Wie Frauen die Digitalisierung als Freiheit verkauft wird

Und warum das ein Trick ist.

Auch, wenn es in der öffentlichen Wahrnehmung nicht immer so wirkt, steckt hinter der Digitalisierung mehr als nur ein Schlagwort für PolitikerInnen, die in Diskussionsrunden gerne so tun, als wäre das Internet gerade erst dabei, sich durchzusetzen. Das Internet hat sich natürlich schon längst in allen Bereichen der Gesellschaft durchgesetzt, und auch das Arbeitsleben blieb von der digitalen Revolution bekanntlich nicht unberührt.

Das ist gut. Es wird auch vermehrt darüber gesprochen, dass eine immer stärker digitalisierte Arbeitswelt nicht bloß das Verschwinden von Jobs bedeutet, sondern gleichzeitig neue Berufsfelder entstehen und sich der Arbeitsmarkt einfach schrittweise verändert. Es wird also durchaus aufgeklärt und interpretiert. Auf der Strecke bleibt dabei jedoch wie so oft der Faktor Gender. Mit der fortschreitenden Digitalisierung, so wurde vielerorts gerne behauptet, würden auch diskriminierende Strukturen gegenüber Frauen abgebaut. So würden Hierarchien abgeflacht, Arbeitszeiten den individuellen Bedürfnissen angepasst und somit die Autonomie im Beruf gestärkt werden.

Das Patriarchat ist kein analoges Phänomen, aus dem man einfach aussteigen kann, sondern ein universelles System, in dem die Gesellschaft nicht nur an etablierten Formen der Diskriminierung festhält, sondern immer neue Möglichkeiten schaffen wird.

Das klingt in der Theorie nach einem vielversprechenden Konzept, doch auch Arbeit findet nicht im Vakuum statt. Das Patriarchat ist kein analoges Phänomen, aus dem man einfach aussteigen kann, sondern ein universelles System, in dem die Gesellschaft nicht nur an etablierten Formen der Diskriminierung festhält, sondern immer neue Möglichkeiten schaffen wird. Schließlich will dieses System erhalten werden. Mittlerweile schlägt sich auch in Zahlen nieder, dass das Versprechen von der gleichberechtigten Zukunft der Arbeit ein neoliberales Märchen ist.

Was bleibt: der Gender Pay Gap

Erst kürzlich veröffentlichte die deutsche Tageszeitung Rheinische Post Daten zur Gehalts- und Branchenentwicklung in digitalen Berufen des Statistischen Bundesamtes und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Die deutsche Bundesregierung hatte sie in einer Antwort auf Anfrage der Linken ausgewertet. Die Zahlen widerlegen die Annahme klar, dass sich der Gender Pay Gap mit wachsender Digitalisierung reduziert.

Die Unterschiede in der Bezahlung von Männern und Frauen sind in stark digitalisierten Branchen wie etwa der IT-Technik und der Kommunikationsbranche mit bis zu 40 Prozent weiterhin ausgeprägt. In Branchen mit geringerer Digitalisierung wie dem Handel und dem Gastgewerbe, in denen der Frauenanteil traditionell höher ist, fallen sie mit bis zu 30 Prozent zwar geringer, aber immer noch hoch genug aus.

Insgesamt ist der Gender Pay Gap in Österreich 2017 zwar leicht zurückgegangen, dennoch liegt der geschlechtsspezifische Lohnunterschied mit 19,9 Prozent nach wie vor weit über dem EU-Durchschnitt von 16 Prozent. Betrachtet man die Gruppe der Beschäftigten mit den niedrigsten Einkommen, weist sie einen Frauenanteil von 57 Prozent auf. Der Männeranteil der Beschäftigten mit den höchsten Einkommen liegt hingegen bei 81 Prozent. Wichtig ist beim Thema Gender Pay Gap, dass mit der Berücksichtigung struktureller Faktoren wie Branche, Beruf, Bildungsniveau, Alter sowie Voll- oder Teilzeit weniger als die Hälfte des Gaps erklärt werden kann. Was bleibt, ist Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Doch das Gehalt ist nur ein Faktor von vielen.

Laut einer OECD-Studie streben 20 Prozent aller Buben, aber nur fünf Prozent aller Mädchen weltweit eine Karriere in der Informations- und Kommunikationstechnologie an.

Christian Berger, AK Wien

Der sogenannte Gender Divide in der Digitalisierung startet früher, wie auch Christian Berger im A&W Blog schreibt. So seien digitale Teilhabe- und Gestaltungschancen, aber auch digitale Kompetenz und Reputation ungleich verteilt. „Laut einer OECD-Studie streben 20 Prozent aller Buben, aber nur fünf Prozent aller Mädchen weltweit eine Karriere in der Informations- und Kommunikationstechnologie an“, so Berger. Das hat wie so oft mit der geschlechtsspezifischen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen zu tun.

Frauen profitieren weniger

Frauen sind bis auf die Sozialberufe in neun der zehn Berufsfelder, die von der Digitalisierung profitieren werden, wenig vertreten.
Frauen sind in dieser Branche also stark unterrepräsentiert. Und sie werden es auch künftig bleiben. Das besagt zumindest eine noch nicht veröffentlichte Studie des bereits oben angesprochenen IAB und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). In dieser werden zehn Berufsfelder genannt, die von der Digitalisierung besonders profitieren werden: technische Forschung und Entwicklung, Klempnerei-Sanitär-Heizung-Klimatechnik, Informatik, IT-Systemanalyse und IT-Vertrieb, IT-Netzwerktechnik, Softwareentwicklung und Programmierung, Geschäftsführung und Vorstand, Unternehmensorganisation, Erziehung und Sozialarbeit sowie Werbung und Marketing.

So wurden in den meisten dieser Felder bereits in den letzten zehn Jahren überdurchschnittliche Gehaltszuwächse verzeichnet. Frauen sind bis auf die Sozialberufe in neun der zehn Berufsfelder wenig vertreten. Sie profitieren daher bisher kaum von der Digitalisierung. Die Arbeit mit digitalen Technologien soll ein „Boys Club“ bleiben. Deshalb sind beispielsweise auch die Effekte der Digitalisierung auf Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen wenig untersucht oder werden weitgehend ausgeblendet, so Berger.

Freiheit für Männer

Doch wo ist sie nun, die große Freiheit, die die Digitalisierung angeblich für Frauen bringt? Die Geschichte ist schnell erzählt. So wird etwa gerne das Thema Flexibilisierung inklusive Homeoffice als für Frauen besonders reizvoll präsentiert. Warum? Weil Kinderbetreuung, Haushalt und Lohnarbeit somit parallel erledigt werden können. Spätestens jetzt sollten sämtliche Alarmglocken schrillen und erst wieder aufhören, wenn Männern Jobs genauso schmackhaft gemacht werden sollen. Unbezahlte Sorge- und Haushaltsarbeit wird weiterhin ganz selbstverständlich als Frauensache betrachtet.

Diese Freiheit ist ein Hoax und drängt Frauen weiter in eine Rolle, in der sie strukturelle Probleme, wie die nach wie vor ungerechte Aufteilung unbezahlter Arbeit und zu wenig flächendeckende Kinderbetreuungsangebote, individuell lösen sollen.

Auch Weiterbildung und Studium würden dank der Digitalisierung „bequem“ von zu Hause aus funktionieren. Diese Freiheit ist ein Hoax und drängt Frauen weiter in eine Rolle, in der sie strukturelle Probleme wie die nach wie vor ungerechte Aufteilung unbezahlter Arbeit und zu wenig flächendeckende Kinderbetreuungsangebote individuell lösen sollen. Das hat mit Freiheit nur insofern zu tun, als Männer dank Frauen weiterhin die Freiheit haben, sorglos Karriere machen zu können.

Die Lösung: Arbeitszeitreduktion und Umverteilung

Die Lösung: generelle Reduktion der Normalarbeitszeit sowie die Umverteilung von unbezahlter Arbeit und digitalisierte Antidiskriminierungsmaßnahmen.
Die Lösung für eine gleichberechtigte Arbeitswelt muss analog wie digital eine feministische sein: generelle Reduktion der Normalarbeitszeit sowie die Umverteilung von unbezahlter Arbeit und digitalisierte Antidiskriminierungsmaßnahmen. Dazu gehören nicht zuletzt auch gesellschaftlich verantwortliche Algorithmen, wie Berger schreibt: „Algorithmusbasierte Modelle, die kulturelle Stereotype und soziale Ungleichheiten bloß abbilden, laufen Gefahr, diese auch zu reproduzieren.“

Die Digitalisierung ist für Frauen so etwas, wie es die Pille in den sechziger Jahren war: Sie eröffnet alle möglichen Freiheiten“, sagte die brasilianische Chefin der Großbank UBS Sylvia Coutinho im Jahr 2016 auf dem „Global Summit of Women“ in Warschau. Und ähnlich wie bei der Pille werden die fatalen Nebenwirkungen jubelnd unter den Tisch gekehrt.

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Wie die Digitalisierung Frauen benachteiligt Neue digitale Arbeitswelt, alte hierarchische Geschlechterverhältnisse

 

Über den/die AutorIn

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer ist 1990 in Oberösterreich geboren und lebt seit neun Jahren in Wien. Sie hat Publizistik, Anglistik und Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für verschiedene Medien.