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Das Ringen um die Zeit

Schwerpunkt Gleichstellung

Frauen arbeiten mehr und verdienen weniger als Männer. Doch es könnte auch anders gehen.

„Frauen zahlen den Preis für ein funktionierendes Familienleben.“ So fasst das Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen die Ergebnisse einer Studie zu den unterschiedlichen Arbeitszeiten von unselbstständig beschäftigten Männern und Frauen zusammen. Die Frauenabteilung der GPA-djp präzisiert das Problem: „Die ungeschminkte Wahrheit lautet: Frauen in Österreich leisten zwar fast doppelt so viele Stunden an unbezahlter Arbeit wie Männer, aber sie verdienen wesentlich weniger, da sie dadurch weniger Stunden bezahlte Erwerbsarbeit leisten.“

Die Zeitschere
In Österreich betrug der „Gender Time Gap“– also der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der bezahlten Wochenarbeitszeit – im Jahr 2015 mehr als acht Stunden. Dies ist der dritthöchste bzw. drittschlechteste Wert in der Europäischen Union. Bemerkenswert: Bei immerhin 17 von 28 EU-Staaten macht diese Lücke weniger als vier Stunden pro Woche aus.
In Österreich hat sich zwar dieser „Gap“ in den letzten zehn Jahren um knapp eine Stunde reduziert. Den entsprechenden politischen Bemühungen – etwa um den Ausbau der Kinder- und Nachmittagsbetreuung oder die Reform des Kindergeldes – wirkt aber vor allem die massive Ausweitung der Teilzeit permanent entgegen. So ist die Teilzeitrate in Österreich stärker gestiegen als anderswo, nämlich um 25 Prozent. Im EU-Schnitt erhöhte sich dieser Wert lediglich um rund 15 Prozent. Frauen sind von dieser Entwicklung besonders negativ betroffen. Bei ihnen hat sich dieser Wert von 1994 bis 2015 von 26 auf rund 48 Prozent erhöht, während er bei Männern – trotz einer ebenfalls deutlichen Steigerung – nur bei 11 Prozent lag. Nach einer Studie der Statistik Austria ist der Stundenlohn von Frauen, die Teilzeit arbeiten, zudem im Durchschnitt um fast ein Viertel niedriger als jener von Frauen, die Vollzeit beschäftigt sind.
Genau umgekehrt stellt sich demgegenüber die Kluft zwischen Männern und Frauen bei der unbezahlten Arbeit bzw. der Gesamtarbeitszeit dar. Laut Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria arbeiten erwerbstätige Frauen 66 Stunden pro Woche. 40 Prozent dieser Arbeit sind unbezahlt. Bei Männern sind es 64 Stunden, allerdings zwei Drittel davon bezahlt.

Allheilmittel Flexibilisierung?
Flexibel arbeiten und Vereinbarkeit leben: So lautet das Motto von „Frau in der Wirtschaft“ der Wirtschaftskammer Österreich. Gefordert werden unter anderem Einzelvereinbarungen zur Festlegung der Wochenarbeitszeit sowie die problemlose Erhöhung der täglichen Arbeitszeit für unselbstständig Beschäftigte. Zumindest in der Theorie klingt dies verlockend. In der Praxis aber würde das vor allem den Wegfall von Zuschlägen und Normalarbeitszeiten von bis zu zehn Stunden pro Tag bedeuten. Frauen, die – wie erwähnt – durch die hohe Teilzeitquote ohnehin weniger verdienen und damit auch weniger Pension erhalten, würden so zusätzlich belastet werden. Der Druck, auf Zuruf des Unternehmens gegebenenfalls einfach länger zu arbeiten, würde weiter steigen, und damit würden die Möglichkeiten, „Vereinbarkeit“ zu leben, in vielen Fällen sogar real sinken.

Flexibilisierung nutzt Männern
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Studie von Yvonne Lott und Heejung Chung, Forscherinnen der Hans-Böckler-Stiftung und der University of Kent. Tatsächlich vergrößert nämlich der Wechsel in Gleitzeit oder in frei wählbare Arbeitszeiten die Lohnschere zwischen Männern und Frauen. Bei Männern steigt nach einem Wechsel auf Gleitzeit der Jahresbruttolohn im Schnitt um 1.200 Euro, bei vollständiger Arbeitszeitautonomie sogar um 2.400 Euro. Selbst wenn der Überstunden-Effekt herausgerechnet wird, bleiben Zuwächse von 1.100 bzw. 2.100 Euro. Bei Frauen ist demgegenüber keine signifikante Veränderung feststellbar.
Doch warum ist das so? Die beiden Wissenschafterinnen meinen, dass Vorgesetzte hier Männern einfach höheres Engagement und mehr Produktivität zumindest zuschreiben. Frauen müssen demgegenüber flexiblere Arbeitszeiten vor allem dazu nutzen, um weiter ihren Betreuungspflichten nachzukommen. Auch wenn Gleitzeitmodelle im einen oder anderen Fall Sinn machen können, lösen Flexibilisierungen somit keineswegs Fragen der Verteilungsgerechtigkeit der Arbeitszeit. Das betont auch die Soziologin Claudia Sorger, die seit Jahren zum Thema Arbeitszeit und Geschlechtergerechtigkeit forscht.

Für Sorger stecken Arbeitszeitmodelle und Arbeitszeitpolitik viel zu stark in Mustern der Vergangenheit fest: 40-Stunden-Woche, der männliche Vollzeitmann und die „Back-up“-Frau. „Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich nicht in der Gestaltung der Arbeitszeit wider“, fasst die Soziologin das Problem zusammen. Aus feministischer Perspektive wird die Frage der Verteilung von (unbezahlter) Arbeit schon lange betont.
Männer sollen ebenso wie Frauen Betreuungsarbeit leisten. „Viele Männer wollen das auch inzwischen durchaus tun“, ist sich Sorger sicher. Sie verweist auf Umfragen, wonach in Deutschland 47 Prozent aller Eltern mit Kindern unter sechs Jahren eine egalitäre Aufteilung wünschen, bei der beide Elternteile annähernd im selben Arbeitszeitausmaß arbeiten. Ebenso werden in diesem Kontext konkrete Umsetzungsmodelle diskutiert bzw. getestet. So hat die deutsche Familienministerin Manuela Schwesig die Idee einer „Familienarbeitszeit“ in die Debatte geworfen. Jungen Paaren soll eine egalitäre Aufteilung der Versorgungs- und Erwerbsarbeit durch eine staatlich gestützte 32-Stunden-Woche ermöglicht werden.

Gute alte Forderungen
Andere Modelle gehen stark in Richtung guter alter gewerkschaftlicher Forderungen. So wurde in einem Pflegeheim im schwedischen Göteborg 2014 per Beschluss der Stadtverwaltung die Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden bei gleichbleibender Bezahlung umgesetzt. Ein zentraler Effekt des Versuchs war, dass viele Teilzeitjobs verschwanden.
So wurden mit einem Schlag 30-Stunden-Teilzeit- zu Vollzeit-Jobs. Viele Pflegerinnen wechselten in den neuen und offenbar attraktiven 6-Stunden-Schichtplan und begannen damit Vollzeit zu arbeiten. „Kürzer arbeiten – leichter leben“ lautete das Motte einer Kampagne der GPA-djp im letzten Jahr. Im Fokus stand dabei die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Eva Scherz von der GPA-djp sieht in der Kampagne einen bewussten Kontrapunkt zu den hohen realen Arbeitszeiten in Österreich.

Klarer Zusammenhang
Sehr klar sieht die Gewerkschafterin auch den Zusammenhang zwischen Geschlechtergerechtigkeit und Arbeitszeitverkürzung: „Um zu einer gerechteren Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern zu kommen, führt kein Weg an einer Arbeitszeitverkürzung vorbei.“
Claudia Sorger argumentiert ähnlich und betrachtet vor allem die Verkürzung der Wochennormalarbeitszeit als zentralen Hebel, um entsprechende Gestaltungsspielräume zu schaffen. Nicht nur der Druck auf erwerbstätige Eltern würde somit insgesamt geringer. Auch Mythen wie lange Anwesenheiten als Messlatte für gute Arbeitsleistung könnten dadurch leichter infrage gestellt werden. Weitere Ansatzpunkte bestehen in der Anerkennung der Versorgungsarbeit als gesellschaftliche Aufgabe durch den Ausbau von Betreuungseinrichtungen.
Nicht zuletzt sollten Frauen und Männer in der Arbeitszeitpolitik ausgewogen repräsentiert sein. Dabei geht es aber nicht nur um die Einbeziehung der Lebensrealität und Bedürfnisse von Frauen. Strategien zur Geschlechtergerechtigkeit müssen auch an Männer adressiert sein. Die Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern bedarf schließlich auch einer Veränderung der männlichen Geschlechterrollen und Normen.

Nadja Bergmann und Claudia Sorger (Hg.)
40 Jahre 40-Stunden-Woche in Österreich: Und jetzt?
Impulse für eine geschlechtergerechte Arbeitszeitpolitik, ÖGB-Verlag 2016
Download unter tinyurl.com/ptqokq5

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