Wohin des Weges, Kapitalismus?

Illustration
Illustrationen (C) Adobe Stock
Die Natur „erholt“ sich, das Konsumverhalten hat sich verändert, Arbeitnehmer*innen und Frauen hinterfragen ihre Rolle im Produktionsprozess. Vieles von dem, was die Corona-Krise ausgelöst hat, lädt zur Vorstellung einer anderen Gesellschaft ein.
Es wäre noch viel zu früh, abschließende Lehren aus den letzten Monaten zu ziehen. Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Krisen – Plural – sind noch nicht vorbei und werden es auch noch länger nicht sein. Viele Krisen haben sich mit der Verbreitung des Virus verschärft, neue haben sich aufgetan oder waren bis dahin bloß weniger sichtbar. Der Prozess der Aufarbeitung steht noch aus, nach wie vor ist die Eindämmung im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion.

Nichtsdestotrotz wurde mit Beginn der Lockdown-Phase viel über das Thema Nachhaltigkeit gesprochen – über ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit. Nicht nur im akademischen Elfenbeinturm, sondern auch dort, wo ihr Fehlen sich schnell als dringliches Problem herausstellte: bei Arbeitnehmer*innen in systemrelevanten Branchen, in der Gesundheitsversorgung, bei alten Menschen, bei (alleinerziehenden) Müttern, pflegenden Frauen und deren Familien, bei gesellschaftlich marginalisierten Gruppen. Dadurch, dass sich die Natur innerhalb kurzer Zeit „erholte“, indem beispielsweise die CO2-Belastung sank, Gewässer aufklarten und sogar Wildtiere zurück in Gebiete drangen, aus denen sie zuvor vertrieben worden waren, hat sich gezeigt, welche Potenziale mit einer raschen Regeneration in punkto Klimaschutz möglich sind.

Die Grenzen des Kapitalismus

Insbesondere in sozialen und linken Medien wurde verstärkt darüber diskutiert, wie die Globalisierung die Verbreitung des Corona-Virus beschleunigen konnte, und endlich wieder laut darüber nachgedacht, ob und wann der Kapitalismus an seine Grenzen stößt und welche alternativen Gesellschaftssysteme es gäbe. Die Beiträge und Ideen variieren dabei natürlich in ihrer Radikalität. Zwischen eher oberflächlichen Vorschlägen zur Symptombehandlung, mildtätigen Hilfspaketen und dem Ruf nach der Zerschlagung aller Herrschaftsverhältnisse wurden Diskussionen entfacht, die vielen Menschen zumindest die Möglichkeit eröffneten, sich eine andere Welt, ein nachhaltiges Zusammenleben und Wirtschaften überhaupt erst vorzustellen. Die Vision einer solchen Gesellschaft ist immer der erste Schritt in Richtung ihrer Umsetzung. Eine Chance? Im Prinzip schon.

Zwischen eher oberflächlichen Vorschlägen zur Symptombehandlung, mildtätigen Hilfspaketen und dem Ruf nach der Zerschlagung aller Herrschaftsverhältnisse wurden Diskussionen entfacht, die vielen Menschen zumindest die Möglichkeit eröffneten, sich eine andere Welt, ein nachhaltiges Zusammenleben und Wirtschaften überhaupt erst vorzustellen.

Doch das von Regierenden weltweit genutzte PR-Narrativ der „Krise als Chance“ ist nichts als eine wohlklingende neoliberale Masche. Die Chance, die hier allerhöchstens gesehen wird, ist noch mehr Greenwashing der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch und Natur. Dass das nicht reichen wird, scheint sich zwar in der Bevölkerung nur langsam durchzusetzen, aber die eine oder andere Erkenntnis aus dem gesellschaftlichen Leben während der Krise könnte ein Momentum schaffen für einige Augenöffner.

Optimismus, keine Romantik

Nun muss man einerseits vorsichtig sein mit optimistischen – nicht romantischen! – Perspektiven, schließlich hat das Virus nicht nur Hunderttausende Menschen das Leben gekostet, durch den Verlust des Arbeitsplatzes und des (selbstständigen) Einkommens wurde vielen die oft ohnehin schon prekäre Existenzgrundlage entrissen. Nicht wenige Unternehmen missbrauchten die angebotenen Kurzarbeitsregelungen, um Mitarbeiter*innen in unbezahlte Mehrarbeit zu drängen. Zusätzliche Belastungen durch geschlossene Schulen und Kindergärten sowie durch die Versorgung älterer Angehöriger haben viele (Frauen) ans Ende ihrer Kräfte getrieben. Wie Carina Maier und Miriam Fahimi am A&W-Blog schreiben, wurde in der Krise wieder deutlich, „auf welch dünnem Eis die Idee von Gleichberechtigung gebaut ist. Gerade dort, wo Frauen oder auch beide Partner*innen im Home-Office oder aus Gründen der Kurzarbeit zu Hause sind, wird die Arbeitsteilung innerhalb von wenigen Wochen von der gesellschaftlichen Norm eines männlichen Hauptverdienermodells eingeholt.“ Das Eingeschlossensein hat – das spiegeln auch erste Studien wider – zu mehr Gewalt in der Familie geführt, die allerdings noch häufiger als sonst unsichtbar blieb, weil bestehende Hilfsnetzwerke durch die Pandemie zumindest zu Beginn des Lockdowns nur eingeschränkt verfügbar waren.

Belastungen durch geschlossene Schulen und Kindergärten sowie durch die Versorgung älterer Angehöriger haben viele (Frauen) ans Ende ihrer Kräfte getrieben.

Dann waren da noch die Arbeitnehmer*innen in den systemrelevanten Branchen, die unter erschwerten Bedingungen wie massiv erhöhtem Infektionsrisiko dafür gesorgt haben, dass unsere Grundversorgung während der Krise gesichert blieb. Regierende haben geklatscht, Boni versprochen und sich dann weiter vorrangig um Milliardenzuschüsse für Konzerne gekümmert. Um ihre Klientel eben.

Jeder revolutionären Strömung in der Geschichte gingen krisenhafte Zustände voraus, die die darunter leidenden Menschen zu Solidarität und Widerstand bewegten.

Gemeinschaft ist Widerstand

Jeder revolutionären Strömung in der Geschichte gingen krisenhafte Zustände voraus, die die darunter leidenden Menschen zu Solidarität und Widerstand bewegten. Welche Erkenntnisse und Strategien können nun aus der Corona-Krise mitgenommen werden? Wie lassen sich diese in Mobilisierung und Organisierung katalysieren? Was kann die Krise die Gesellschaft über den Wert von Arbeit, Gemeinschaft und Natur lehren? Vieles tatsächlich.

Das beginnt beim bewussten Konsum im Supermarkt. Laut einer Umfrage von Research Affairs und AMA Marketing von April dieses Jahres kauften 58 Prozent der Befragten seltener Lebensmittel ein und planten mehr voraus, und 24 Prozent achteten verstärkt auf die Regionalität der Produkte. Es formierten sich Gruppen größtenteils junger Menschen in Nachbarschaften, die via Flugblätter und Social Media anboten, Erledigungen für ältere und gefährdete Menschen zu machen, es wurden Lebensmittel selbst zubereitet und Güter wie Windeln gesammelt und verteilt. Es wurde auf die Community und das Umfeld geschaut. Und zwar entgegen den von Regierenden provozierten Individualisierungstendenzen.

Sich dieser Individualisierung – die auch vor der Corona-Krise schon ihren Lauf genommen hat, weil sie ein Produkt der kapitalistischen Gesellschaft ist – durch Gemeinschaft und Solidarität zu widersetzen, ist eine Form von Widerstand, die es wert wäre, nachhaltig zu erhalten.

Wenn alle Bürger*innen ihren Beitrag leisteten, dann ginge die Pandemie schneller vorüber, so der Tenor von oben. Logischerweise ist das so, doch dadurch, dass es gar nicht zur Debatte stand, dass diejenigen, die die Bevölkerung nun so heroisch aus der Krise führen wollten, selbst für diese verantwortlich waren, wurde diese Verantwortung auf die Individuen abgewälzt. Sich dieser Individualisierung – die auch vor der Corona-Krise schon ihren Lauf genommen hat, weil sie ein Produkt der kapitalistischen Gesellschaft ist – durch Gemeinschaft und Solidarität zu widersetzen, ist eine Form von Widerstand, die es wert wäre, nachhaltig zu erhalten.

Sich zusammenzutun, soziale, also politische Kämpfe gemeinsam zu bestreiten und somit weniger auf das Angebot eines entsolidarisierenden Systems angewiesen zu sein schafft ein ungeheures politisches Organisierungspotenzial, vor dem das Kapital immer schon gezittert hat. Das ist die eine große Lektion.

Demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten

Die andere: dass uns die Menschen in den systemrelevanten Branchen (deutlicher als sonst) gezeigt haben, dass Arbeit nicht auf ein bloßes von Marktkräften geregeltes Gut reduziert werden kann und deshalb neu organisiert werden muss. Mit konservativen, arbeiter*innenfeindlichen Regierungen ist diese Vision geradezu utopisch, aber dennoch lohnt es sich, sie zu verfolgen.

Es muss eine Diskussion darüber geben, welche essenziellen Bedürfnisse eine Gesellschaft hat, was also gesellschaftlich sinnvolle Arbeit ist, die nicht nur des Profits wegen existiert. Arbeitnehmer*innen müssen das Unternehmen, in das sie ihre Arbeitskraft und einen großen Teil ihres Lebens investieren, mitgestalten können. Arbeit muss auf mehr Menschen aufgeteilt werden, damit sie für den Einzelnen bzw. die Einzelne weniger wird, die Arbeitsteilung muss sich wieder entglobalisieren und so weiter. Bis auf den globalen Aspekt fasst ein von 3.000 Wissenschafter*innen, darunter bekannte Namen wie Chantal Mouffe und Thomas Piketty, unterzeichnetes und in ausgewählten internationalen Medien veröffentlichtes Manifest mit dem klaren Titel „Arbeit – demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten“ linke Perspektiven für ein Wirtschaften nach der Krise zusammen. Das Papier beruht darauf, zu erkennen, dass Arbeit nicht als bloßes von Marktkräften geregeltes Gut verstanden werden darf und Arbeitnehmer*innen die Produktionsmittel eben nicht mehr einfach vorenthalten werden dürfen.

Arbeit muss auf mehr Menschen aufgeteilt werden, damit sie für den Einzelnen bzw. die Einzelne weniger wird, die Arbeitsteilung muss sich wieder entglobalisieren.

In Österreich wird vonseiten der SPÖ gerade wieder eine Arbeitszeitverkürzung diskutiert: 35 Stunden, aufgeteilt auf vier Tage bei 95-prozentigem Lohnausgleich. Arbeitgeber*innen, die sich darauf einlassen, sollen eine staatliche Förderung bekommen. Ein sehr vorsichtiger Vorstoß, der nicht das Ende der Debatte sein darf. Ein Blick in das oben zitierte Manifest könnte als notwendige Inspiration dienen.

Das gesamte System muss sich ändern

Wie Nina Tröger, Konsumforscherin und Referentin in der Abteilung Konsument*innenpolitik der AK Wien, im A&W-Blog über veränderte Konsummuster während des Lockdowns und nachhaltige Potenziale für die Zeit nach der Corona-Krise schreibt, bedarf es eines Umbaus unserer gesamten Lebens- und Wirtschaftsweise, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. „Eine einfache Rückkehr zum Vorkrisenniveau [sei] nicht erstrebenswert“, meint sie. So ist es. Das System muss sich ändern, denn Kapitalismus ist alles andere als nachhaltig und kann es auch niemals sein.

Über den/die AutorIn

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer ist 1990 in Oberösterreich geboren und lebt seit neun Jahren in Wien. Sie hat Publizistik, Anglistik und Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für verschiedene Medien.