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Symbolfoto: Mannsbilder Die Unterstützung bei der Selbstfindung männlicher Heranwachsender ist heute wichtiger denn je. Die Bubenarbeit leistet dies und unterstützt letztlich alle Geschlechter.

Mannsbilder

Schwerpunkt Gleichstellung

Herkömmliche Männerstereotype belasten Frauen und Männer gleichermaßen. Die Burschen- und Männerarbeit vermittelt lebenstauglichere Selbstbilder.

Egal welcher Herkunft, die traditionelle Männlichkeit definiert sich meist über wirtschaftlichen Erfolg, Arbeit, Beruf und Selbstständigkeit. „Je traditioneller ein Männlichkeitsbild ist, desto schwieriger wird es, dieses in einer sich diversifizierenden Gesellschaft zu leben“, resümiert Christian Holzhacker vom Verein Wiener Jugendzentren. Fällt die Rolle des „Familienoberhauptes“, des Erfolgreichen und Tüchtigen weg, bleibt oft nur der eigene Körper.
Und der Körper hat, so wird überliefert, stark und dominant zu sein. „Ich lasse mir nichts gefallen“, will er zeigen. Nicht selten wird Gewalt als Strategie gewählt, um Konflikte zu lösen. Dass die heutigen Zeiten konfliktförderlich sind, ist bekannt. Weniger bekannt ist die Burschen- und Männerarbeit, die in Österreich seit über 30 Jahren erfolgreich gegen untaugliche Bilder von Männlichkeit ankämpft. „Nahezu alle psychosozialen Probleme können Männer und Frauen gleichermaßen betreffen“, schreibt der in der Männerberatung Wien tätige Psychologe Ulrich Krainz in der Festschrift „Typisch Mann – 30 Jahre in Bewegung“.

Typisch Mann?
Nur: Männer gehen anders damit um als Frauen. „Gerade in prekären und kritischen Lebenssituationen neigen Männer dazu, geschlechtstypisch zu reagieren.“ Ein Umstand, der in der Soziologie als männliches Bewältigungsmodell eingegangen ist. In diesem spielt die Anwendung von Gewalt seit jeher eine Rolle. So waren etwa im Jahr 2013 gewalttätige Handlungen in der Männerberatungsstelle Wien mit 41 Prozent prioritäres Thema. Viele Klienten kommen freiwillig, manche werden zugewiesen.

Dachverband
Die Männerarbeit in Österreich bietet ein sehr dichtes Hilfsangebot für Männer und Burschen. Am 15. Jänner 2016 wurde der Dachverband Männerarbeit in Österreich (DMÖ) gegründet. Mitglieder sind alle Männerberatungseinrichtungen in Österreich, wie etwa die Männerberatung Wien oder der Verein White Ribbon, der sich für öffentliche Kampagnen gegen Gewalt von Männern engagiert, oder poika, der Verein für gendersensible Bubenarbeit in Erziehung und Unterricht.
In jedem Bundesland ist mindestens eine Männerberatung tätig, wie der Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark oder die Männerberatung Mannsbilder Tirol. Älteste Einrichtung ist die Katholische Männerbewegung Österreich (KMB), die sich seit über 60 Jahren für Männer einsetzt.

Bubenarbeit
Auch die Buben-, Burschen- bzw. Jungenarbeit hat Tradition. Bereits die 1984 gegründete Männerberatung Wien hatte mit der angeschlossenen „Präventionsstelle“ Angebote für Jugendliche. Im Jahr 2008 wurde der Verein poika gegründet. „Die Bubenarbeit stärkt ein Selbstbewusstsein, das eine eigenständige Geschlechtsidentität fördert und nicht auf die Abwertung anderer zielt. Burschen nehmen eigene Grenzen und die der anderen wahr und finden gewaltfreie Problemlösungen“, schreibt Vereinsobmann Philipp Leeb in einem Text in der Zeitschrift „polis aktuell“.
„Die Bubenarbeit unterstützt letztlich alle Geschlechter“, meint Leeb. Die Unterstützung bei der Selbstfindung männlicher Heranwachsender sei heute wichtiger denn je. Leeb führt die relativ neue Strömung des „Maskulismus“ an, die stark mit der extremen Rechten sympathisiert. „Mit dem ‚Maskulismus‘ trat in den vergangenen Jahren ein ebenso widersprüchlicher wie gefährlicher Akteur in die geschlechterpolitische Diskussion.“
Obwohl der Maskulismus außerhalb der digitalen Welt kaum mobilisieren könne, sei er dennoch nicht zu unterschätzen, analysierte der Forscher Robert Claus in seiner im Juli 2014 erschienenen Studie „Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass“. Er könne, so Claus, eine ge­sellschaftspolitische Allianz zusammen mit patriarchalen Bewegungen sowohl dezidiert rechtsextremer als auch religiös fundamentalistischer Couleur bilden.

Offene Jugendarbeit
„Der digitale Raum ist unglaublich polarisiert und aggressiv geworden“, sagt Christian Holzhacker, seit 1999 in der offenen Wiener Jugendarbeit mit dem Fokus auf Burschenarbeit tätig. Im März des Jahres war er mit der Aufarbeitung einer tätlichen Auseinandersetzung mehrheitlich tschetschenischer und afghanischer Jugendlicher befasst. „Die Eskalation hatte auf Facebook mit persönlichen Beleidigungen begonnen. Einander gegenüber standen aber keine ethnischen oder religiösen Gruppen, sondern sozial prekarisierte Menschen, die mit massiven sozialen Fragen konfrontiert sind.“
Ziel der geschlechtsbezogenen Orientierung in der Jugendarbeit der Wiener Jugendzentren „ist die Unterstützung bei der reflektierten Ausbildung ihrer Geschlechterrollen und dem Abbau beiderseitiger geschlechtsspezifischer Benachteiligungen und rollenbezogener Vorurteile“. Die Burschenarbeit habe das Ziel, den jungen Menschen anstelle der herkömmlichen Männerstereotype ein lebensfreudiges und lebenstüchtiges Selbstbild zu vermitteln. Dabei stünden Ressourcen und Fähigkeiten im Vordergrund, weniger die Probleme, die sie verursachen oder die ihnen zugeschrieben werden.

Identität
Der Verein Wiener Jugendzentren beschäftigt sich schon seit Jahren mit Fragen der Identitätsentwicklung Jugendlicher im Kontext der Migrationsbewegungen. Die Herausforderungen des Erwachsenwerdens seien im Wesentlichen gleich geblieben, meint Holzhacker. Durch die Migration hinzugekommen seien unterschiedliche Männlichkeitsbilder. Auch Religion wurde in den letzten Jahren verstärkt Thema. „Sie wird in der immer chaotischer werdenden Welt mit Schwierigkeiten bei Bildungsübergängen, in der die Erwartungshaltung der Eltern mit jener der Gesellschaft kollidiert, zur Orientierungshilfe. Es ist aber keine Entwicklung, wenn sich die Jugendlichen mit viel religiösem Wissen in immer fundamentalistischere Positionen begeben. Beschäftigt man sich damit, fallen den Jugendlichen die Widersprüche selbst auf.“
Laut einer im Mai fertiggestellten Studie der Stadt Wien, in der Jugendliche aus der offenen Jugendarbeit befragt wurden, sind 27 Prozent der befragten muslimischen Teenies „radikalisierungsgefährdet“. Die Risikofaktoren der Radikalisierung, so Studienautor Kenan Güngör, seien der Religionsgrad, ein homogener Freundeskreis, Migrationserfahrung und das Geschlecht. Radikalisierung, lautet das Fazit, ist männlich.

Effiziente Arbeit
Inzwischen liegen Daten vor, die den Zusammenhang zwischen der Intervention mobiler Jugendarbeit und dem Rückgang von Delikten mit jugendlichen Tatverdächtigen statistisch nachweisen.
Zwischen Jänner 2014 und Mai 2016 führte das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) ein Forschungsprojekt unter dem Titel „JA_SICHER. Jugendarbeit im öffentlichen Raum als mehrdimensionale Sicherheitsmaßnahme“ durch. Mithilfe elaborierter Methodentools wurden aussagekräftige Erkenntnisse gewonnen und Empfehlungen zur Optimierung mobiler Jugendarbeit und zur Erhöhung des sozialen Friedens im Gemeinwesen abgeleitet. Die Studie attestiert der mobilen Jugendarbeit „eine beachtliche toleranzsteigernde Vorbildwirkung, etwa in den Dimensionen Gender, sexuelle Orientierungen und nationale bzw. ethnische Herkunft.“
Die Studie, deren Gesamtergebnisse zu Jahresende publiziert werden, beweist weiter: Durch den Einsatz der mobilen JugendarbeiterInnen gehen Körperverletzungen mit tatverdächtigen Jugendlichen in Parks und bestimmten Stadtteilen um 15 bis 20 Prozent zurück.

Linktipps:
Gender – Gleichstellung – Geschlechtergerechtigkeit. Texte, Unterrichtsbeispiele, Projekte.
Philipp Leeb, Renate Tanzberger, Bärbel Traunsteiner. Wien: Edition polis, 2014
tinyurl.com/oum5myj
„Schulische Bubenarbeit“, polis aktuell 8/2014
tinyurl.com/n9bfuel
Forschungsprojekt „JA_SICHER“
tinyurl.com/q7flqcg
www.wienerjugendzentren.at

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