Die Generationen zu entsolidarisieren ist antifeministisch

Illustration herbeikonstruierter Generationenkonflikt
Illustration (C) Natalia Nowakowska
Neoliberale finden stets Wege, von der Klassenfrage abzulenken und Probleme anhand anderer Linien zu erklären. Derzeit wird in der österreichischen politmedialen Bubble wieder ein Generationenkonflikt herbeikonstruiert, um eine gesellschaftliche Entsolidarisierung zu rechtfertigen, die am Ende insbesondere Frauen schadet.
Es war ein dankbares Meme. Es war ein Spaß: „Ok boomer“ hieß es vor ein paar Monaten auch im deutschsprachigen Raum öfters unter Tweets von tendenziell älteren Männern, wenn diese sich zu Themen äußerten, von denen sie jüngeren User*innen nach generationsbedingt nicht allzu viel Ahnung haben konnten. Es war allerdings auch eine kollektive Kritik an der Präpotenz, mit der sich so manche Boomer durch die sozialen Medien bewegten.

„Ok boomer“ tat niemandem weh.

„Ok boomer“ tat niemandem weh. Zumindest so lange nicht, bis sich selbst in den Feuilletons Empörung breitmachte über die unverschämten Millennials im Internet. Boomer fühlten sich von der Bezeichnung „Boomer“ diskriminiert. Es entstanden ein paar beleidigte Abhandlungen darüber, wie fleißig und großzügig die Boomer- und wie faul und narzisstisch hingegen die Millennial-Generation sei. Ein insgesamt eher unwürdiges Schauspiel, das über das billige Reproduzieren von Klischees nicht hinauskam. Irgendwann kam dann schließlich ein neues Meme, und „Ok boomer“ verschwand wieder von der digitalen Bildfläche.

Eine Politik für junge Erb*innen

Das klingt bis hierhin ganz lustig. Nachdem dieser vermeintliche Generationenkonflikt aber auch realpolitisch immer wieder thematisiert oder vielmehr einer neoliberalen Agenda folgend konstruiert wird, geht es umso ernster weiter. Es gibt klarerweise Reibungspunkte zwischen den angesprochenen Generationen. Es gibt Wissenslücken auf beiden Seiten, Wahrnehmungsunterschiede sowieso immer. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Bedingungen, die die beiden Kohorten in ihrer Lebensführung prägten und prägen. Dass es da zu Konflikten kommt, die unter anderem auf diese Umstände zurückzuführen sind, geschenkt.

Was Vertreter*innen neoliberaler Politik von ÖVP bis NEOS mitsamt ihnen nahestehenden Konzernen und Think-Tanks wie Agenda Austria aber versuchen, ist diesen Konflikt zwischen Jung und Alt zu einem sozioökonomisch existenziellen zu machen und damit wie so oft die primäre Konfliktlinie, die nun einmal die Klassenfrage ist, zu verschleiern. Das ist natürlich keine neue Strategie. In Kampagnen und Wahlkämpfen haben etwa NEOS seit ihrem Erscheinen auf der parteipolitischen Bühne stets auf das Narrativ gesetzt, dass sie die einzige Partei seien, die an die Zukunft der jungen Leute denke, die ihre Bedürfnisse kenne und sich dafür starkmache.

Das Grundbedürfnis der besitzenden Klasse, jenes der Unternehmer*innen, Akademiker*innen und ihrer Erb*innen ist schnell formuliert: reich bleiben, koste es, was es wolle, das stehe ihnen schließlich zu.

Das Grundbedürfnis der besitzenden Klasse, jenes der Unternehmer*innen, Akademiker*innen und ihrer Erb*innen ist schnell formuliert: reich bleiben, koste es, was es wolle, das stehe ihnen schließlich zu. Das bedeutet beispielsweise: keine Steuern auf Erbschaften, die Kürzung von Sozialleistungen, mehr Privatisierungen, Einschränkungen für Arbeitnehmer*innen, mehr Kontrolle und Macht für Arbeitgeber*innen und das Kapital. Das sind alles auch prominente Anliegen der ÖVP. Die Agenden der beiden Parteien sind diesbezüglich einerlei. Es klingt aber weitaus frischer und, na ja, weniger rechts, wenn man diesen offenen Klassenhass als progressive Zukunftsvorsorge für die nächste Generation verkauft. Alles für die Jungen! Die Jungen sollen die horrenden sozialstaatlichen Investitionen nicht weiter stemmen müssen! Ihnen soll mehr bleiben!

Leistungen nur gegen direkte Bezahlung

Durch das Ausspielen von Jung gegen Alt wird eine Entsolidarisierung vorangetrieben, die am Ende insbesondere für Frauen weitreichende Konsequenzen hat. Neoliberale Politik ist im Kern immer antifeministisch. Egal, wie feministisch manche Forderungen auf den ersten Blick formuliert zu sein scheinen, solange sie ausschließlich die Interessen marktliebender Frauen in Aufsichtsräten und Managementetagen bedienen, während alle anderen unter den Bus geworfen werden, haben sie mit echter Befreiung nichts zu tun. Aber alles der Reihe nach. Was hat dieser herbeikonstruierte Generationenkonflikt mit Entsolidarisierung zu tun?

Eine solidarische Gesellschaft kann nur auf der Idee einer Gemeinschaft beruhen, in der die Maxime eines guten Lebens für alle hochgehalten wird.

Eine solidarische Gesellschaft kann nur auf der Idee einer Gemeinschaft beruhen, in der die Maxime eines guten Lebens für alle hochgehalten wird. Das ist theoretisch auch das Grundprinzip eines Sozialstaats, der diese Maxime garantieren oder zumindest verfolgen soll. Zu seinen essentiellsten Leistungen und Garantien gehören Kindergartenplätze, eine umfassende Gesundheitsversorgung, die Schaffung und Erhaltung von leistbarem Wohn- und nachhaltigem öffentlichem Raum, ein funktionierendes Pensionssystem und so weiter. Finanziert wird das alles über Steuern.

Nach neoliberaler Logik stehen diese Leistungen und Garantien aber nicht allen gleichermaßen zu. So sei es etwa nicht fair, dass manche „nichts“ einzahlen und trotzdem ein gutes Leben führen können. Am besten sollen alle nur die Leistungen und Garantien erhalten, die man mit einem Preis versehen und direkt bezahlen kann. Die, die mehr bezahlen, sollen einen Vorteil haben. Das klingt in Österreich noch nach einer Dystopie im Gegensatz zu den USA, wo das schon lange Realität ist, aber der Abbau von Sozialleistungen schreitet auch hierzulande immer weiter voran. Die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte hat zu einer spürbaren Entsolidarisierung und Individualisierung in der Gesellschaft geführt.

Sozialabbau ist strukturelle Gewalt

Man denke an das Gesundheitssystem, das schon lange nicht mehr allen Patient*innen die gleiche Versorgung garantiert, sondern jenen den Vortritt lässt, die bereit sind, abseits der gesetzlichen Krankenversicherung für diese zu bezahlen. Stichwort Zwei-Klassen-Medizin. Das Problem wurde durch die Kassenreform der ehemaligen schwarz-blauen Regierung noch weiter verschärft.

Es ist keine große Neuigkeit, dass Kürzungen im Sozialbereich immer zuerst die Schwächsten in der Gesellschaft treffen. Dazu gehören Frauen nach wie vor.

Die Kosten für die Reform fallen auf die Qualität der medizinischen Leistungen für die Patient*innen zurück, Arbeitgeber*innen haben mehr Mitspracherechte in den Gremien, und noch mehr Ärzt*innen haben sich seit Jahresbeginn entschieden, von Kasse auf privat umzustellen, was es für jene, die sich keine private Krankenversicherung leisten können, noch schwieriger macht, passende Praxen zu finden und zeitnah Termine zu bekommen. Nicht nur im Krankheitsfall, auch Vorsorge- und Routineuntersuchungen werden dadurch vermutlich weiter vernachlässigt werden. Es wird für Kassenpatient*innen immer schwieriger, darauf zu achten, gesund zu bleiben. Auch das ist eine Form von struktureller Gewalt. Die Gesundheit derjenigen, die qua Klassenzugehörigkeit diskriminiert werden, wird von den politisch Verantwortlichen leichtsinnig, ja bewusst, aufs Spiel gesetzt.

Unbezahlte Haus- und Sorgearbeit pro Tag

Frauen
4:26 h

Männer
1:48 h

Was hat das alles nun insbesondere mit Frauen zu tun? Es ist keine große Neuigkeit, dass Kürzungen im Sozialbereich immer zuerst die Schwächsten in der Gesellschaft treffen. Dazu gehören Frauen nach wie vor. Doch da ist noch etwas. Es ist bekannt, dass Frauen den Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit leisten. Laut einer 2019 publizierten Untersuchung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO wenden sie dafür täglich vier Stunden und 26 Minuten auf, während Männer hingegen auf eine Stunde und 48 Minuten kommen. Das ist der Durchschnitt in 41 untersuchten Ländern, darunter alle EU-Staaten.

Noch mehr Care-Arbeit für Frauen

Wenn staatliche Leistungen gestrichen werden, führt das nicht nur dazu, dass sie sich viele nicht mehr leisten können, sondern auch dazu, dass sie an jene delegiert werden, die ohnehin schon für die Care-Arbeit verantwortlich sind und gemacht werden. Wer betreut Patient*innen nach einer Operation, wenn sie bereits am nächsten Tag aus dem Spital entlassen werden? Wer schaut, dass benötigte Medikamente zu Hause sind? Wer unterhält die Kinder nach der Schule? Entsolidarisierung und Sozialabbau bedeuten am Ende immer Mehrarbeit für Frauen. Auch dann übrigens, wenn es sich Familien leisten können, diese Arbeit auszulagern und zu bezahlen. Am Ende kümmern sich Migrant*innen um Haushalt, Kinder und die Älteren. Meistens zu ausbeuterischen Bedingungen.

Es ist nicht nur bequem, Jung gegen Alt auszuspielen und das Problem der Verteilungsgerechtigkeit auf einen plakativ-wahlkampftauglichen Generationenkonflikt abzuwälzen. Es ist am Ende besonders für Frauen fatal.

Es ist also nicht nur bequem, Jung gegen Alt auszuspielen und das Problem der Verteilungsgerechtigkeit auf einen plakativ-wahlkampftauglichen Generationenkonflikt abzuwälzen. Es ist am Ende besonders für Frauen fatal, wenn ständig alarmierend auf die vermeintlich hohen Kosten, die der Sozialstaat verursacht, hingewiesen wird, um die Jüngeren zu Klassenfeind*innen zu erziehen. Nicht dass es noch einen Grund gebraucht hätte, liberalen Feminismus nicht ernst zu nehmen, aber das hier wäre halt noch einer mehr.

Weiterführende Informationen:

Studie zu Wartezeiten bei Operationen Mehr Mitspracherecht für Arbeitgeber*innen ILO-Studie

Über den/die AutorIn

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer

Nicole Schöndorfer ist 1990 in Oberösterreich geboren und lebt seit neun Jahren in Wien. Sie hat Publizistik, Anglistik und Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für verschiedene Medien.