Drecksarbeit

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  1. Seite 1 - Überausbeutung
  2. Seite 2 - Gezielter Konkurs und Dumping-Löhne
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Zehntausende Menschen müssen in Österreich unter unwürdigen Bedingungen arbeiten. Die Profite wandern in die Taschen der Unternehmen.

Ohne Versicherung

Bekannt problematisch sind die Verhältnisse etwa am Bau oder in der 24-Stunden-Pflege. Dort arbeiten viele Menschen aus anderen Ländern, etwa im Rahmen der EU-Entsenderichtlinie. „In diesen Bereichen kämpfen wir auch mit dem Problem der Scheinselbstständigkeit“, sagt Aigner. Davon kann auch Mario Bartl von der Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) ein Lied singen. Bartl erzählt vom Fall eines Kollegen, der über Jahre scheinselbstständig und deshalb nicht versichert war. „Nach einem Arbeitsunfall am Bau musste er mehrere Monate ins Krankenhaus und auf Rehabilitation.“

Viele Menschen erfahren erst, dass sie nicht versichert sind, wenn sie krank werden oder es Arbeitsunfälle gibt. Dann bleiben sie oft auf horrenden Kosten sitzen.

Mario Bartl, Gewerkschaft Bau-Holz (GBH)

Das Strafverfahren gegen den Arbeitgeber wurde allerdings eingestellt, erzählt Bartl. Dieser habe nämlich nach dem Unfall das Gerüst, von dem der Arbeiter gefallen war, nachträglich gesichert. „Jetzt liegt die Beweislast bei unserem Klienten. Und die hohen Rechnungen für Krankenhaus und Rehabilitation sind für ihn existenzbedrohend.“ Laut Bartl kein Einzelfall. „Viele Menschen erfahren erst, dass sie nicht versichert sind, wenn sie krank werden oder es Arbeitsunfälle gibt. Dann bleiben sie oft auf horrenden Kosten sitzen.“

Mit Absicht in den Konkurs

Ein spezielles Problem am Bau sind die gezielten Konkurse von Subunternehmen. Bartl spricht von einem undurchsichtigen Netz mit Ketten von Subfirmen. „Die Personen, die zu uns kommen, wissen oft nicht einmal, bei welcher Firma sie letztlich beschäftigt sind.“ Wenn eine Subfirma in Konkurs geht, fallen die Beschäftigten oft um ihre Ansprüche um, und die Krankenkassen werden um die Abgaben geprellt. Die Auftraggeber im Hintergrund putzen sich an den Subfirmen ab und tragen keine Kosten.

Wenn eine Subfirma in Konkurs geht, fallen die Beschäftigten oft um ihre Ansprüche um.

In der Pflege gibt es auch noch einen anderen Aspekt: Viele Menschen brauchen Pflege für sich oder ihre Angehörigen, können es sich aber nicht leisten, eine Pflegerin oder einen Pfleger in einem regulären Beschäftigungsverhältnis anzustellen, weshalb sie auf Schwarzarbeit ausweichen. Hier wären mehr staatliche Mittel erforderlich. So könnte für alle Betroffenen ausreichende Pflege sichergestellt werden, während gleichzeitig gerechte Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten gesichert wären.

Sogar die Gummiringe

Enorme Probleme gibt es auch bei den Rechten der ErntehelferInnen in Österreich.
Enorme Probleme gibt es auch in der Landwirtschaft. „Oft sehen wir Menschen, die in Mehrbettzimmern in desolaten Abbruchhäusern hausen müssen.“ Gernot Trausmuth von der Kampagne „Sezonieri“ für die Rechte der ErntehelferInnen in Österreich hat schon viel erlebt. Eigentlich dürften für die Unterkunft monatlich nur rund 30 Euro abgezogen werden, erklärt er. „Doch erst im vergangenen Jahr hatten wir den Fall eines ukrainischen Erntehelfers: Die Kollegen mussten sich zu viert ein Zimmer teilen, und jeder musste rund 200 Euro dafür bezahlen.“

Immer wieder würden den ErntehelferInnen sogar die Kosten für Arbeitsmittel vom Lohn abgezogen. „Das geht bis zu den Gummiringen bei der Ernte von Radieschen und Jungzwiebeln“, so Trausmuth. Die AktivistInnen von Sezonieri wollen dagegen vorgehen. Sie besuchen die KollegInnen auf den Feldern, um sie aufzuklären.

Ausgangspunkt war Tirol: „KollegInnen aus Rumänien haben dort 2013 einen wilden Streik in der Gemüseproduktion durchgeführt“, erzählt Trausmuth. Ins Leben gerufen wurde die Kampagne dann 2014, getragen wird sie von linken AktivistInnen und der Produktionsgewerkschaft PRO-GE. Heuer gibt es Feldaktionen bereits in sechs Bundesländern. Das Ziel der Sezonieri? „Die Selbstorganisierung der Betroffenen!“

Dumping-Löhne

Lohndruck durch erzwungene Schwarzarbeit bedeutet allerdings nicht nur für die unmittelbar Betroffenen Schwierigkeiten und finanzielle Einbußen. Wenn eine große Gruppe von Menschen – aufgrund von Zwang, restriktivem Arbeitsmarkt oder unsicheren Aufenthaltstiteln – fast jede Arbeit zu fast jedem Preis annehmen muss, verändert das den Arbeitsmarkt insgesamt.

Wenn eine große Gruppe von Menschen fast jede Arbeit zu fast jedem Preis annehmen muss, verändert das den Arbeitsmarkt insgesamt.

Druck auf andere Beschäftigte entsteht, ebenfalls schlechtere Bedingungen zu akzeptieren. Es entsteht eine Spirale nach unten – mit der Gefahr, dass sich Löhne und Arbeitsbedingungen für große Teile der arbeitenden Bevölkerung verschlechtern. Für Heidrun Aigner von UNDOK ist die Antwort klar: „Arbeitsrechte müssen für alle Menschen gelten.“

Von
Michael Bonvalot

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 4/19.

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Über den/die Autor*in

Michael Bonvalot

Michael Bonvalot

Michael Bonvalot ist freier Journalist, Autor und Vortragender aus Wien. Seine Schwerpunkte sind Sozialpolitik, soziale Bewegungen sowie die exteme Rechte. Er schreibt regelmäßig für verschiedene Medien in Österreich und Deutschland sowie auf bonvalot.net.