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Symbolbild zum Beruf FriseurIn Während ein Maurer im dritten Lehrjahr mit 1.849 Euro brutto nach Hause geht, müssen sich Friseurinnen nach sechs Jahren Berufserfahrung mit rund 1.612 Euro brutto zufrieden geben.

Frauen hier, Männer dort

Schwerpunkt Gleichstellung

In Österreich entscheidet weiterhin das Geschlecht über die Berufswahl junger Menschen und nicht ihre Fähigkeiten und Interessen.

Im sechsten Berufsjahr nicht einmal so viel verdienen, wie andere im dritten Lehrjahr als Lehrlingsentschädigung bekommen: Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist leider geradezu ein symbolisches Beispiel dafür, warum die Einkommensschere in Österreich nach wie vor weit offen ist. Immerhin ist das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen von Frauen um mehr als ein Drittel niedriger als jenes der Männer.
Schon in jungen Jahren, nämlich bei der Auswahl der Lehrausbildung, gehen Burschen und Mädchen unterschiedliche Wege: Fast die Hälfte der weiblichen Lehrlinge wählt gerade einmal drei Lehrberufe, nämlich Einzelhandel, Bürokauffrau und Friseurin.

Guter Verdienst, wenige Lehrstellen
Es sind auch Berufe, in denen die Einkommen sehr niedrig sind. Während beispielsweise ein Maurer im dritten Lehrjahr mit 1.849 Euro brutto nach Hause geht, müssen sich Friseurinnen nach sechs Jahren Berufserfahrung mit rund 1.612 Euro brutto zufriedengeben. Auch wenn bei den Friseurinnen das Trinkgeld nicht enthalten ist, so weist dieser Vergleich doch auf einen wesentlichen Faktor hin, weshalb Frauen so schlecht abschneiden, was das Einkommen betrifft.
Der Arbeitsmarkt kommt jungen Menschen nicht gerade entgegen, im Gegenteil: Wo man relativ gut verdient, besteht kein so üppiges Lehrstellenangebot. So gibt es etwa im Fremdenverkehr einen massiven Überschuss an Lehrstellen: Auf rund 1.500 angebotene Lehrstellen kamen im Jahr 2015 rund 500 Lehrstellensuchende. In den Metall- und Elektroberufen ist es umgekehrt, dort rangeln rund 1.400 Lehrlinge um rund 450 offene Lehrstellen, am Bau kamen 457 Lehrlinge auf 176 offene Lehrstellen.

Doppelt so viele Hilfskräfte
Vor diesem Hintergrund nimmt es wenig wunder, dass die Segregation in den mittel qualifizierten Berufen mit Lehr- oder BMS-Abschluss am stärksten ist. Frauen sind in diesem Segment auf die Angestelltenberufe wie Bürokräfte, Dienstleistung oder Verkauf konzentriert. Stark segregierte „Männerberufe“ wiederum sind Fertigungsberufe wie Handwerk, Maschinenbedienung oder Montage. Der Anteil der Hilfskräfte schließlich ist unter den Frauen fast doppelt so hoch wie unter den Männern.
Der Anteil der Führungskräfte ist unter den Männern mehr als doppelt so hoch wie unter den Frauen. Die eindrucksvolle Expansion höherer Ausbildungen von Frauen findet zwar ihren Niederschlag darin, dass unter ihnen sowohl der Anteil der akademischen Berufe als auch jener mit technischen und nicht technischen Ausbildungen auf Maturaniveau höher sind als bei den Männern. Allerdings werden diese Potenziale nicht genutzt, sondern Frauen vielmehr unter ihren Qualifikationen beschäftigt. Selbst das stabilste Beschäftigungssegment, nämlich jenes der ganzjährig vollzeitbeschäftigten unselbstständig Erwerbstätigen, ist in hohem Ausmaß von geschlechtsbezogener Segregation gekennzeichnet. Zu den segregierten Frauenberufsgruppen (mit einem Frauenanteil von mehr als 60 Prozent) zählen Lehrkräfte, Assistenzberufe im Gesundheitswesen, Betreuungsberufe, Bürokräfte, Verkaufskräfte und Reinigungspersonal.
Stark segregierte Männerberufsgruppen (mit einem Männeranteil von als 85 Prozent) sind etwa Fahrzeuglenker, Baufachkräfte, Metallberufe, Elektrik- und Elektronikfacharbeiter, Ingenieurfachkräfte oder IK-Techniker.

Frühe Berufswahl von Nachteil
Die traditionelle Auswahl von Lehrberufen fällt freilich nicht vom Himmel. Vielmehr beeinflusst die soziale Herkunft die geschlechtsspezifischen Vorstellungen über erstrebenswerte und erreichbare Berufe, Bildungs- und Berufsentscheidungen. Der Elternhaushalt und dessen soziales Umfeld, Gleichaltrige und SchulkollegInnen spielen dabei eine Rolle. Töchter von Eltern mit Universitätsabschluss haben etwa andere Bilder von anzustrebenden und erreichbaren Berufen als Töchter von Eltern mit FacharbeiterInnenberufen. Derartige Vorstellungen werden in der Schule oft unbewusst verstärkt, und die Medien transportieren ebenfalls solch gängige Zuschreibungen.
Ein weiterer Aspekt ist der Zeitpunkt, in dem junge Menschen die Entscheidung über ihre spätere Berufslaufbahn treffen: mitten in der Pubertät. Es ist ebenjene Zeit, in der das soziale Umfeld eine wichtige Rolle spielt – und in der die Jugendlichen noch dazu erst auf der Suche nach ihrer Geschlechteridentität sind. Umso wichtiger ist es, dass man auch die Eltern in die Bemühungen miteinbezieht.

Hartnäckige Rollenbilder
Traditionelle Rollenbilder halten sich auch in den Bildungseinrichtungen weiterhin hartnäckig, von Kindergarten bis Schule. Dazu kommt, dass KindergartenpädagogInnen und VolksschullehrerInnen, die besonders prägend für Kinder sind, zu den Berufen mit dem höchsten Frauenanteil zählen. Auf diese Weise werden den Kindern in einer entscheidenden Bildungsphase unterschwellig stereotype Arbeitsteilungsmuster vermittelt. Auch bei den Arbeitgebern selbst halten sich Vorurteile gegenüber Frauen, weshalb sie weibliche Bewerberinnen oft erst gar nicht engagieren.
Zu diesen Faktoren kommt hinzu, dass die Betreuungsaufgaben im Haushalt in Österreich weiterhin sehr traditionell verteilt sind. Überlegungen bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beeinflussen nicht nur die Berufswahl von jungen Frauen, sondern spielen auch in der weiteren Berufslaufbahn eine wichtige Rolle. Frauen suchen dann häufig nach Vollzeitberufen mit günstigen Arbeitszeiten oder nach Teilzeitbeschäftigungen – und erneut sind es genau jene Berufe, die zumeist stark segregiert sind.
Der deutliche Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen in den letzten Jahren hat die berufliche Segregation eher verstärkt. Denn erstens bewirkt die höhere Frauenerwerbstätigkeit zusätzliche Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Pflegeleistungen. Diese Berufe sind überwiegend stark segregierte Frauenberufe. Und zweitens erfolgt die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen vorwiegend in der Form von Teilzeitbeschäftigung – ein Arbeitsmarktsegment, in dem wiederum in hohem Maße „Frauenberufe“ dominieren.

Die Tatsache, dass viele Frauen und Männer nur bestimmte, den geschlechtlichen Stereotypen entsprechende Berufe für sich in Erwägung ziehen, hat zur Folge, dass potenzielle Berufs- und Lebenschancen nicht verwirklicht werden, Talente unerkannt und Möglichkeiten der Gesellschaft ungenutzt bleiben. Schließlich begünstigt geschlechtsbezogene berufliche Segregation den hartnäckigen Fortbestand überkommener Vorstellungen über typische Frauen- bzw. Männerberufe und traditioneller Geschlechterrollen.
Gleichstellungspolitik
In Österreich haben mehrere gezielte Einzelmaßnahmen bereits gewisse Erfolge beim Abbau der beruflichen Segregation erzielt: beispielsweise Initiativen zur Förderung von Frauen in Naturwissenschaft und Technik; der „Wiener Töchtertag“, an dem Mädchen unterschiedliche Berufe kennenlernen können; das Programm „Frauen in Handwerk und Technik“ im Bereich der Arbeitsmarktpolitik. Was bislang weitgehend fehlt, sind Maßnahmen, die Anreize für junge Männer setzen, stark segregierte Frauenberufe, also zum Beispiel Kindergartenpädagoge oder Volksschullehrer, zu ergreifen. In den letzten beiden Jahrzehnten ist die berufliche Segregation leicht zurückgegangen. Innerhalb der EU liegt Österreich im Mittelfeld: Um eine berufliche Gleichverteilung von Frauen und Männern zu erzielen, müsste rund die Hälfte der Beschäftigten ihren Beruf wechseln.

Talente statt Stereotype
Freilich kann es nicht darum gehen, Männer und Frauen in Berufe zu zwingen, für die sie weder Interesse noch Qualifikation haben. Worum es aber sehr wohl geht, ist, dass nicht mehr traditionelle Vorstellungen der wichtigste Faktor bei der Berufswahl sind, sondern vielmehr die Talente und Fähigkeiten der jungen Menschen im Vordergrund stehen.

Schreiben Sie Ihre Meinung an die AutorInnen michael.mesch@akwien.at und sonja.fercher@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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