Noch eine Welle: Rollt die Insolvenzwelle los?

Die Insolvenzwelle rollt los.
Illustration (C) Adobe Stock
Tag der Abrechnung: Am Freitag, dem 15. Jänner 2021, könnte in Österreich eine Pleitelawine losrollen. Denn an diesem Tag laufen diverse Abgaben- und Steuerstundungen aus, die Firmen über die Corona-Flaute tragen sollten. Wie reagiert Schwarz-Grün?
Firmenpleiten funktionieren nicht wie im Film. Es gibt selten einen dramatischen, alles entscheidenden Moment, der innerhalb von Sekunden über Untergang oder Fortbestand entscheidet. Es sind auch nicht Banken oder Geschäftspartner, die Unternehmen zum Konkurs zwingen. Firmen gehen über einen langen Zeitraum pleite. Bis sie irgendwann ihre Steuern oder Sozialabgaben nicht mehr bezahlen können. Statistisch betrachtet stellen in Österreich Finanzämter und die Gesundheitskassen ein Gros der Insolvenzanträge. Also, theoretisch.

Praktisch tun sie genau das aktuell nicht. Das hat mit den Staatshilfen der Regierung in der Corona-Pandemie zu tun. Zum einen können Finanzämter und Gesundheitskassen aktuell keine Insolvenzanträge stellen, und zum anderen sind die entsprechenden Abgaben gestundet. Nicht erlassen, wohlgemerkt. Dieser finanzielle Burgfriede endet, sollte die Regierung nicht eine Verlängerung beschließen, und zwar am Freitag, den 15. Jänner 2021.

Insolvenzwelle

Es gibt Expert*innen, die dann eine Pleitewelle erwarten. Das hat seine Gründe. In einem normalen Jahr gibt es in Österreich rund 5.000 Unternehmenspleiten, erklärt Atanas Pekanov, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). Im großen Krisenjahr 2020 waren es allerdings nur 3.100. „Diese Tatsache ergibt sich teilweise aus mehreren Regierungsmaßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft sowie zur Sicherung der Liquiditätsüberbrückung von Firmen. Vor allem aber ist es dazu gekommen wegen der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht“, erläutert Pekanov.

Robert Url, ebenfalls WIFO-Ökonom, rechnete bereits Ende 2020 vor, dass in einem normalen Wirtschaftsjahr zwei bis drei Prozent der Unternehmen pleitegehen würden. In Krisenjahren würde die Quote auf sechs bis neun Prozent klettern. Durch die Stundung der Verbindlichkeiten komme es zu einem Rückstau. Im laufenden Jahr bestehe laut Url die Gefahr, dass sich also die Pleiten aus zwei Jahren aufsummieren werden.

Durch die Stundung der Verbindlichkeiten komme es zu einem Rückstau. Im laufenden Jahr bestehe laut WIFO-Ökonom Robert Url die Gefahr, dass sich also die Pleiten aus zwei Jahren aufsummieren werden.

Pekanov gibt sich vorsichtiger: „Für das Jahr 2021 ist es noch zu früh, eine Einschätzung zu machen. Es ist jetzt schon klar, dass es zu einer Zunahme der Firmeninsolvenzen kommen wird. Wie hoch und stark diese sein wird, hängt vor allem von den weiteren Regierungsmaßnahmen und -hilfen ab.“ Hier ist also das Team von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) gefragt. Wie schon im vergangenen Jahr.

Arbeitsplätze retten

Damals warnte Kristalina Georgieva, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), vor einer möglichen Verdreifachung der Pleiten von Klein- und Mittelunternehmen. Sie riet den Staatschefs, das Geld nicht mit der Gießkanne zu verteilen. Es sollten nicht alle Unternehmen gefördert werden, sondern nur die, deren wirtschaftliche Probleme auch auf das Corona-Virus zurückzuführen seien. Während des Europäischen Forums Alpbach im August 2020 appellierte Georgieva: „Investieren Sie die Hilfsgelder intelligent für die Wirtschaft von morgen und schützen Sie nicht die Wirtschaft von gestern.“

Investieren Sie die Hilfsgelder intelligent für die Wirtschaft von morgen und schützen Sie nicht die Wirtschaft von gestern.

Kristalina Georgieva, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF)

Die Maßnahmen haben schon einmal funktioniert, sie können wieder greifen. „Im Moment gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die Länder weiter reagieren können und die notwendigen Maßnahmen weiter in Kraft setzen können – die Zinsen auf Staatsanleihen sind sehr niedrig, was bedeutet, dass sich die Regierungen weiter günstig verschulden können, um Firmen und Arbeitsplätze zu retten“, schätzt Pekanov die Situation ein.

Sorgenkind Tourismus

Doch führt auch Pekanov einige Einschränkungen ein. So dürften die Förderungen nicht auf unbestimmte Zeit fortgeführt werden. Schließlich gebe es Sektoren, in denen Firmen so hart getroffen worden seien, dass Insolvenzen unumgänglich sind. So etwa in der Tourismusbranche. In anderen Bereichen seien überhaupt keine unterstützenden Maßnahmen nötig, weil Onlinehandel oder Digitalisierung sogar zu einem Boom geführt hätten. Die Förderungen seien nur dann finanzierbar, wenn sie auf Sektoren und Unternehmensgruppen fokussiert seien.

Einfach werde das jedoch nicht. So erklärt Pekanov im Gespräch mit “Arbeit & Wirtschaft” weiter: „Es ist eine Jahrhundertkrise, und es wird mehr Insolvenzen geben – besonders in Sektoren, die sehr stark betroffen waren, wie etwa der Tourismus. Die politischen Maßnahmen können und sollen nicht absolut alle Unternehmen zeitlich unbegrenzt retten. Die politische Herausforderung ist es, die richtige Entscheidung zu treffen, welchen Firmen weiterhin geholfen werden soll.“

Zombiefirmen und Großinsolvenzen

Im Rahmen der Debatte um Insolvenzen wird oft vor sogenannten „Zombiefirmen“ gewarnt. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die langfristig nicht rentabel sind und durch die Corona-Hilfen künstlich am Leben gehalten wurden. „Das ist problematisch, weil diese Unternehmen Verpflichtungen gegenüber anderen Firmen haben, die auch nicht mehr gezahlt werden. Diese werden so auch gefährdet“, erläutert Pekanov. Das Problem solcher „Zombiefirmen“ werde aber übertrieben. Priorität habe gehabt, Großinsolvenzen zu vermeiden und die Arbeitslosigkeit zu minimieren. Ziele, die auch für 2021 gelten würden. Die Zombiefirmen würden nach der Normalisierung der Situation sowieso aus der Wirtschaft ausscheiden.

Diese Krise hat vor allem auch die Bedeutung der Digitalisierung gezeigt. In Wirtschaftssektoren, wo das möglich ist, sollten Firmen und Regierung jetzt die Finanzmittel nutzen, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben.

Atanas Pekanov, WIFO-Ökonom

In den Augen von Pekanov ergibt sich durch das Corona-Virus auch die Möglichkeit, die Wirtschaft in Österreich zukunftsfähiger aufzustellen: „Diese Krise hat vor allem auch die Bedeutung der Digitalisierung gezeigt. In Wirtschaftssektoren, wo das möglich ist, sollten Firmen und Regierung jetzt die Finanzmittel nutzen, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben. Und somit auch die Wirtschaft für weitere Lockdowns oder andere restriktive Maßnahmen besser vorzubereiten.“

Spätestens am Freitag, den 15. Jänner 2021, muss die Regierung ihre Idee für die Zukunft der österreichischen Wirtschaft präsentieren. Dann muss entschieden werden, ob weiterhin die Gießkanne geschwungen, der Hahn abgedreht oder ein langfristiges Konzept vorgelegt wird.

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel

Christian Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.