Der Fachkräfte-Blues: Zahlen, Daten, Fakten

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Die Konjunktur steigt. Trotzdem stehen im Westen Küchen leer, überall fehlen IT-Leute, Zehntausende sind ohne Job. Vielleicht liegt das auch an den Arbeitsbedingungen?
In der Hitparade der Wirtschaft hält sich ein Lied hartnäckig: Es ist der Fachkräfte-Blues. Laut Wirtschaftsbund fehlen derzeit österreichweit 162.000 Qualifizierte. Zuletzt erklärten 87 Prozent von 4.500 befragten Firmen, den Mangel zu spüren. 60 Prozent hatten im letzten Jahr Probleme, ausgelernte MitarbeiterInnen zu finden.

Das Sozialministerium (BMASGK) definiert den Fachkräftemangel über die Stellenandrangziffer. Diese Zahl bezeichnet das Verhältnis von BewerberInnen pro Stelle. Sinkt sie auf 1,5 oder darunter, spricht das BMASGK von Fachkräftemangel. So erstellt das Ministerium seine Mangelberufeliste. Schon 2018 wurde sie von 11 auf 27 Berufe mehr als verdoppelt, für 2019 auf 45 erweitert und darüber hinaus nach Bundesländern regionalisiert.

Bereits 2017 sah die Nationalbank „keine Anzeichen für ein Ende der Hochkonjunktur“, nach aktuellen Schätzungen soll sie um 3 Prozent steigen. In den letzten Jahren erlebten wir aber auch Rekordarbeitslosigkeit und Jugendrekordarbeitslosigkeit, gerade im Westen. In Oberösterreich betrug die durchschnittliche Stellenandrangziffer 2017 2,1, in Salzburg 2,2, In Vorarlberg 2,5 und in Tirol 3,1. Trotzdem will der Fachkräfte-Blues nicht abebben.

Beispiel Gastgewerbe

Zum Start der Skisaison zeigt sich das besonders deutlich: Österreichweit sind momentan laut AMS 9.000 Jobs im Gastgewerbe offen, davon 1.650 Lehrstellen. Allein in Tirol sind 3.050 Stellen unbesetzt. Schon Ende November führten einzelne Skihütten Ruhetage ein. Sie finden einfach kein Küchenpersonal.

Bei KöchInnen liegt die Stellenandrangziffer bei 1,3. So kommt dieses Handwerk auf die Mangelberufeliste 2019. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) bezeichnet den aktuellen Mangel an Arbeitskräften im Tourismus als ernstes Problem.

Wieso gelingt es nicht, mehr Arbeitslose an die Töpfe zu locken?

Offensichtlich sind auch andere Faktoren als der Stellenandrang im Spiel. Das führt zum Anfang zurück. Eine ausführliche IHS-Studie von 2015 stellte fest: Klagen über den Fachkräftemangel sind weltweit verbreitet, hängen aber oft nicht mit der Gesamtwirtschaftslage oder dem Gesamtarbeitsmarkt zusammen. Viele Betriebe würden ihre Situation zudem schlicht überinterpretieren oder falsch abbilden.

Unter Fachkräftemangel werden auch unterschiedliche Dinge verstanden und gemessen. Das IHS definierte ihn – entsprechend der internationalen Forschung – als Nachfrage „nach bestimmten berufsfachlichen Qualifikationen, die deren Angebot“ regional wie national „substanziell übersteigt“. Diese überproportionale Nachfrage darf nicht nur konjunkturell oder saisonal bedingt sein.

Kriterien für Mangelberufe (IHS)

  • Nachfrage nach bestimmten berufsfachlichen Qualifikationen übersteigt deren Angebot regional wie national substanziell
  • eine vergleichsweise niedrige bzw. sinkende Arbeitslosenquote im betroffenen Beruf
  • eine hohe Wochenarbeitszeit
  • hohe bzw. überproportional steigende Löhne
  • Abwerbe- und Treueprämien

Hohe Wochenarbeitszeiten sind im Gastgewerbe bekannt. Zeitgleich beträgt das aktuelle Mindestgehalt gerade mal 1.500 Euro brutto. 2017 stiegen die KV-Löhne im Schnitt um 2,3 Prozent, Lehrlingsentschädigungen um knapp 3 Prozent. Beiderseits besteht eine 14-tägige Kündigungsfrist. All das liegt unter den Werten des Metaller-Abschlusses 2017. Treueprämien stehen nur im Angestellten-KV der Gastronomie, nicht in jenem der ArbeiterInnen (also KöchInnen u. a.). Und sie fallen auch nicht wirklich üppig aus (nach 10 Jahren ein Monatsgehalt, nach 40 Jahren drei Monatsgehälter).

Trotz dieser Ausgangsposition gehört Koch/Köchin seit 2002 zu den Top-10-Lehrberufen der WKO-Lehrlingsstatistik. Folgt man den IHS-Kriterien, gibt es im Gastgewerbe also trotz niedriger Stellenandrangziffer keinen Fachkräftemangel. Es gibt nur vergleichsweise bescheidene Bedingungen.

In welchen Branchen wirklich Fachkräftemangel herrscht

Die IHS-Studie analysierte Arbeitsmarktdaten von 22 ausgesuchten Berufsgruppen. In ihnen waren 54 Prozent aller Unselbstständigen von 20 bis 64 Jahren beschäftigt. Um einen Fachkräftemangel festzustellen, flossen alle oben genannten Kriterien in die Analyse ein. Die Tabelle fasst ausgewählte Ergebnisse zusammen. Das IHS gab keinen Aufschluss über die Regionen, in denen der Mangel besteht.

Berufsgruppe Fachkräftemangel
ArchitektIn
MedizinerIn, ApothekerIn
Material- und ingenieurtechnische Fachkräfte
Sicherheits- und Qualitätskontrolle
Pflege- und verwandte Berufe
Wahrscheinlich
Krankenschwester/-pfleger, Geburtshilfe
FormerIn, SchweißerIn
MaschinenmechanikerIn, SchlosserIn
Möglich
Datenverarbeitung
InformatikerIn
Bau
Laden-/MarktverkäuferIn, VorführerIn
ElektromechanikerIn
Unwahrscheinlich

Interessant sind die Gruppen Datenverarbeitung und Informatik. Hier wurde erst im September ein Fachkräftemangel von 10.000 Personen kolportiert. Gleichzeitig war die IT auf Platz 10 der Top-Lehrberufe im Monat. Das IHS stellte fest, dass 2010 auf 1.500 offene Stellen 1.400 arbeitslose InformatikerInnen kamen. Die StudienautorInnen vermuten, dass dies mit Vorurteilen zusammenhängt. Firmen könnten akademisch gebildete IT-Kräfte vorziehen. Die sind aber nicht zwingend besser qualifiziert. Die technische Entwicklung legt das nahe, unterbietet doch ihr Anpassungsdruck die Zeit eines Studiums vielfach. Bei solchen Einwänden beharren Firmen oft darauf, dass vorhandene BewerberInnen zu schlecht seien. Ausreichende Belege dafür fehlen.

Was die Politik plant und die Wirtschaft tun muss

Die Bundesregierung hat nun die Verdopplung der betrieblichen Lehrstellenförderung auf 20 Millionen Euro angekündigt – nach Kürzungen beim AMS. Schwarz-Blau will sogar mehr Asylberechtigte in die Lehre bringen. Immerhin, bislang wurden geflüchtete Lehrlinge eher abgeschoben oder verleumdet. Ihre Ausbildung zählte der Koalition kaum als Integrationsbemühung.

Freilich müssen für gleiche Arbeit die gleichen Regeln gelten. Werden Geflüchtete durch Lohndumping ausgebeutet, macht das auch InländerInnen erpressbar. Doch genau das scheint der politische Kurs zu sein; mit der neuen Mangelberufeliste wurden nämlich die Gehaltsuntergrenzen für Schlüsselkräfte herabgesetzt – von 2.565 auf 2.052 Euro für unter 30-Jährige und von 3.078 auf 2.565 Euro für jene darüber. Natürlich sind das immer noch vergleichsweise hohe Einstiegslöhne. Aber die Kürzung ohne Not, im Aufschwung, ist auch eine sinnlose Bestrafung von AusländerInnen (und inländischen FacharbeiterInnen). Sie macht Österreich als Arbeitsstandort nicht attraktiver.

All diese Maßnahmen binden nur ArbeitnehmerInnen und Arbeitssuchende. ArbeitgeberInnen werden durch eine sogenannte „Selbstverpflichtung“ verschont, mit den neuen Untergrenzen gar belohnt. Dabei drücken sie selbst seit Jahren die Löhne.

Das belegt der noch aktuelle Einkommensbericht des Rechnungshofs. Demnach blieben seit 1998 die Reallöhne der Angestellten etwa gleich, während jene der ArbeiterInnen deutlich sanken. Die Menschen mit den unteren 10 Prozent der niedrigsten Einkommen verloren 35,1, ArbeiterInnen im Schnitt 13 Prozent.

Wollen Politik und Unternehmen also wieder vollbesetzte Stellen haben, müssen sie selbst umdenken. Ein erster Schritt wären deutlich bessere Gehälter (z. B. in der Gastronomie). Zudem müssen Firmen verstärkt jene Fachkräfte selber ausbilden, die so dringend gebraucht und verlangt werden.

Über den/die AutorIn

Zoran Sergievski

Zoran Sergievski

Zoran Sergievski, geboren 1988 in Hessen, freier Journalist und Lektor. Studierte Publizistik in Wien. Schreibt seit 2007 für diverse Websites, Zeitschriften und fürs Radio, am liebsten über Medien, Rechtsextreme und Soziales. Lebt mit Kleinfamilie in Wien.