 1938 in Paris den Begriff „Neoliberalismus“ prägte und nach 1945 in Heidelberg lehrte, war einer der Sprecher der Ordoliberalen. Er und Wilhelm Röpke, Wirtschaftsprofessor in Genf, sowie die neoliberalen Wirtschaftswissenschafter der „Frankfurter Schule“ um Walter Eucken, außerdem der Kölner Professor und Politiker der CDU, der „Christlich Demokratischen Union“, Walter Müller-Armack gelten als die geistigen Väter der „sozialen Marktwirtschaft“ in Deutschland. Sie orteten einen Bereich am Rand oder jenseits des Marktes, wo moralische Werte das Organisationsprinzip bilden, während auf dem freien Markt das uneingeschränkte Wettbewerbsprinzip zu gelten hat. Aus ihrer Sicht ist der Staat nicht Diener des Marktes, sondern hat über den Interessen zu stehen. Er sollte dabei stark genug sein, um eingreifen zu können, wo das grundsätzlich vorzuziehende Prinzip der Selbstorganisation versagt.

Müller-Armack beschrieb die „soziale Marktwirtschaft“ 1976 als ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Leitbild mit dem Ziel, „auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die wirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden“.

Ihre Befürworter*innen sehen in der „sozialen Marktwirtschaft“ ein Leitbild mit dem Ziel, „auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die wirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden“.

  • Der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Alexander Rüstow (1885 – 1963) war als Universitätsprofessor, Vorsitzender der „Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft“ und der „Aktionsgemeinschaft für soziale Marktwirtschaft“ einer der einflussreichsten Politikberater im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik Deutschland. (Bildnachweis: Hellmut HC Rüstow (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Common)

Selbst das Eingreifen in die Marktfreiheit durch Verteilungspolitik ist in der „sozialen Marktwirtschaft“ vorgesehen. Allerdings, so erklärt es eine Broschüre der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung, darf das nur der zweite Schritt sein. Erst wenn die Verteilung am freien Markt so schlecht funktioniert, dass die Menschen die Einkommensunterschiede als ungerecht empfinden und es deshalb zur Radikalisierung kommen könnte, ist das Eingreifen des Staates angebracht. Der französische Wirtschaftswissenschafter Michel Albert bezeichnete dieses aus dem Ordoliberalismus entwickelte Leitbild 1991 treffend als „Rheinischen Kapitalismus“.

  • Konrad Adenauer, Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland, und sein Wirtschaftsminister Ludwig Erhard im Gespräch. Sie formten den „Rheinischen Kapitalismus“ als eine sozial verträglichere Form der Marktfreiheit. Die Bezeichnung spielt auf den Sitz der westdeutschen Regierung in Bonn im Rheinland an. (Bildnachweis: picture alliance/ dpa/dpa)

Der westdeutsche Wirtschaftspolitiker Ludwig Erhard, der als „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ gilt, setzte nach 1945 zunächst auf vollständigen Marktliberalismus ohne Preisbindung für wichtige Güter – die Auslagen waren voll, aber fast niemand konnte sich das Angebotene leisten. Der Schwenk zur „sozialen Marktwirtschaft“, der den Aufschwung erst ermöglichte, geschah unter dem Druck der Siegermächte USA und Großbritannien und eines vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Generalstreiks. Aber das Ziel der Beseitigung oder zumindest Einschränkung des „Arbeitsmarktmonopols der Gewerkschaften“, das alle Spielarten des Neoliberalismus verbindet, blieb unverändert. Deutlich war dies schon 1952 angesichts der Niederlage des DGB bei den Verhandlungen um das deutsche Betriebsverfassungsgesetz zu erkennen.

  • Generalstreik des DGB gegen neoliberale Marktwirtschaft 1948, Demonstration in Nürnberg. (Bildnachweis: Stadtarchiv Fürth)

Vielfach wird die „soziale Marktwirtschaft“ mit dem Sozialstaat gleichgesetzt. Die beiden Wege zum Wohlfahrtsstaat unterscheiden sich aber grundsätzlich. Hauptziel der „sozialen Marktwirtschaft“ ist es, die Marktfreiheit durch sozialen Ausgleich zu stärken. Hauptziel des Sozialstaats ist es, ein „gutes Leben für alle“ zu erreichen, nicht nur durch Wohlstand, sondern auch durch mehr demokratische Mitbestimmung.

Hauptziel der „sozialen Marktwirtschaft“ ist es, die Marktfreiheit durch sozialen Ausgleich zu stärken. Hauptziel des Sozialstaats ist es, ein „gutes Leben für alle“ zu erreichen, nicht nur durch Wohlstand, sondern auch durch mehr demokratische Mitbestimmung.

In Österreich haben die Versuche, den Begriff „Sozialstaat“ durch den Begriff „soziale Marktwirtschaft“ zu ersetzen und damit auch das Leitbild zu verändern, nie gegriffen. 2017 ergab eine Umfrage, dass mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung den Begriff gar nicht kannten oder mit ihm nichts anzufangen wussten. Die politischen Auseinandersetzungen seit der neoliberalen Wende in den 1980er-Jahren spielen sich in Österreich nach wie vor zwischen einem populistisch agierenden Turbokapitalismus und der Verteidigung des Sozialstaats ab.
Links: Im deutschen Bundestagswahlkampf 1957 warben die Christdemokraten mit diesem Plakat um Wähler*innenstimmen. Das Ziel der „sozialen Marktwirtschaft“ ist Wohlstand, nicht mehr Gerechtigkeit oder Fairness. (Bildnachweis: Haus der deutschen Geschichte)

Rechts: Beim ersten „Europäischen Sozialforum“ in Florenz war 2002 auch eine österreichische Gewerkschaftsdelegation dabei. Auf dem Transparent steht das Motto: „Eine andere Welt ist möglich.“ Ein „gutes Leben für alle“, nicht „Wohlstand für alle“ ist das Ziel. (Bildnachweis: Detlev von Larcher)

Teil 1: Ludwig Mises, Friedrich August Hayek, Walter Lippmann und die neue Religion des Kapitalismus.

Teil 2: Friedrich August Hayek, Karl Popper, Milton Friedman und der Staat als Diener des Marktes.

Teil 4: Die Eroberung der akademischen Welt, die Gründung von Think-Tanks und die Prägung eines neuen Zeitgeits.

Teil 5: Thatcher, Reagan und der der Anfang des neoliberalen Zeitalters.

Über den/die AutorIn

Brigitte Pellar

Brigitte Pellar

Brigitte Pellar ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschichte der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretungen und war bis 2007 Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der AK Wien.