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Symbolbild zum Tabuthema Einkommen In Österreich ist das Einkommen ein gut gehütetes Geheimnis und häufig auch unter KollegInnen ein Tabuthema. Deshalb werden Entgeltdiskriminierungen meist nicht offensichtlich als solche erkannt.

Frauen blitzen öfter ab

Schwerpunkt Gleichstellung

Wer glaubt, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen schüchterner als Männer sind, irrt gewaltig. Sie fordern sehr wohl mehr Geld - nur bringt es ihnen nichts.

Frauen verdienen weniger als Männer. Der Einkommensunterschied besteht bereits seit Jahren. „Frauen sind schüchtern, bescheiden und trauen sich nicht, in Gehaltsverhandlungen mehr Geld zu fordern“: So lautet eine weitverbreitete Annahme.

Von Vorurteilen geleitet
Doch stimmt diese These oder ist sie vielleicht selbst von Vorurteilen geleitet? In einer groß angelegten Fallstudie haben sich WissenschafterInnen der University of Wisconsin, der University of Warwick und der Cass Business School dieses Themas angenommen. Im Zuge der Studie wurden 4.600 Angestellte in mehr als 800 australischen Unternehmen befragt. Das deutliche Ergebnis: Frauen fragen genauso oft wie ihre männlichen Kollegen nach einer besseren Bezahlung – allein: Sie erhalten sie seltener.

Um 25 Prozent geringere Chance
Die ForscherInnen fanden keine Anzeichen dafür, dass Frauen bei Gehaltswünschen zögerlicher sind, weil sie sich vor negativen Auswirkungen auf das Arbeitsklima fürchten, wie ebenfalls oft orakelt wird. „Wir müssen akzeptieren, dass hier offenbar schlicht diskriminiert wird“, sagt Andrew Oswald, Professor an der University of Warwick und einer der AutorInnen der Studie. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen mit ihrer Forderung nach mehr Einkommen beim Chef erfolgreich sind, liegt sogar um 25 Prozent unter jener von Männern. Dieses Umfrageergebnis ist nicht besonders überraschend, wenn man bedenkt, dass es Unternehmen weltweit seit Jahren verabsäumen, ihre Machokultur zu ändern. Frauen sind nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung in den Führungsebenen, sie werden vorwiegend mit operativen oder bestenfalls taktischen Führungsaufgaben betraut, vom strategischen Topmanagement bleiben sie meist ausgeschlossen.

Still sein, auf Superkräfte vertrauen?
Gründe dafür gibt es viele, einer könnte aber auch das veraltetete Frauenbild mancher Konzernmanager sein. So sorgte Microsoft-Chef Satya Nadella vor etwas mehr als zwei Jahren mit seiner Äußerung: „Frauen sollten nicht nach einer Gehaltserhöhung fragen, sondern darauf warten, bis der Chef sie für angemessen hält“, für große Empörung. Noch ab­s­truser wird die Aussage, wenn man bedenkt, dass er diesen Karrierehinweis nicht während eines Männerstammtisches fallen ließ, sondern bei einer Fachkonferenz für Frauen in der IT-Branche – noch dazu eine Branche, die händeringend nach mehr weiblichem Personal sucht. Nadella ging sogar noch einen Schritt weiter und erklärte, Frauen sollten auf ihre angeborenen „Superkräfte“ vertrauen und daran glauben, dass das System ihnen schon die richtige Gehaltserhöhung geben werde. „Es ist wie gutes Karma. Du wirst dafür belohnt“, erklärte er. Aus dem Machotum ins 21. Jahrhundert übersetzt bedeutet das nichts anderes als: „Frauen, seid nett, bleibt still, irgendwann werdet ihr und euer Wissen und Können von eurem Vorgesetzten schon entdeckt.“

Reine Diskriminierung
Was soll man als Frau denken oder wie soll man mit solchen Äußerungen umgehen, wenn sie von einem Mann kommen, der inklusive Boni ein zweistelliges Millionengehalt verdient? Für die ÖGB-Frauen ist das ein Tipp, der absolut fehl am Platz ist. „Dass Frauen sich mit der Ungleichverteilung von Chancen abfinden sollen – davon kann keine Rede sein. Viel eher sollten Chefs ihren eigenen Umgang mit Arbeitnehmerinnen überdenken. Denn auch von ihnen hängt der Erfolg des Unternehmens ab, und es gibt keine plausible Erklärung dafür, warum Männer für gleichwertige Arbeit mehr verdienen sollten“, betont Isabella Guzi, ÖGB-Bundesfrauensekretärin.
Genauso dachten wohl auch die KonferenzteilnehmerInnen, die ihrem Unmut über Nadellas Aussagen auf Twitter Luft machten. Eine fragte beispielsweise, ob der Microsoft-Manager den „Bezug zur Realität“ verloren habe, eine andere warf ihm Versagen als Ratgeber vor. „Frauen sind gut ausgebildet, leisten tolle Arbeit und fordern selbstbewusst, was ihnen zusteht. Dass das am Gehaltszettel nicht sichtbar ist, ist eine reine Diskriminierung“, so Guzi. Anhand eines simplen Beispiels versucht sie, diese Ungerechtigkeit zu erklären. „Man stelle sich vor, ein Manager stellt zwei neue junge ArbeitnehmerInnen ein. Der Mann wird von Anfang an in der Lohngruppe VI eingestuft, die Frau in der Lohngruppe IV, obwohl sie in der gleichen Abteilung arbeitet und genauso qualifiziert ist. Das kann die junge Frau über Jahre hinweg benachteiligen.“
Aufgrund der scharfen Kritik ruderte sogar der Chef des Technologiekonzerns später zurück und erklärte auf Twitter, er habe sich zu undeutlich ausgedrückt: „Unsere Branche muss die Lücke bei der unterschiedlichen Bezahlung von Männern und Frauen schließen.“ Dann seien auch keine Gehaltserhöhungen zum Ausgleich von Benachteiligungen notwendig. Bleibt nur zu hoffen, dass er seine Einstellung gegenüber dem weiblichen Geschlecht dauerhaft geändert hat und die Leistung seiner Arbeitnehmerinnen fair und gerecht honoriert – auch dann, wenn sie sich nicht nur auf ihre Superkräfte verlassen und lautstark nach mehr Geld fragen.  

Weltweite Ungleichheit
Laut dem World Economic Forum (WEF) gibt es kein Land, wo Frauen und Männer gleich viel verdienen. Der Gender Pay Gap in Australien liegt bei etwa 17 Prozent, in Deutschland beträgt die Gehaltslücke laut Statistischem Bundesamt aktuell 21 Prozent, und in Österreich beträgt die Lohnschere 22,4 Prozent. Für die neue Studie über Gehaltsverhandlungen haben sich die ForscherInnen auf Australien fokussiert, weil es weltweit nur dort seit Jahren eine systematische Umfrage gibt, die das Arbeitsumfeld im Detail erhebt. Erfasst wird unter anderem auch, wenn MitarbeiterInnen eine Gehaltserhöhung fordern, ganz egal, wie die Verhandlung ausgeht. Laut Oswald lassen sich die Ergebnisse auch auf die USA und Europa übertragen, weil auf den Arbeitsmärkten ähnliche Bedingungen herrschen. Dass Australien in dieser Hinsicht eine Sonderstellung einnehme, hält er für „unwahrscheinlich“.
Man kann aus den Daten aber auch eine positive Erkenntnis herauslesen, sagt Ko-Autorin Amanda Goodall von der Cass Business School. Weibliche Angestellte unter 40 Jahren könnten demnach die gleichen Gehaltssteigerungen erzielen wie ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen. „Junge Frauen scheinen mehr Erfolg bei Gehaltsverhandlungen zu haben als ältere. Eine Tendenz, die hoffentlich bestehen bleibt, wenn auch sie selbst älter werden“, so Goodall.

Gut informiert in die Verhandlung
In Österreich ist das Einkommen ein gut gehütetes Geheimnis und häufig auch unter KollegInnen ein Tabuthema. Deshalb werden Entgeltdiskriminierungen meist nicht offensichtlich als solche erkannt. „Vielen Frauen ist nach wie vor nicht bewusst, dass sie eigentlich zu wenig für die geleistete Arbeit verdienen“, erklärt Guzi. Daher ist es für sie besonders wichtig, Einblick in branchenüb­liche Entlohnungsverhältnisse zu haben, den Kollektivvertrag zu kennen, sich mit dem eigenen und dem Einkommen der KollegInnen im Betrieb auseinanderzusetzen und auch Entgeltbestandteile zu hinterfragen.

Bereits beim Einstellungsgespräch – da werden nämlich die Weichen für die weitere Einkommensentwicklung gestellt – müssen die Frauen genauer hinsehen, betont die ÖGB-Bundesfrauensekretärin. Hilfestellung und Unterstützung bietet hier die Broschüre „Gut verhandelt = besser bezahlt“ der ÖGB-Frauen. „Die Ratgeberin“ zeigt Einkommensfallen und Regeln auf, informiert über die wichtigsten Aspekte, die es vor und während des Bewerbungsgesprächs bis zu Abschluss des Arbeitsvertrages zu beachten gilt, und zeigt darüber hinaus unzulässige Interviewfragen und Diskriminierungstatbestände auf. Doch wie die Studie zeigt, müssen die Frauen wohl weniger das Fragen lernen, sondern ihre Vorgesetzten vielmehr das Zuhören und Eingehen auf die Gehaltsforderungen von Frauen – und dass die Arbeit von Frauen gleich viel wert sein muss wie jene von Männern.

Weitere Infos finden Sie unter:
www.oegb.at/frauen
tinyurl.com/okzu6oy

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin amela.muratovic@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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